Walter muss weg – und dann gibt es Rouladen

neulich sitze ich hier zu Hause auf der kleinen „früh-morgens-Terrasse“ bei Kaffee, Zigarette, Sonnenaufgang und träume so vor mich hin.

Da höre ich hinterm blauen Zaun zwei ältere Damen schnattern, die auf dem Weg zum Arzt, zum Edeka oder sonst was sind und hier vorbei kommen:

„das olle Wohnmobil stört mich hier aber“

„ja, mich auch. Das versperrt hier ja die ganze Sicht. Dat muss wech“

Nun, ich weiß nicht welche Sicht sie meinen, vielleicht mussten die Damen aber ja auch zum Augenarzt. Jedenfalls gibt es rechts von Walter eine Häuserwand, links von ihm die Straße. Beides finde ich nicht allzu sehenswert. Aber was weiß ich denn schon ….

Jedenfalls habe ich erst geschmunzelt und dann gedacht:

„jo, stört mich auch!“

Statt auf dem Parkplatz hätte ich „Walter“, das Wohnmobil nämlich viel lieber auf einem schönen Stellplatz. Am Meer. Mit uns darin.

Geht leider nicht, wir sind zu Hause, müssen arbeiten und das WoMo steht vor der Tür. Jedenfalls so lange, bis wir unseren ganzen Kram ausgeräumt hatten. Seitdem steht er wieder auf seinem großen Ruheplatz und die Sicht auf die Hauswand ist frei. Gern geschehen, liebe Damen.

Nun sind wir also wieder zu Hause in diesem kleinen, beschaulichen Ort und das Fernweh ist groß. Was macht eigentlich den Unterschied aus zwischen „zu Hause“ und „unterwegs“?

Ja, wir lieben das #hausmitdemblauenzaun. Wirklich. Schon als wir es das erste Mal gesehen haben, haben wir uns verliebt. Ging mir mit der Hausbesetzerin übrigens genauso, aber das ist eine andere Geschichte und die soll ich hier nicht erzählen. Sagt sie.

Das Haus mag uns auch, jedenfalls ist es groß, warm und sehr freundlich. Kein Wasser im Keller, egal wie sehr es regnet. Hübsch anzuschauen, egal von welcher Seite. Groß und einladend, egal was wir gerade tun. Die alten Mauern erzählen Geschichten aus 120 Jahren. Und der Garten grünt und blüht, dass es nur so eine Pracht ist. Apropos, ich müsste mal wieder Rasen mähen.

Walter, das Wohnmobil dagegen? Klein ist es innen, so dass ich mich immer ganz eng an die geliebte Platzbesetzerin schmiegen muss, wenn ich mal an ihr vorbei muss. Kühl ist es, wenn die Sonne in Schweden nicht scheint. Alt ist Walter auch – und im Gegensatz zum Haus merkt man ihm das Alter aber auch an. Irgendwie kompliziert ist Walter auch. Ständig muss man irgend etwas verstauen, öffnen, schließen, anschalten, ausschalten, entleeren, auffüllen. So ein Haus mit allem drum und ran ist schon sehr komfortabel.

Doch nun steht Walter eben eine Weile still und wir genießen den Komfort der ehrwürdigen Mauern. Ich beobachte derweil gespannt, was hinter dem blauen Zaun so passiert.

Neulich haben wir auf einem Stellplatz ein älteres Pärchen aus dem Rheinland getroffen. Für sie war es lebensnotwendig, dass sie während der Karnevalszeit unterwegs sind – am liebsten ganz hoch im Norden bei den härtesten Karnevals-Verweigerern. Nur eben um jeden Preis nicht zu Hause.

Sie haben uns erzählt, wie sich die Karnevals-Vereine gegenseitig überbieten wollen. Wer hat das ausgefallenste Kostüm, wessen Wagen ist größer, bunter, verrückter? Wer hat die lauteste Musikbox, verträgt am meisten Alkohol und hat die mutigste Büttenrede.

Ich habe mir damals nicht viel dabei gedacht, die Aktivitäten zum Karneval sind hier im Norden ja auch eher homöopathisch.

Ich wäre trotzdem gerne für ein paar Wochen nicht zu Hause gewesen. Vielleicht im Rheinland? Bestimmt gibt es dort ein Örtchen, in dem gerade keine Kommunalwahlen stattfinden? Oder auf einem Campingplatz. Dort wird ja nicht um Wählerstimmen gerungen, sind ja alle von „auswärts“ auf so einem Platz.

Wenn Du aber zu Hause bist, bist Du mittendrin. Volles Brett. Also im Wahlkampf. Im Karneval wahrscheinlich auch, aber das kann ich nicht beurteilen.

Es fängt damit an, dass plötzlich uralte Geschichten hochgespült werden. Das Dorf, in dem Du lebst, gibt es ja zweimal. Mindestens. Also einmal physisch, so ganz real mit 120 Jahre alten Mauern, blauer Zaun, Straße, Edeka, Siglinde von nebenan und seit zwei Jahren defekter Straßenlaterne.

Das selbe Dorf gibt es aber noch einmal. Als Facebook-Gruppe. Die Bewohner sind gleich, sie verhalten sich nur anders.

Während man sich im echten Dorf noch anständig grüßt, auf dem Weg zum Augenarzt belanglos plaudert und dem ein oder anderen auch einfach mal aus dem Weg gehen kann, geht es im Facebook-Dorf zu wie auf dem Schützenfest kurz vor „letzte Runde“. Da brüllt einer vom Tresen quer durchs Festzelt, dass ihm etwas nicht passt. Irgendwas ist ja immer, zum Beispiel das Bier zu warm oder die Musik ist scheiße. Er (der Brüller) ist so voll, dass ihn kaum jemand versteht. Außerdem kennen ihn alle, der brüllt immer, wenn er voll ist.

„jaja, Paul. Ist gut“ hört man dann.

Viel mehr passiert meist nicht, im echten Dorf. Falls doch, falls Gert noch neben ihm sitzt oder er umfällt am Tresen, gibt es was Neues zu erzählen im Dorf. Zum Beispiel auf dem Weg zum Augenarzt. „hast Du schon gehört, der Paul hat wieder….“

Nach ein – zwei Wochen hat es jeder gehört, dann ist es aber auch wieder gut. Jedenfalls bei den kleinen Skandalen. Bei den größeren dauert es auch schon mal länger. Das kann sich dann schon mal entwickeln. Am Ende geht sich dann irgendwer aus dem Weg oder wird nicht mehr zum Geburtstag eingeladen. Aber dann muss es schon um etwas gehen. Etwas Wichtiges für alle. Neue Freundin oder falsch geparkt oder so.

Im Facebook-Dorf geht es immer um grundsätzliches. Das warme Bier wird zur Klimakatastrophe, Gert hat grundsätzlich keine Ahnung von irgendwas und soll froh sein, dass ….

So weit, so normal. Aber nu is Wahlkampf.

Und wer bis dahin sowohl im echten als auch im Facebook-Festzelt still in der Ecke gesessen und sein Bier getrunken hat, der steht jetzt auf und steigt auf den Tresen. Denn er muss da dringend mal etwas loswerden, wirklich wichtig, existentiell. Immerhin geht es um alles bei dieser Wahl, AAALLLLES!

Und wie er da so steht auf dem Facebook-Festzelt-Tresen brüllt er heraus, dass Kandidat 1 vor zwei Jahren mal „guten Morgen“ gesagt hat. Am frühen Nachmittag. Könnt Ihr Euch das vorstellen? Wer beim Grüßen schon lügt, dem kann man doch gar nichts mehr glauben. Unwählbar!

Unser Freund auf dem Tresen hat zwar letzte Woche seinen eigenen Hochzeitstag vergessen, aber an das „guten Morgen“ vor zwei Jahren erinnert er sich genau. Und viele andere im Zelt auch. Sie stürmen herbei und diskutieren wild.

Der nächste steigt auf den Tresen. Er fährt zwar seit 6 Monaten mit abgelaufenem TÜV durch die Gegend, aber auf den Wahlplakaten von Kandidat 2 fehlt ein Logo. Er hat das überprüft. Das ist doch Betrug. Wie gut, dass er es rechtzeitig gesehen hat und alle anderen warnen konnte.

Und da, noch einer. Das ist der, der im Winter seinen Schnee vorm Haus immer zum Nachbarn rüber schiebt. Er hat genau gezählt. Kandidat 2 hat vier Plakate mehr aufgehängt als der andere. Schnell lädt er noch eine Karte hoch, in der er die Standorte genau eingezeichnet hat.

Die Menge vorm Facebook-Tresen jubelt. Endlich spricht es mal jemand aus. So geht es hin und her. Jeder, der will, darf mal auf den Tresen. Die Themen werden belangloser, die Kommentare hitziger.

Ich stelle mir vor, die würden sich im echten Festzelt gegenüber sitzen. Ja klar, da gäbe es Bier oder so. Dadurch wird es automatisch lauter und hitziger. Aber so? Unvorstellbar, dass sich Paul jemals wieder 3 Eier von Gert holen könnte, weil er die beim Einkaufen vergessen hat. Oder ihm ein Bier ausgibt, einfach weil er gerade da ist.

Apropos: wählen Sie niemals einen Kandidaten, der im Wahlkampf Bier trinkt, während er mit seinen Wählern spricht. Skandal! Hoffentlich hat er es wenigstens selbst bezahlt. Das Bier.

So, und nun kommst Du nach einem langen Wochenende mit Walter an der Ostsee wieder nach Hause geschaukelt. Bist entspannt, hast am Strand gelegen. Hast fröhliche Rheinländer getroffen, die froh sind, dass es hier keinen Karneval gibt. Und hast noch dieses wohlige Rauschen der Ostsee im Ohr.

Aber jetzt, wo Du zu Hause bist, fängst Du wieder an, im echten und im Facebook-Dorf mal „hallo“ zu sagen.

Ich habe mich dabei erwischt, wie ich auf dem Weg zum Bäcker die Plakate gezählt habe. (Gleichstand übrigens).

Beim Essen mit Freunden im Dorfkrug bestelle ich lieber einen Wein, Bier ist ja irgendwie …. skandalös.

Und wenn mein Nachbar mir an der Kasse im Edeka noch einmal „Moin“ zuruft, obwohl es gleich dunkel wird ….

Das Pendant zu „letzte Runde“ im Wahlkampf ist ja der Wahlsonntag. Selbst im Facebook-Dorf herrscht langsam Ruhe.

Im echten Dorf gibt es am Samstag noch ein letztes Stelldichein der Kandidaten. Fein säuberlich sind sie die Dorfstraße entlang aufgereiht. Da siehst Du sie in echt – die Betrüger, Lügner, Nichts-Könner und Biertrinker. Komisch, sehen alle ganz nett und irgendwie harmlos aus. Würde ich sie nicht schon lange persönlich kennen, nach den Beschreibungen im Facebook-Dorf hätte ich sie nicht erkannt.

Wahlsonntag. Wir müssen früh los. Freundlicherweise wurden wir nämlich wieder einmal zu Wahlhelfern ernannt, diesmal sogar „Wahlvorstand“. Hohoho.

Für die nächste Wahl wünsche ich mir, dass Paul das mal … ach nee, der hat ja im Festzelt zu tun.

Trotzdem bin ich tatsächlich überzeugter Wahlhelfer und so stiefeln wir im Morgengrauen los. Instinktiv will ich die Plakate zählen, ob nicht auch auf diesem Weg noch ein handfester Skandal lauert. Aber nichts da. Kein einziges Plakat ist mehr da, wo es vorher aussah wie an der Schießbude. Alles leer, alles weg. Freie Willensentscheidung für freie Wähler. Ich bin beeindruckt, von allen Kandidaten.

Wir bauen also auf, es gibt drei Stimmzettel für drei Wahlen. Klein, mittel, groß. Blau, gelb, grün. Entsprechend bauen wir die Wahlurnen auf, blau, gelb, grün. Die Wahlurne mit dem kleinsten Einwurfschlitz wird für den größten Stimmzettel sein. Aber das merken wir erst später, als die Urne versiegelt ist. Also werden wir heute mehr als 200mal behaupten, das sei Absicht gewesen, um ein wenig Spaß in diese trockene Angelegenheit zu bringen.

Der erste Wähler kommt punkt 8:00. Er hat sich seine Joggingrunde so eingeteilt, dass er genau 8:00 hier sein kann. Etwas später erfahre ich von einem anderen Wahlhelfer, dass der sportliche Herr immer der erste an der Urne ist, bei jeder Wahl. Man kennt sich.

Apropos kennen. Das ist es, was wirklich schön ist, bei einer Wahl zu helfen: zu Menschen, die Du seit Jahren kennst, beim Bäcker nett plauderst oder auf dem Weg durchs Dorf fröhlich zuwinkst, bekommst Du jetzt einen Namen.  Oder zwei. Nicht jedes traute Paar im Dorf ist auch verheiratet. Oder nicht miteinander. Und plötzlich weißt Du, wer wessen Bruder ist und dass XY jetzt in Deiner ehemaligen Wohnung wohnt.

(Für alle, die jetzt Angst vor Indiskretion haben: ich kann mir Namen nicht merken, konnte ich noch nie. Heute morgen habe ich eine Dame wieder getroffen, deren Wahlbenachrichtigung ich gestern abgehakt habe. Sie kannte meinen Namen noch. Ich habe es bei „Moin, na, hatten Sie noch einen schönen Sonntag“ belassen.)

Manchmal geht einem das Herz auf. Zum Beispiel, wenn sich Oma und Opa extra schick machen, um zur Wahl zu gehen. So richtig mit Anzug, gestärktem Kragen und Gehstock. Sie sind richtig vorbereitet, haben alle Dokumente in Folie eingeschlagen mitgebracht, haben sich über die Kandidaten informiert und Opa hat den goldenen Kugelschreiber dabei, den er nach 45 Dienstjahren bei ThyssenKrupp bekommen hat. Aber dennoch gibt es ein Problem: Oma kann nicht wählen. Sie sucht überall, in Ihrer feinen Handtasche, in Opas Jackett, sogar auf Ihrem Kopf. Nichts.

Naja, meine schwarze Lesebrille passte zwar nicht zu ihrer hellblauen Bluse, aber sie kann alles erkennen und hat am Ende hoffentlich richtig gewählt.

Im Wahllokal brauchst Du übrigens keine Uhr.

Wenn der Erste vor der Tür steht, ist es Punkt 8:00 Uhr. Die erste größere Welle kommt kurz vor 11, zumindest wenn die Kirche gleich nebenan ist.

Wenn es das erste Mal ruhig und leer bleibt, ist es 12:00 Uhr. Wenn es dann wieder losgeht, 13:00 Uhr.

Und wenn dann noch jemand hektisch angelaufen kommt und erleichtert seinen Ausweis zeigt, ist es gleich 18:00 Uhr.

Meine Lieblingswähler waren übrigens ein Paar im etwas höheren Alter. Sie kamen händchenhaltend herein, so schnell wie es eben ging mit der neuen Hüfte.

Ich sage mein Sprüchlein auf „auf diesem Stimmzettel haben Sie drei Stimmen. Diese können Sie frei verteilen, ganz wie wollen“

„Ach was, da muss ich erstmal meine Frau fragen“

Ich mag Wahlen. Es ist ein schönes, würdiges Ritual und meine ganz persönliche Meinung ist, dass sie wichtig sind. Sehr wichtig.

Bis 18:00 Uhr. Dann wird es albern – und anachronistisch.

Die Auszählung findet nämlich statt wie vor 100 Jahren. Per Hand. Auf einem großen Tisch oder auf dem Fußboden, je nachdem, was gerade da ist.

Tonnenweise Papier, was auf hunderte, kunstvolle Arten gerade erst gefaltet wurde, wird wieder entfaltet. Und dann sortiert. Und dann gezählt. Und nochmal gezählt.

Dann wird gerechnet. Und nochmal gerechnet.

Ganz ehrlich, das Finanzamt weiß in dem Moment, in dem ich mit der EC-Karte beim Edeka bezahle, wieviel Mehrwertsteuer es von mir gerade bekommen hat. Und wir zählen Wahlzettel mit der Hand aus? Und rechnen Türmchen nach Erst- Zweit- und Drittstimme? O.k., es ist sicher. Wirklich. Da kannst Du nicht schummeln, verschieben oder weglassen. Aber das ist es beim Finanzamt auch.

Nach 3,5 Std. sind wir fertig. Physisch, psychisch und auch mit dem Zählen und rechnen.

Das Ergebnis wird nach jeder Zählung telefonisch an den Wahlleiter durchgegeben, der die Zahlen dann in ein online-System eintippt.

Meine Aufgabe war es anschließend, alle Stimmzettel, die jeweils 10 seitigen, unübersichtlichen Formulare für die Wahlniederschrift und anderen Krimskrams zum Wahlleiter zu tragen. Drei ehrlich bemühte Staatsdiener kontrollieren dann noch einmal alles. Alles, und zwar sehr genau.

Nach einer Stunde war ich dann auch dort fertig.

Als ich durch das Dorf nach Hause gehe, genieße ich die kühle Nachtluft. Aus der Ferne höre ich die Wahlparty eines Kandidaten. Ja, der Trend hatte sich auch bei uns schon abgezeichnet. Herzlichen Glückwunsch und gutes Gelingen!

Ich schaue noch kurz im Facebook-Dorf vorbei. Alles ruhig. Nur bei Paul gab es heute Rouladen. Wie schön, die könnten wir auch mal wieder essen. Er hat drei Likes dafür bekommen, jetzt sind es vier.

die Platzbesetzer

Der Trend geht zum Zweitwohnsitz.

Deshalb gibt es alle Geschichten rund um Walter das Wohnmobil künftig hier: www.die-platzbesetzer.de

Das Haus mit dem blauen Zaun gibt es natürlich auch weiterhin, exklusiv mit Geschichten aus diesem bemerkenswerten Dorf 😇

Aber jetzt erstmal: neue Seite, neue Geschichte und neues Format:
www.die-platzbesetzer.de
—> nu sach‘ doch mal 🍾

Runter vom Sofa (16): „HalliHallo“

„das kann doch nicht wahr sein, wie stellen Sie sich das jetzt vor?“

„….“

„ICH muss gar nichts, SIE müssen das klären, und zwar JETZT“

„…“ „…“

„Nein, werde ich nicht. Das mag für Sie eine Lappalie sein, für meine Frau und mich ist es das nicht. Entweder Sie schicken jetzt einen Monteur ….“

„….“

„Ulrike, wir fahren zurück. Ja, jetzt und sofort“

Schade, ich bin einen kleinen Moment zu spät wach geworden. So weiß ich jetzt nicht, was das Problem ist. Ich bin ja grundsätzlich nicht neugierig. Aber ich wüsste jetzt schon gerne, warum der blau-weiß-klein-karierte Herr von nebenan diesen schönen Stellplatz so früh am Morgen und so plötzlich verlässt.  Gerne hätte ich ihn noch gefragt, ob ich heute die Jungfernfahrt mit der roten Vespa machen darf. Aber bei der Laune – nee, da frag ich jetzt nicht. Er spricht so schnell und aufgeregt in sein (dunkelrotes) Telefon, dass ich gar nicht alles verstehen kann. Ich muss mir ja auch noch einen Kaffee machen. Dabei habe ich die Tür vom Walter vorsichtshalber offengelassen – der frischen Luft wegen.

Zumindest habe ich es so verstanden, dass er jetzt zurück auf die Fähre und nach Deutschland fährt, statt mit Ulrike und den nagelneuen, weinroten Fahrzeugen nach Schweden in den Urlaub.

Schade für Ulrike, den Menschen am anderen Ende des Telefons und für mich. Die Frage „warum“ wird mich jetzt stundenlang beschäftigen.

Während ich versuche, mich auf mein Buch, die Sonne und die Ostsee zu konzentrieren, vertrödeln wir den Vormittag. Warum auch nicht, wir haben ja Zeit. Die Fähre geht erst am frühen Abend – zumindest unsere – und wir sind so langsam im Urlaubsmodus angekommen.

Am späten Mittag schaukeln wir los. Ich würde gern noch einmal in die Ostsee springen, also fahren wir über Umwege zu einem Strand an der Westküste Lollands. Der Umweg besteht aus einer kleinen Stadt mit See, in den ich eigentlich springen wollte. Der See ist schön – aber man kommt nicht ran. Es gibt tatsächlich keinen badefähigen Zugang, außer in einer Marina. Und dort sind Wohnmobile verboten.

Also erleben wir die raue Küste der Ostsee, denn inzwischen ist es windig und kühl. Der „Strand“ besteht aus groben Kieselsteinen, sehr viel angeschwemmtem Seegras und jeder Menge Algen im Wasser. Ich springe trotzdem hinein, geplant ist geplant. Als ich zurückkomme, weicht Karl nicht mehr von meiner Seite. Er liebt den Geruc… Gestank nach altem Seegras, vergammeltem Fisch und toten Krebsen am Strand. Schön, wenn sich hier wenigstens einer freut.

Ich freu mich, dass Walters Systeme so schön „clean up“ sind und ich unbeschwert duschen kann.

Im Grunde wäre die Dusche nicht notwendig gewesen, denn als wir viel zu früh in Rödbyhavn ankommen, wo unsere Fähre abfährt, schaudert es uns. Wir haben selten einen trostloseren, schmutzigeren und verwahrlosteren Ort gesehen. Aber was müssen wir auch im Ort rumlungern? Alle anderen fahren doch auch direkt zur Fähre?!

Naja, wir haben halt Zeit. Keine Ahnung, wie es passieren konnte, aber wir sind pünktlich, SEHR pünktlich. So finden wir uns in einem kleinen Ort wieder und sind uns nicht ganz sicher, ob hier vielleicht gerade ein schmieriger Western oder billiger Porno gedreht wird. An den Fassaden blättert die Farbe großflächig ab, einige Fenster und Türen sind vernagelt, in den Hausecken drücken sich finstere Gestalten rum.

Irgendwo plärrt ein Radio, aus dem offenen Fenster weht die vergilbte Gardine und am Ende der Straße flackert irgendwo eine Leuchtreklame. Fehlt nur noch, dass trockene Grasbüschel über die Straße wehen, dann wäre die Kulisse perfekt.

Wir sind mutig und gehen die Straße hinunter zur Leuchtreklame. Wenn schon Dänemark, dann auch HotDog. Ich habe zwar immer noch ein ausgewachsenes HotDog Trauma und bekomme allein beim Anblick Würgereiz, aber das ist eine andere Geschichte. Dänemark = HotDog, so will es das Gesetz.

Irgendwann ist es endlich so weit, Zeit für die Fähre. Diesmal sind wir Nr. 2 in der sich hinter uns aufbauenden Schlange. Der Fahrer des Vans vor uns hat es schlau gemacht: er liegt auf dem Fahrersitz und pennt.

Inzwischen ist es windig, sehr windig. Das verspricht eine unruhige Überfahrt zu werden und so verspreche ich, mich währenddessen nicht nach hinten zu verziehen und zu schlafen, sondern der geliebten Angstbesetzerin die Hand zu halten.

Gut so, denn so konnte ich erleben, wie auf der Fähre reihum die Alarmanlagen angesprungen sind. Die meisten Menschen verlassen auf der Fähre nämlich ihr Auto, Van oder Wohnmobil und folgen dem Ruf des Duty free. Wird ja zum Glück auf oft genug angesagt über die plärrigen Lautsprecher. Und wenn es dann ordentlich schaukelt, melden sich die Alarmanlagen. PiepPiepPiep hier, UhiUhiUhi dort und von hinten ein sattes DäähmDääähmDäähm. Herrlich, schon wieder fast wie im Film.

Unausgeschlafen, aber kurzweilig, erreichen wir unser Zwischenziel Puttgarden, irgendwie freuen wir uns jetzt auch auf zu Hause.

Offensichtlich geht es nicht allen so, zumindest sieht in unsere Vorstellung einer freudigen Begrüßung anders aus. Kaum sind wir von der Fähre runter und steuern auf die Autobahn zu, begrüßt uns eine schwarze Wand. Aus ihrem Inneren spuckt diese Wand Blitze quer über den Horizont, selbst Walter zuckt von dem nachfolgenden Donnergroll zusammen und es dauert nicht lange, da werden die Schleusen geöffnet. Das ist mal wieder kein Regen, das ist eine Sintflut. Herrlich, bloß keine Abwechslung aufkommen lassen. Alles wie immer. Mit einer sanften Abendsonne könnte ich jetzt auch gar nicht umgehen.

Und so kommt es, wie es kommen soll. Aus den geplanten 3,5 Std. Rückfahrt werden mal wieder 5. Es dauert immer 5 Stunden, immer.

Als wir auf den Hof rollen, trauen wir unseren Augen nicht: der Vorgarten sieht aus wie geleckt. Ja, o.k., ich habe ihn in den letzten Wochen vernachlässigt und so. Aber das hier – das hätte ich selbst mit größter Mühe nicht geschafft.  Da ist kein Halm zu viel, die Gräser sind gebürstet und der Boden exakt in eine Richtung geharkt. Der Aschenbecher vor DER Bank ist geleert und ausgewaschen, selbst die Pflastersteine sehen aus wie gebürstet und gestriegelt. Es ist toll, solche lieben Heinzelmännchen und -Frauen in der Familie zu haben!

5 Std. Fahrt ohne Nickerchen machen sich dann doch bemerkbar. Wir beschließen, das Ausräumen von Walter auf morgen – oder übermorgen – zu verschieben. Außerdem ist es längst dunkel. Rotwein haben wir auch noch da, also stehen wir erschöpft in der Küche. Vorsichtig tasten wir uns ins Esszimmer, ins Büro …. und schnell wieder zurück. Irgendwie fühlt es sich komisch an, plötzlich soviel Platz zu haben. Wir schieben uns in der Küche aneinander vorbei und schaffen es nicht, mehr als die 15 qm zu nutzen, auf denen wir gerade stehen. In die obere Etage wage ich mich erst morgen vor, das weiß ich jetzt schon.

„Halli Hallo“

Viel Zeit haben wir nicht, um uns komisch zu fühlen. Genau 7 Minuten, nachdem wir angekommen sind, hören wir den unverwechselbaren Ruf von I.

Ihr Ruf ist einzigartig und unverwechselbar. Es gibt ihn in mehreren Tonlagen und Lautstärken. Dieser Ruf gerade bedeutet „ich hab Euer Wohnmobil gesehen, ENDLICH seid Ihr wieder da, lass uns Wein trinken, wie geht’s Euch, wie war die Fahrt, erzähl doch mal, hier ist soviel passiert….“

Und so sitzen wir mit den liebsten Freunden bis tief in die Nacht, plaudern, freuen uns, werden auf den neusten Stand beim Dorftratsch gebracht und fallen irgendwann tot in ein viel zu großes Bett.

Am nächsten Morgen erwische ich mich dabei, wie ich eine Münze in die Dusche werfen möchte. Ich überweise der geliebten Hausbesetzerin spontan 100Kr, weil der Stellplatz hier wirklich schön ist. Und irgendwie schaffen wir es nicht, im „normalen“ Leben anzukommen. Alles ist irgendwie zu groß, zu komfortabel und allzu bekannt.

Wenn Du fast drei Wochen von einem Chaos ins nächste fährst, kann die Normalität ganz schön anstrengend sein.

Runter vom Sofa (15): Eat, Sleep, go fishing

Karl ist total genervt.

„Da steht der Alte nun seit fast einer Stunde auf dem Steg und fuchtelt mit so einem langen, dünnen Stock umher. Ich will doch viel lieber laufen und toben und spielen. Und wenn er das nicht will, dann will ich doch wenigstens um ihn herum tippeln, sehen was er da macht, ihm irgendwas wegschnappen und darauf rumkauen und mich dann hinsetzen und gelangweilt gucken. Aber ich trau mich nicht. Ich trau mich einfach nicht, auf diesen klappernden Steg zu laufen – ihm hinterher. Wer weiß, was da alles passieren kann. Ach menno.“

Als ich mich kurz umdrehe, sitzt Karl am Ufer, genervt, gelangweilt und irritiert. Auf den Steg hat er sich nicht getraut, so sehr ich ihn auch ermuntert habe.

Aber ich kann ihn verstehen, auch ich bin irritiert. Vielleicht sogar ein bisschen genervt. Seit mehr als einer Stunde stehe ich hier im Morgengrauen mit meiner Angel – und habe immer noch nichts gefangen. Das geht schon seit Tagen so. Dabei habe ich alles ausprobiert, was mir so einfiel.

Der Blinker verheddert sich im Kraut, genau wie der glitzernde Gummifisch. Der See ist recht flach hier vorne, zu flach für einen ordentlichen Hechtköder.

Na gut, dann eben klassisch mit Haken und Pose. Als erstes versuche ich es mit Brot. Das hat früher immer geklappt. Schön einweichen, ausdrücken, kleine feste Kügelchen formen und zack…..

… im Wasser aufgelöst und vom Haken gefallen.

Nagut, ich hab ja hier auch nicht ewig Zeit, also Garnelen von gestern. Die finden Raubfische auch lecker. Davon habe ich mir vorsorglich 2 kleine Exemplare aufgehoben. Eine davon wird fein säuberlich über den Haken geschoben und siehe da ….

… die Fische springen offensichtlich um meinen Köder herum, interessieren sich aber einen Sche*** dafür. Das Gleiche mit Fleischwurst. Egal wie hübsch die kleinen Streifen sind, die ich geschnitten habe. Totale Ignoranz.

Mais! Mais geht immer. In der Suppe, zu Hühnchen, auf dem Grill und auch zu Fisch. Außerdem leuchtet Mais so schön im Wasser und irgendwo habe ich mal gelesen, das sei wichtig. Wie es der Zufall will, haben wir eine kleine Dose Mais an Bord und bei der „wir-essen-alle-Vorräte-auf“ Aktion wohl übersehen.

Nicht zu übersehen ist, dass sich mit den Maiskörnern am Haken plötzlich etwas bewegt. Es zuckt und zuppelt, die Pose tanzt und dann ….. Ruhe. Ungeduldig, wie ich bin, hole ich die Angel ein und meine Theorie hat sich bestätigt. Mais geht immer. Auch bei den Fischen. Sie fressen ihn sogar fein säuberlich vom Haken, ohne sich daran zu erhängen. Mist! Das geht dann noch drei-vier mal so, bis ich keine Lust mehr habe.

Ich packe zusammen, mache mir noch einen guten Kaffee und frühstücke in der Sonne. Heute ist ein ganz besonderer Tag und deshalb ist es nicht unhöflich, wenn ich schon mal anfange und die geliebte Reiseleitung weiter schlafen lasse. Außerdem gibt es Torte zum Frühstück. Da bin ich mir gar nicht sicher, ob … naja, egal.

Irgendwann kommt auch die Schlafmütze ans Tageslicht, welches inzwischen gleißender Sonnenschein ist. Wir gehen schwimmen, lungern auf dem Sofa in der Sonne, essen uns quer durch unsere Beute aus dem Supermarkt. Satt und müde gibt es einen Mittagsschlaf, bevor sich der Tag seinem Höhepunkt nährt. Wir hatten uns für den Nachmittag ja ein Boot reserviert, und diesmal, jaha – diesmal! Ich werde da draußen das Abendessen fangen. Wer braucht schon einen Elch im Wald, wenn er Hecht, Zander und alle anderen Fische im Überfluss auf dem Grill haben kann?!

Wir fahren hinaus, alles ist perfekt, sogar kaltes Bier haben wir dabei.

„was wollen Männer eigentlich beim Angeln?“

„ihre Ruhe“

„und Fische auch?“

„ja“

„aber vor allem ihre Ruhe?“

„genau“

„hmm“

„…“

„…“

mir ist langweilig“

„…“

laaaaaaangweilig, langweilig, langweilig

O.k., nach etwas mehr als 30min fährt ein kleines Boot mit zwei Campern, einer Dose Mais, zwei leeren und zwei vollen Flaschen Bier und keinem Fischen an Bord zurück zum Steg. Etwa 10m vor dem Steg wechselt die Stimmung meiner Crew von gelangweilt/genervt zu fröhlich/hibbelig. Sie springt vom Boot, winkt mir kurz aber fröhlich zu und stößt das Boot wieder ab Richtung See.

„Ich kann ja heute mal den Grill anheizen, wenn Du schon den Fisch fängst.“ sprach es und lachte sich kringelig.

Irritiert, aber nicht unzufrieden, fahre ich wieder hinaus, diesmal auf die andere Seite Richtung Schilf. Ich genieße die Ruhe, trinke kühles Bier, sehe einen Fuchs auf einem Felsen umherklettern, treibe im leichten Wind über den See, werfe die Angel aus, hole sie wieder ein, werfe sie wieder aus… und nach etwa drei Stunden habe ich kein Bier mehr, einen leichten Sonnenbrand, Hunger und nichts gefangen.

Stop – das stimmt so nicht ganz. Bei einem meiner Versuche im Trüben zu fischen, hat sich eine wunderschöne Muschel am Haken verfangen. Und da ich für die schönen Dinge des Lebens sehr viel übrig habe, freue ich mich darüber, werfe sie zurück ins Wasser und fahre zufrieden an Land. Ein ganz klein wenig mag meine Zufriedenheit trotz Anglerpech auch damit zusammenhängen, dass ich weiß, was im Kühlschrank liegt: ein riesiges Steak, Maiskolben und andere, schwedische Leckereien.

Übrigens habe ich es genau beobachtet: ich war ja nicht der Einzige, der gestern und heute hier mit dem Boot rausgefahren ist. Niemand, wirklich niemand hatte einen Fisch dabei, als er zurückkam. Ich glaube, das ist genau wie mit den Elchen. Perfekt inszeniert, dramatisch aufgebaut und zu einem perfekten Verkaufsschlager weiterentwickelt. Aber in Wirklichkeit gibt es in Schweden weder Elche noch Fische. Alles nur billige Reklame. Pah! Typisch, diese Werbefuzzis!

Inzwischen ist es nicht mehr ganz so ruhig und einsam an unserem See. Neben den ebenfalls erfolglosen, schwedischen Anglern kommen Familien zum Picknick, zwei Camper und ein Zelt sind ebenfalls dazu gekommen.

Beim letzten Rum des Abends beschließen wir, am nächsten Tag langsam Richtung Heimat zu schaukeln.

Inzwischen haben wir Routine. Nach einer erholsamen Nacht, einem kleinen Frühstück und langen Spaziergang mit Karl durch den Wald, bin ich mir sicher: Elche (und Fische) gibt’s hier gar nicht. Dann können wir ja auch los. Knapp 30min später ist alles gepackt, Walter schnurrt und Karl schläft. Wir sind also wieder unterwegs.

An diesem Abend bleiben wir noch eine Nacht auf einem Campingplatz ganz im Süden von Schweden. Der Campingplatz ist voll, bumsvoll, sauber, unspektakulär. Wir tun, was wir ab und zu tun müssen: Ver- und Entsorgen, Duschen – „clean up all your systems“.

Am nächsten Tag geht es munter weiter, wir kommen gut voran und erreichen Dänemark schon am frühen Nachmittag. „Super, jetzt wo wir nach Hause fahren, wissen wir wie es geht – ohne Stress“ stellt die geliebte Fahrerin fest, kurz bevor wir ankommen.

„meinst du, das können wir uns bis zum nächsten Mal merken?“

„Nö“

Nagut, dann genießen wir eben heute den stressfreien Tag und die frühe Ankunft auf unserem Stellplatz – direkt am Meer mit einem fantastischen Blick über die Ostsee.

Wir sitzen in der Sonne und langweilen uns ein wenig. Das ist nicht schlimm, wir haben uns ja genug Geschichten aus den letzten zwei Wochen zu erzählen. Dabei stellen wir fest, dass wir – anders als noch vor ein paar Tagen – nicht sofort bei nächster Gelegenheit zurück nach Schweden fahren wollen, um das Verpasste nachzuholen.

„Lass uns anderswo neue Katastrophen erleben“ schlägt die geliebte Platzbesetzerin vor. Noch bevor ich zustimmen kann, rollt ein funkel-niegel-nagel-neuer Van auf den Platz und hält genau neben uns. Es dauert ewig, aber irgendwann steigt ein feiner, graumelierter Herr aus. Gebügelte Jeans, feines, blau-weiß-kariertes Hemd, säuberlich in die Jeans gesteckt. Etwa Mitte vierzig. Die ebenfalls graumelierte Dame, die ihm folgt, sieht älter aus. Ist es aber wahrscheinlich nicht.

In jedem Fall ist dieser Van noch nicht alt – keine zwei Tage schätze ich ist es her, dass er in Wolfsburg vom Band gelaufen ist. Das dunkle Rot glänzt, die schwarzen Reifen wirken wie angemalt, so sauber und staubfrei sind sie. Auf einem mächtigen Träger am Heck steht eine funkel-niegel-nagel-neue Vespa, sie hat exakt die Farbe des Vans und an den Reifen erkenne ich noch die gelben Kontrollzippel aus Gummi. „diese Vespa ist noch keine 50m gefahren“ schließe ich eine Wette ab.

Als das feine Pärchen die Seitentür aufschiebt, kann ich einen Blick in den Innenraum erhaschen. Irgendwie fühle ich mich plötzlich sehr jung und sehr verwegen. Es ist ja nicht so, dass wir Ordnung nicht mögen. Aber da drüben könnte man eine Blinddarm-OP durchführen. Gleich jetzt und hier.

Wir tasten uns kurz unseren Bauch ab. Nein, keine Schmerzen. Der Blinddarm bleibt drin. Dafür knurrt es beim Drücken bedrohlich, Zeit für ein üppiges Abendessen aus allem, was wir noch so haben. Und ebenjenes stapeln wir kreuz und quer auf unseren kleinen Klapptisch, so dass es an den Seiten fast herunter fällt. Wir genießen den Querfraß, während nebenan gerade ein Kamillentee in der Porzellankanne aufgegossen wird.

Runter vom Sofa (14): (k)einen Elch erlegt

Wir lernen ja auch dazu. Und so kam es, dass ich an der Reception des Campingplatzes nach einem Tagespass fragte. Nun baue ich im englischen keine fein ausformulierten Akademiker Sätze, aber bislang hat es in allen Hafenkantinen gereicht, um zu bekommen, was ich wollte. Und hier in Schweden hat es sich mitunter sogar zu einem netten Smalltalk entwickelt.

Also, ich sag mal daran lag es nicht, dass der sehr freundliche Schwede hinterm Tresen dreimal nachfragte, ob wir wirklich nur 2 Stunden bleiben wollen. Grauwasser und Kassette entleeren, Frischwasser und Strom tanken, duschen. Mehr brauchten wir gerade nicht, und das gerne schnell. Wir hatten ja einen reservierten Traumplatz, zu dem wir so schnell wie möglich zurück wollten.

„ok, ok, clean up your systems and have a nice day” gab er irgendwann auf, mich zu einer Übernachtung überreden zu wollen. Übrigens eine unserer besseren Entscheidungen auf dieser illustren Reise.

Während ich mich um das Grobe kümmere, packt die geliebte Platzbesetzerin schon mal ihre sieben Sachen zusammen und geht duschen. Ich drücke ihr noch schnell vier 5-Kronen-Stücke in die Hand (übrigens das einzige Mal überhaupt, dass wir Bargeld brauchten), denn die braucht es hier offensichtlich zum Duschen.

Alle Tanks sind gefüllt, nur der Laptop braucht noch 20min zum Aufladen, als mich von hinten ein frischer Duft anweht. „ui, was….“ weiter komme ich nicht. Sie gackert und giggelt und kommt gar nicht dazu mir zu erzählen, was eigentlich los ist. „genau so stelle ich mir die Duschen im Schwimmbad von Eis am Stiel vor“

„Hä?“

„schau es dir selbst an! Ach ja, du hast genau 3,5 Minuten, die anderen Münzen brauchte ich leider“ und verschwindet kichernd im Walter.

Ich wollte mir das gar nicht anschauen, ich wollte eigentlich nur wissen, warum sie Eis am Stiel kennt. Aber da sie nun schon weg ist, kann ich ja mal duschen – und gucken – gehen.

Noch bevor ich etwas sehen kann, habe ich einen Geruch und Bilder meiner Kindheit vor Augen: Trainingslager und Gemeinschaftsduschen. Diese Mischung aus Chlor, Muff und alter Seife. Im Raum vor mir ist die Zeit stehen geblieben – irgendwann in den 70ern. Alte, abgebröckelte Fliesen, Duschkabinen aus Leichtbau-Quitsch-ich-weiß-nicht-was-für-Material-die-damals-genommen-haben. Natürlich beginnen die Kabinenwände erst 20cm über dem Boden und sind gerade eben so hoch, dass ich nicht mehr drüber schauen kann.

Die Kabinen selbst sind wirklich gerade so groß, dass man darin duschen kann, zum Umziehen stehen zwei weiße Plastikstühle im großen Raum davor. An der Wand eine abenteuerliche Verkabelung – und drei Münzautomaten mit den Nummern 1, 2 und 3. Bei genauem Hinschauen lassen sich diese Nummern dann auch auf den Türen der Duschkabinen erahnen.

Drei Waschbecken auf der anderen Seite, metallisch angelaufene Spiegel, bei denen immer unten diese eine Ecke abgesplittert ist. Kann mir mal jemand sagen, warum?

Ach ja, und in der Ecke, neben dem einen Plastikstuhl, rumpelt ein Luftentfeuchter.

Habt Ihr schon mal versucht, im Nieselregen zu duschen? Da holst Du dir eine Erkältung, aber nicht den Dreck vom Körper. Für eine 5 Kronenmünze gibt es exakt 3,5 Minuten und 1,5 Liter lauwarmes Wasser. Dafür musst Du aber erst die Münze in den passenden Automaten werfen und möglichst schnell zu der (deiner) Kabine zu laufen. Nackt. Auf alten Fliesen.

Weniger erfrischt, dafür um so mehr amüsiert, kehre ich zur Mannschaft zurück und verkünde, dass ich mich nie wieder gegen den Aufenthalt in einem Campodrom oder anderen Fünf-Sterne-Camping-Plätzen wehren werde. Auch wenn der Tagespass dort wahrscheinlich das fünffache kostet.

Egal! Walters und unsere Systeme sind clean, Strom und Wasser reichen wieder für mind. 3 Tage, los geht’s!

Unser nächstes Ziel: ein großer Supermarkt. In den letzten Tagen haben wir den perfiden Plan ausgeheckt (und tatsächlich umgesetzt), alle mitgebrachten und vorhandenen Vorräte aufzuessen, damit wir jetzt mal so richtig eskalieren können.

Unsere Empfehlungen für einen typischen B&S Einkauf in Schweden:
Aber Vorsicht – all das folgende Zeug macht süchtig.

  • Kalles Kaviar
    eine salzige, perverse Fischcreme. Perfekt zu Ei, Käse und überall drunter
  • Ost – MildOst oder RökOst
    noch perverser, noch geiler: Schmelzkäse aus der Tube, klassisch oder mit Garnelen.
    Gibt es auch mit Bacon, Dill, Paprika oder Schinken.
  • PolarBröd
    Entweder das klassische (Knäcke) oder alle anderen Varianten, z.B. soft für Wraps o.ä.
  • Filmölk
    Ein ganz besonderer Joghurt/Kefir-Drink. Unser Favorit: Erdbeer-Blaubeere
  • Marabou-Schokolade
    einfach alle Sorten, egal. Unser ABSOLUTER Favorit: Fransk Nougat

Auf dem Rückweg gibt es natürlich noch eine Zimtschnecke auf die Hand, vollbeladen und glücklich kommen wir wieder an unserem Stellplatz an. Ganz ohne Zwischenfälle und deutlich vor Einbruch der Dunkelheit.

Der reservierte Platz liegt da wie das Handtuch am pool. Gut so – denn inzwischen ist ein weiterer Camper auf den Platz gekommen und ich bin mir sicher, er hätte lieber unseren Platz in 1-A-Lage gehabt. Hätte ich in den letzten Tagen aber auch gerne ein paar Mal, deshalb gibt’s heute kein Mitleid und kein schlechtes Gewissen.

Stattdessen soll es Pilze geben. Irgendwie steckt in meinen Genen noch der Jäger und Sammler. Also ziehe ich los, Schwedens Wälder plündern.

Ich streife durch einen dichten Wald, den Blick hauptsächlich zum Boden gerichtet. Der Wald ist urig und üppig: Steine, Wurzeln und umgekippte Baumstämme sind von sattem Moos überzogen, überall dort, wo ausreichend Licht hinfällt, wachsen junge Bäume, Farne und Sträucher. Die Bäume sind mächtig, kraftvoll und sattgrün. Und zwischen alledem wachsen Unmengen Blaubeeren – und Pilze. Ich bin ja der totale Pilzexperte: alles, was Röhren hat, kann man essen. Alles mit Lamellen nicht. Und Steinpilze heißen so, weil sie an Steinen wachsen. Oder wie ein Stein aussehen. Naja, wie auch immer. Ich sammele alles ein, was jung, knackig und frisch aussieht – und so ähnlich wie in den heimischen Wäldern. Nach knapp 15 Minuten habe ich eine große Papiertüte voll herrlichster Pilze.

Jetzt ist es Zeit, es sich gut gehen zu lassen, entscheide ich spontan. Ich setze mich in das weiche Moos und greife links, greife rechts, geradeaus. In alle Richtungen erreiche ich dicke, saftige Blaubeeren und esse mich daran satt.

Pilze habe ich keine gefunden, aber einen Elch erlegt

leicht genervter, ungläubiger Blick von der geliebten Platzbesetzerin.

oder umgekehrt

Als sie meine volle Pilztüte sieht, huscht dann doch so etwas wie Bewunderung durch ihr schönes Gesicht. Nur für diesen Moment machen wir Männer das doch alles, oder?!

Heute Abend soll es Pilzrisotto geben.

Also putze ich selbige so schnell es geht und springe anschließend kurz in den See.

Mit einem traumhaften Blick in die Abenddämmerung stehen wir im Walter, einen Becher Wein in der Hand und kochen. Das Risotto sieht fantastisch aus, Zeit zu probieren, ob der Reis schon durch ist. Ich reiche ihr einen Löffel und hoffe schon auf den nächsten, bewundernden Blick.

Stattdessen verzieht sie allerdings die Schnute, schüttelt sich und spuckt alles wieder aus.

das ist irgendwie bitter

das kann doch gar nicht sein“ protestiere ich, greife mir den Löffel und kann gar nicht so schnell rausspringen, wie ich das Zeug in meinem Mund wieder loswerden möchte.

Wie sich später herausstellt, gibt es ungiftige – aber ungenießbare – Pilze, die den Steinpilzen in Schweden zum Verwechseln ähnlich sehen.

Naja, da das Camperleben karg und entbehrungsreich ist, holen wir die frisch eingekauften Garnelen aus dem Kühlschrank, schenken uns Wein und der Pfanne Knoblauch ein und genießen dieses armselige Essen pünktlich zum Sonnenuntergang.

Eigentlich sollte es die Garnelen morgen geben, aus besonderem Anlass. Aber wenn es so ist, muss ich morgen wohl Angeln gehen.

Runter vom Sofa (13): „alles Kacke“

„haben Sie gerade bei meiner Frau angerufen?“

„hmm, nein. Das wäre ungünstig, ich habe nämlich meine eigene dabei.“

Kurzes Schweigen, dann Gelächter.

„Oder ist es besser Ihre Frau anzurufen, wenn wir hier bleiben wollen? Ansonsten hatte ich bereits online reserviert“

„Oh nein, online ist viel besser, als meine Frau anzurufen. Herzlich willkommen am Lönern, schön dass Sie da sind!“

Als wir vor genau 1,5 Std. losgefahren sind, habe ich vorsichtshalber bei der Lönern-Tourism auf der website nachgeschaut. Und tatsächlich: man konnte den von uns favorisierten Platz am Lönern-See online reservieren. Von 5 vorhandenen Plätzen war noch genau 1 frei.

Als wir genau 1,5 Std. später ankommen, traue ich meinen Augen nicht: wir sind allein. Zumindest für etwas mehr als 10 min, dann kam nämlich der fröhliche Schwede, dessen Frau ich nicht angerufen hatte, um uns zu begrüßen.

Er erzählt uns noch kurz, dass wir jederzeit ein Boot bei ihm mieten können und ich sollte unbedingt die Angelkarte – am besten online – kaufen, der Lönern-See ist berühmt für seine zahlreichen, großen Hechte und Zander. Dann setzt er sich in seinen Pickup und fährt winkend davon.

Plötzlich ist es still. Die Sonne scheint, wir stehen am Ufer eines traumhaften Sees, es ist kurz nach 16:00 und ich habe nicht vor, Walter auch nur noch 1 Meter zu bewegen. Außer vielleicht, um auf die Rampen zu fahren, das sichere Zeichen dafür, dass wir länger bleiben.

Wir brauchen einen Moment, bis wir mit Umarmen, uns-freuen, ungläubig-staunen und Freudentänze-aufführen fertig sind und dann geht es los.

Das ganze Glamping-Equipment kommt zum Einsatz: ich baue Tisch und Stühle auf, die Markise wird ein Stück ausgerollt, der Grill vorsorglich aufgestellt, Karl bekommt seinen Platz und zu guter Letzt: DAS Sofa. Ich pumpe das Sofa so euphorisch auf, dass ich Muskelkater im Allerwertesten haben werde. Aber es ist mir egal. Wer weiß, wie lange diese Glückssträhne anhält. Ich will JETZT Urlaub, Schweden, Spontanerholung, ….. alles. Und zwar JETZT.

Und so kommt es, dass wir 20min später auf dem Sofa in der Sonne sitzen. Mit einem Becher herrlich kühlen Weißwein in der Hand. Wine-Time!

An diesem Tag passiert das ganz Besondere: nämlich nix. Wir genießen die Ruhe, die Sonne und sind unendlich froh, einen Platz gefunden zu haben, der unser beider Vorstellungen von „Schweden“ entspricht.

Für mich ein Platz direkt am See, also wirklich direkt und unmittelbar am Ufer. Wenn ich beim Aussteigen stolpern würde, hätte ich nasse Füße. Es gibt einen Zugang, um Schwimmen zu gehen, es gibt einen traumhaften Blick über den gesamten See, etwa 50m hinter uns ein ursprünglicher Wald und vor allem: Ruhe. Absolute Stille.

Für die geliebte Reiseleitung gibt es eine offene Lichtung, wir stehen nicht direkt im Wald, sondern auf einer etwa 100 x 200m großen Wiese. Es gibt einige, wenige Anzeichen von Zivilisation. Der Wald im Hintergrund ist weit genug entfernt, nicht endlos groß und nicht allzu dunkel.

Die Anzeichen der Zivilisation sind übrigens ein Steg mit drei kleinen Booten daran, zwei schön hergerichtete Feuerstellen, eine Tafel mit den wichtigsten Angelregeln am Lönern-See – und ein traditionelles Plumpsklo.

Als wollte Schweden sich mit uns versöhnen, erleben wir einen perfekten, ruhigen Abend. Und er ist auch wieder mit dabei – der dramatische Postkartensonnenuntergang.

Nur um sicherzugehen, dass niemand heimlich diese perfekte Kulisse abgebaut hat, stehe ich am nächsten Morgen sehr früh auf. Karl findet’s super, ich auch. Denn es ist alles noch da: der See liegt spiegelglatt wie aus Quecksilber gegossen vor mir. Leichter Nebel steigt auf und zieht in großen Schwaden dramatisch über den Schilfgürtel ab. Das Sonnenlicht kämpft sich mit feuerroten Strahlen durch die Bäume am gegenüberliegenden Ufer. Es ist herrlich, ich fühle mich so frei und wohl wie schon lange nicht mehr. Eine Weile sitze ich einfach auf dem Steg, denke über nichts nach und genieße den Moment.

Karl denkt zwar auch nicht viel nach, findet’s aber doof, wenn ich dasselbe tue. Also hibbelt er rum, springt von links nach rechts, stößt mich an und gibt mir zu verstehen „Alter, mir ist laaaaangweilig“

Weil ich heute morgen so gut gelaunt bin, gebe ich nach und mache eine große Wanderung durch den Wald mit ihm. Vielleicht, ja ganz bestimmt, also ich spüre es genau …. muss doch heute endlich mal ein Elch zu sehen sein.

Ich scanne die Umgebung wie mit einem Laser, auf die Ferne kann ich ja immer noch sehen wie ein Luchs. Der Wald unmittelbar hinter unserem Stellplatz ist ursprünglich und dicht, aber nicht undurchdringbar. Dahinter eröffnet sich eine große Lichtung, gefolgt von einem weiteren, diesmal dichten und fast undurchdringbaren Wald.

Aber so sehr ich auch suche und schaue, jeden Schatten und jede Wurzel genau beobachte – nichts. Es drängt sich der Gedanke auf, dass diese Elche nur ein Marketinggag der Schweden-Tourism sind, um neugierige Dorfkinder wie mich anzulocken.

Na gut, dann esse ich mich eben an Blaubeeren satt. Die wachsen hier tatsächlich wie Unkraut und während ich pflücke und esse, blau-rote Finger bekomme und mich über skurrile Wurzelgebilde, moosbedeckte Steine, fast 2m hohe Ameisenhaufen und im Morgentau glänzende Pilze freue, sehe ich am Boden eine Ansammlung übergroße Eicheln. Das ist ja sonderbar, denke ich. Hier stehen doch nur Nadelbäume und Birken. Woher kommen dann die Eicheln? Außerdem sind sie mehr als doppelt so groß wie die Eicheln, die ich kenne.

Vielleicht muss ich demnächst doch mal zum Optiker!

Da ich meine Lesebrille gerade nicht dabeihabe, stehe ich auf und betrachte die Ansammlung von oben. Ahhhh …. von wegen Eicheln. Das war doch ein Elch nach dem Frühstück. „Wie sieht eigentlich Elchkacke aus?“ frage ich zuerst mich selbst und später die verschlafene Reiseleitung. Keine Ahnung – aber ich werde es herausfinden.

Der Marsch durch den Wald hat Karl müde und mich glücklich gemacht. Um den Tag endgültig perfekt zu machen, springe ich in den See und danach gibt es Frühstück.

Zugegeben, es ist ein karges Frühstück. Auch wenn wir reichlich Vorräte geladen hatten, wir essen eben auch gerne. Und so beschließen wir gleich zwei Dinge:

Erstens: wir bleiben hier
Zweitens: lass uns Einkaufen fahren

Also rufe ich ein zweites Mal nicht bei der Frau des Schweden an, sondern reserviere den Platz für zwei weitere Tage online und buche uns bei der Gelegenheit für den nächsten Tag ein Boot.

Der Mann der Frau, die ich nicht angerufen habe, kommt etwa eine Stunde später und geht seinen Diensten nach. Die bestehen offensichtlich darin, uns fröhlich zu winken, bei den Booten nach dem rechten zu schauen, und sich um das Plumpsklo zu kümmern.

Kümmern heißt in diesem Fall, dass er mit seinem Quad, mit dem er diesmal gekommen ist, rückwärts an die Holzhütte fährt. Eine ganze Weile später hängt eine übergroße Plastikwanne mit einem Seil am Haken seines Quads und er zieht sie wie einen Schlitten die steile Abfahrt hinauf und biegt links Richtung Wald ab. Eine weitere Weile später kommt er zurück, die Wanne frisch gespült hinterher.

Später macht er noch einen Stop bei uns, plaudert fröhlich, fragt wie es uns geht und verspricht mir, den Schlüssel für das Boot rechtzeitig vorbeizubringen.

Die letzten Tage haben uns vorsichtig werden lassen. Also arrangieren wir den Tisch und die Stühle so, dass sie stehen bleiben können. Vorsichtshalber schreiben wir noch einen großen Zettel und kleben ihn darauf. Das Sofa, der Grill und die Auffahrrampen bleiben ebenfalls stehen. Egal, wer hier kommt: die Szenerie schreit geradezu: BESETZT

Und so fahren wir gegen Mittag fröhlich los. Walter hat um eine Ver- und Entsorgung gebeten, die wir in etwa 30min Fahrzeit auf einem Campingplatz ausfindig gemacht haben. Auf dem Weg gibt es einen großen Supermarkt, hier wollen wir uns versorgen.

Auf der Fahrt durch den Wald fällt es mir wieder ein. Und da ich ja gerade Walter dirigiere und die geliebte Platzbesetzerin sowieso nichts Besseres zu tun hat, frage ich sie: „kannst du mal googeln, wie Elchkacke aussieht?“

Das darauffolgende Schweigen ist kurz, aber eindrucksvoll. „das kannst Du gefälligst selbst machen, sowas will ich nicht auf meinem Handy haben“

Runter vom Sofa (12): in Gottes Namen

„schnell, da! Da links rein“ rufe ich und mache eine Vollbremsung auf der Schotterpiste. Walter ist eingehüllt von Staub, die Schottersteine fliegen nur so um uns herum und ich sehe: nix. Naja, Staubwolken und Regentropfen. Und Karl von innen platt an der Windschutzscheibe.

Kurz vorher hatte ich noch zwei Dinge gesehen, mehr so aus dem Augenwinkel. Das erste war ein beige-weißer Camper hinter uns, der den Blinker links gesetzt hatte. Wie die Geier den sterbenden Elch umkreisen die gestressten Großstädter alle Seen auf der Suche nach dem perfekten Stellplatz, Ruhe und ihren ganz persönlichen Schwedenmoment. Und wir sind einer von ihnen.

Doch diesmal haben wir Glück, ich spüre es genau. Denn das zweite, was ich aus dem Augenwinkel gesehen habe, war ein winziges Holzschild mit einem handgemalten „P“ darauf. Und außerdem sind wir gerade an einem kleinen, flauschigen See vorbei gefahren. Ha! Das ist es!

Ich stehe also im Staub, der Camper hinter uns hat seine Niederlage eingestanden und den Blinker wieder abgesetzt. Stotternd schaukelt er vorbei. „nänännänänä“ möchte ich hinterherrufen, lasse es aber.

Erst jetzt traue ich mich, meine Beute zu erlegen und fahre weiter – hinein in den kleinen Wald auf einem nicht ganz so trockenen Trampelpfad.

Walter wird rechts und links von nassen Birken ausgepeitscht, aber das soll ja gut für die Durchblutung sein. Ein paar Meter und wir sind da: vor uns ein kleiner, lichter Platz, gerade eben so lang und breit wie Walter selbst. Auf der einen Seite ein Schilfgürtel mit einem winzig kleinen Pfad zum Wasser. Auf der anderen Seite der obligatorische, dichte Wald.

Ich bin vorsichtig optimistisch, öffne die Tür und springe heraus. Da habe ich meinen ganz persönlichen Schwedenmoment: ich stehe knöcheltief im Matsch.

Um es kurz zu machen: hier können und wollen wir nicht bleiben. Genau wie auf den anderen 6 Plätzen, welche wir noch anfahren. Meistens sind sie voll. Wir finden noch einen wirklich traumhaften Stellplatz, kommen aber nicht näher als 100m ran. Der große Stein in der Mitte des Weges hat die Form einer ägyptischen Pyramide – und würde uns zuverlässig den Unterboden aufreißen. Ich mag es zwar, unser Grauwasser schnell und effektiv zu entsorgen, aber so ein dauerhaftes Leck ist dann doch irgendwie uncool.

Ach ja: der Regen bleibt uns bei alledem natürlich treu.

Ein Blick auf die Wetterkarte und wir beschließen (mal wieder), noch ein Stück zu fahren. Dort soll die Regenwahrscheinlichkeit nur 75% betragen. Unser Ziel ist ein Schullandheim, welches während der Ferien erstmals großzügige Stellplätze anbietet. Direkt am See und mit Wald – natürlich!

Auch ein weiteres Naturgesetzt bleibt uns treu: jede Fahrt dauert 5 Stunden. Egal was wir vorher geplant haben. So kommen wir kurz nach Sonnenuntergang an. Vor uns liegt ein weitläufiger Platz, während der Schulzeit scheint dies der Sportplatz zu sein. Drumherum präsentieren sich typische Backsteinschulgebäude, rechts liegt ein Schotterparkplatz mit 4 Ladesäulen. Und da steht – der Blink-August von vor 3 Stunden. Touché!

Es ist wie angekündigt ein Schullandheim, und diesen Charme versprüht es auch. Ich fühle mich spontan wie der 8jährige Junge, der noch den Weitsprung absolvieren muss, um endlich das Sportabzeichen zu erhalten.

Ich bin zwar nicht mehr 8, sondern fast 47, aber der Entdeckergeist von damals ist geblieben. Schnell hefte ich mir das alte Sportabzeichen ans Revers, starte Walter und fahre über den Platz zu einem schmalen Weg am anderen Ende. Da muss doch …. natürlich ein Schild stehen: „Durchfahrt verboten“. Beim Umdrehen würge ich Walter ab und bleibe stehen – quer zum Weg, quer zu meiner Enttäuschung und quer zum Regen, welcher links vom See auf uns einprasselt.

Da erscheint ein altes, kleines Männchen mit Regenschirm neben meinem Fenster. Mit ihm zusammen eine nicht ganz so alte, aber ebenso kleine Frau im Friesennerz.

Ich kurble das Fenster herunter und erkläre dienstbeflissen, dass wir gerade umdrehen, wir suchen nach einem schönen Platz am Wasser, keine Sorge, hier darf ich ja nicht durch …. Blablabla

„Wie schön und wie dicht am Wasser?“ fragt das Männchen. Ich werde stutzig „den schönsten Platz den es gibt und ich möchte aus dem Fenster angeln“

„haha, den Platz suchen alle. Da links ist einer. Es ist zwar nicht DER Platz, den hier alle suchen und auch nicht so dicht am Wasser. Aber mit Strom. Der See hier hat die meisten Fische in ganz Schweden, auch ganz seltene. Weil er so tief und so kalt ist. Aber wir gehen sowieso lieber im Wald spazieren.“ erklärt mir das Männchen aufgeregt.

„Da steht ein Schild, dass ich nicht durchfahren darf.“ versuche ich noch einzuwenden, aber wir haben ja eh keine Chance. Irgendwo müssen wir diese Nacht ja bleiben.

„ich erlaube es Ihnen, ich bin hier der Pastor“

„In Gottes Namen, lass uns hier bleiben“ entscheidet die erschöpfte Reiseleitung. Der Platz ist im Rahmen der Möglichkeiten trocken, befestigt, gerade und es gibt einen Trampelpfad zum See.

Karl hüpft fröhlich hinaus, er findet den Platz super. So wie jeden Platz, an dem wir aussteigen. Wiese, Wald, Herrchen zum Toben und abends eine Kaustange. So ein Hundeleben hätte ich gerade auch gerne.

Ich nehme ihn mit und erkunde das Ufer dieses fischreichen, gesegneten Sees. Des Pastors warme Worte werde ich nicht überprüfen können. Denn überall ragen hier Steilufer empor. An Angeln ist hier nicht zu denken, da bräuchte es ein Boot. Und das liegt gut gesichert in einer kleinen Bucht gegenüber, wie ich später herausfinden werde. An Baden ist übrigens ebenso wenig zu denken. Der See ist tatsächlich arschkalt.

Ich kraxel die Felsen hinauf und betrete plötzlich ein Plateau. Ein atemberaubender Blick über den See lässt mich wie angewurzelt stehen bleiben. Ein großer Platz direkt auf den steil abfallenden Felsen. In der Mitte sind grobe Baumstämme zu einem Quadrat angeordnet, in dessen Mitte eine riesige Feuerstelle liegt. Auf dem am weitesten über dem Abhang ragenden Felsen ist ein schlichtes, riesengroßes Kreuz aus Baumstämmen aufgestellt.

Man könnte hier Opferrituale, Freiluftgottesdienste oder lustige Abende mit Gitarre und Rotwein am Feuer verbringen. Oder einfach einen Moment durchatmen, genießen und dankbar sein.

Der ganze Ort hat etwas Besonderes. Das kalte, tosende Wasser des großen Sees, die vielen Fische darin, welche sicher vor mir und meinen mangelhaften Angelkünsten sind. Der angrenzende Wald und der Zufall des freundlichen Pastors, der uns hier stehen lässt.

Heute Abend machen wir mal richtig Camping, es gibt Erbsensuppe aus der Dose, vor der offenen Tür ein Vorhang aus Wasser und im Hintergrund der tosende See. Wild-romantisch-nass-kalt-ok-für-eine-Nacht.

Am nächsten Morgen bin ich sehr früh wach. Die wilde Romantik wirkt vor Sonnenaufgang noch schroffer. Ich gehe eine sehr große Runde mit Karl und hoffe auf meinen Elch. Wenigstens das. Aber der Elch hat keine Lust auf einen blassen, unausgeschlafenen, norddeutschen Schwedenanfänger mit Hund. Der hat allerdings weiterhin Lust auf Schweden, wir müssen es nur noch entdecken.

Wir beschließen, einer schwedischen Stadt eine neue Chance zu geben. Das Wetter ist so mittel und wir sind in der Nähe einer ebensolchen Stadt, die uns neugierig gemacht hat.

Als wir in Linköping ankommen, reißt der Himmel auf und es wird zaghaft sonnig. Erstmal was geiles essen beschließen wir und wandern in die Innenstadt. Wir finden ein Restaurant mitten auf dem Marktplatz, lauschig unter Schirmen, die Ferkelwärmer heizen von oben und wir haben einen prima Ausblick auf einen Brunnen und die entspannten Menschen drumrum.

Es ist später Vormittag, das Restaurant hat gerade erst geöffnet und so sitzen wir, plaudern, genießen die Sonne und die Wärme der Strahler und warten auf die Karte. Rechts und links werden die ersten Getränke, kurze Zeit später das erste Essen gebracht. Hmm, komisch. Beim nächsten vollbepackten Tablett, welches der Kellner leichtfüßig an den Nachbartisch bringt, fragen wir nach der Karte.

„Sie können den Code hier scannen und mit Ihrem Handy bestellen“ sagt er freundlich, zeigt flüchtig auf einen winzigen Aufkleber auf unserem Tisch und verschwindet wieder.

Alles klar, wir scannen, scrollen, brechen den Bestellvorgang ab, scannen erneut und irgendwann haben wir es geschafft, online auszuwählen, zu bestellen und zu bezahlen. Keine 10 Minuten später haben wir ein wirklich gutes Essen, Getränke und keine Scherereien mit dem Bezahlen, als wir gehen wollen. Das ist echt cool. Wenn Du es einmal geschnallt hast, ist es herrlich einfach und modern. Der Charme des „bedient werdens“ im Restaurant geht ebenfalls nicht verloren.

Nach dem Essen schlendern wir durch das Städtchen und holen uns noch ein Eis bei „Gelato amore“. Na, wenn das kein Omen für die nächste Etappe ist.

Runter vom Sofa (11): geheimer Geheimtipp

„oh Gott, ist etwas passiert?“

Ich schrecke hoch. Es ist verdächtig ruhig. Zu ruhig. Kein Pfeifen und keine Marschmusik vor dem Fenster, kein Regentrommeln auf dem Dach, selbst Karl liegt ruhig und friedlich in seinem Körbchen unter dem Tisch und leckt sich zufrieden …. die Pfoten. Das kann doch nicht sein. Wer hat in dieser Szene denn den Ton abgestellt und stattdessen einen viel zu großen Scheinwerfer direkt vor dem Fenster platziert?

Irritiert schleiche ich zur Tür, denke gerade noch rechtzeitig daran, mir etwas anzuziehen, bevor ich vermutlich in die nächste Katastrophe stolpere. So ist es doch immer: alles scheint ruhig und friedlich, nur ein scharfes Licht wirft lange Schatten, die Du leichtsinnig ignorierst. Du öffnest unbedarft die Tür.  Und zack – stehen die Schwiegereltern mit Kuchen davor. Oder die Nachbarn mit Weißwein. Oder so. Jedenfalls: man sollte immer misstrauisch sein, dazu aber unbedingt einen entschlossenen Eindruck machen.

Ich nehme also innerlich Haltung an und öffne die Tür. Und da passiert es: nichts.

Die allumfassende Ruhe ist schnell erklärt: es ist gerade 5:00 Uhr. Warum ich so ausgeschlafen bin? Keine Ahnung. Bisher war es Karl, der mich auf dieser illustren Reise zuverlässig viel zu früh geweckt hat. Mal durch aufgeregtes Tippeln vor der kleinen Stufe zum Bett, mal durch Ablecken meiner ausgestreckten Füße, meistens beides zusammen. Immerhin kann er mir hier nicht ins Ohr atmen. Aber das ist neu: ich werde wach, bevor er es ist.

Der Scheinwerfer draußen ist der größte, den die Regie auftreiben konnte – es scheint tatsächlich die Sonne.

Der Platz und alle Insassen schlafen noch. Zu unserer Rechten erhebt sich ein sanfter, sattgrüner Hügel. Nur ein paar rote und gelbe Zelte stehen darauf, eingehüllt in den gleißenden Schein der gerade aufgehenden Sonne.

Zur anderen Seite ein ähnliches Bild: eine satte Wiese, nur ein paar Wohnmobile glänzen weiß in der Sonne. Weit genug entfernt, dass ich nicht erkennen kann, was darin gerade vor sich geht. Schade eigentlich.

Rache ist süß: ich schleife den müden Karl aus seinem Körbchen und gehe eine kleine Runde über den Platz mit ihm. So still und von der Morgensonne ausgeleuchtet wirkt das „CampoDrom“ noch grotesker.

Wir hatten tatsächlich Glück: auf der anderen Seite des Platzes ist es brechend voll, Camper und Wohnwagen reihen sich dicht an dicht, Vorzelte und Markisen reichen sich hier schüchtern die Hände. Ob deren Bewohner es ebenso machen, weiß ich nicht. Die leeren Flaschen auf den Tischen und am Boden lassen eher eine intensiv besiegelte Brüderschaft vermuten.

Ich koche mir einen Kaffee, sitze in der Sonne, freue mich auf den geheimen Top-Stellplatz, den wir heute finden werden und schreibe ein wenig. Eigentlich ist es perfekt – wenn man(n) seinen Kopf mal für ne Weile ausschalten könnte.

Es ist doch so: wir sind mit einer ganz klaren Vorstellung losgefahren. Total romantisch übrigens, diese Vorstellung. Nämlich genau so, wie Du Schweden in allen Foren, Gruppen, Reiseführern und Erzählungen präsentiert bekommst: einsame Seen, strahlender Sonnenschein, nordischer Charme und unendliche Ruhe. Den ganzen Tag gehst Du angeln, fängst die größten Fische, Elche sagen Dir guten Morgen und Deine Crew überlässt Dir freiwillig das schönste Steak vom Grill.

Letzteres ist übrigens tatsächlich so. Bei Karl nicht ganz freiwillig, aber nun. Irgendwas ist ja immer.

Die Realität weicht leider geringfügig von diesem perfekten Plan ab. Es regnet und stürmt seit Tagen, die Mannschaft ist hungrig und genervt und Du stolperst von einer Planabweichung in die nächste. Das ist auch irgendwie lustig, muss aber auch erstmal in meinem Kopf ankommen.

Dass wir mit Walter das erste Mal auf großer Tour sind, überhaupt das erste Mal länger zusammen unterwegs, das erste Mal in Schweden und das erste Mal mit ganz klaren Vorstellungen (oder sollte ich Erwartungen sagen?) reisen, werde ich erst später begreifen. Jedenfalls könnte ich mit diesen ganzen „ersten Malen“ ein halbes Jahr Dr. Sommer in der Bravo vertreten. Und „das erste Mal tut noch weh“ ist mir bisher auch nicht wieder eingefallen – es gab einfach zu lange keine Schlagerpartys mehr.

Auch dass in Schweden, Deutschland, Holland und Norwegen gerade Ferien sind, wir irgendwie noch immer mitten in einer Pandemie stecken und Flugreisen somit gerade uncool sind – Wohnmobile dafür um so cooler – haben wir mit unserer rosa-blauen-Wunschbrille bisher nicht gesehen. Kommt aber noch, nur später.

Im hier und jetzt sitze ich vor Walter auf einer Wiese in der Sonne und träume von …. „na, home office? Hahaha. Klapp dat Schläpptop zu und mach ma Urlaub, so wie icke!“

Ich schaue hoch und blicke auf einen Bauch. Einen dicken Bauch, mit vielen schwarzen, borstigen Haaren darauf. „Meinen Rasierer bekommst Du nicht“ schießt es mir durch den Kopf, als ich weiter hoch schaue und erkenne, wie wichtig diese spontane Eingebung war. Vor mir steht DAS Klischee eines Campingplatz-Campers. Runder Kopf mit einem fein ausgedünnten Hubschauber-Landeplatz darauf. Direkt darunter eine knubbelige, dicke Nase, ein stolzes Mehrfachkinn und dann beginnt auch schon die Teppichfliese, welche sich über die Schultern, den Rücken und eben jenen sehr präsenten Bauch erstreckt.

Um den Hals hat er sich locker das rot-grün-weiße Handtuch gelegt, welches ihm Mutti vor 32 Jahren als Aussteuer mitgegeben hat.

„Guten Morgen. Sobald die Mannschaft hier wach ist, geht es los mit dem Urlaub. Ich schreib nur noch schnell ein wenig. Du bist aber auch schon früh unterwegs – im Urlaub…“ versuche ich mich ungelenk in Smalltalk.

„ick musste pinkeln, dat Bier muss ja auch wieder raus, wa?! Wann seid Ihr denn angekommen? Hab Euch noch gar nicht gesehen hier.“

„Gestern Abend, heute geht es weiter Richtung Norden.“

„Watt wollt Ihr denn da? Hier iss es doch och schön. Ick mag Schweden, komm schon seit 6 Jahren hier her off den Platz. Naja, schönen Tach noch“ und schlappt weg, die weißen Tennissocken leuchten in der Sonne und den dunkelblauen Aldiletten.

Drei Stunden, eine ausgiebige Luxusdusche, eine Waschmaschinenladung inkl. Trockner und vollständige Ver- und Entsorgung später fahren wir los. Unverändert scheint die Sonne, die Stimmung ist gelöst und hoffnungsvoll.

Das Navi sagt 1,5 Std. Fahrt bis zu unserem Ziel. Das freundliche Pärchen aus dem Bushäuschen bei Regen hat uns einen Stellplatz empfohlen, auf dem sie selbst drei Tage gestanden haben. Allein, direkt am Ufer eines traumhaften Sees, Geheimtipp.

Walter schnurrt, die Straßen sind befestigt und wir haben sogar in Ruhe gefrühstückt.

Der Weg führt uns durch das Schweden, welches wir im Kopf haben: überall Bullerbü, rotweiße einsame Häuser am Waldrand (oder mittendrin). Wir philosophieren darüber, warum hier praktisch alle Häuser die selbe Farbe haben. Mein erster Tipp: früher war das Walblut, und das haben die einfach beibehalten. Doch bevor meiner geliebten Reiseleitung noch übel wird, habe ich eine zweite Theorie. Irgendwas mit Steinen. Steine gibt es hier ja genug, vielleicht haben die Schweden damit irgendetwas gemacht und rote Farbe ist übrig geblieben.

Tante google gibt mir (fast) Recht. Die typische, rote Farbe ist ein Abfallprodukt der Kupfergewinnung, welche in Schweden wohl recht intensiv betrieben wurde.

Wir fahren durch ein Naturschutzgebiet, durch Wälder, vorbei an größeren und kleineren Seen und können uns gar nicht satt sehen an dieser Bilderbuchidylle aus Natur, Landschaft und Minidörfern.

Pünktlich wie die Eisenbahn kommen wir an einen wirklich traumhaften See, ganz anders als alle anderen Seen bisher – das Wasser ist nämlich türkisblau. Hier gibt es am Ufer immer wieder ein paar Buchten, in den man herrlich stehen kann.

Könnte – wenn sie denn frei wären. Der Geheimtipp scheint nicht ganz so geheim zu sein, alles, wirklich alles ist voll. Wir passieren mehr als eine handvoll traumhafter Stellplätz – als wären sie direkt aus unserer Vorstellung erschaffen worden. Offensichtlich sind wir nicht die einzigen mit einer solchen kitschig-romantischen Vorstellung. Keine Chance. Nicht mal in zweiter Reihe. Alles belegt und als uns ein Altcamper-Paar frech angrinst und eine mehr als unfreundlich-ausladende Handbewegung macht, reicht es uns für heute.

Die Stimmung zieht sich ebenso zu wie der Himmel über uns. Sehe ich da erste Tropfen? Auf der Windschutzscheibe? Oder hinter meiner Sonnenbrille?

Runter vom Sofa (10): alle Wege führ’n ins CampoDrom

Die Stimmung ist auf dem Siedepunkt. Und das hatte nichts damit zu tun, dass auf dieser Party gleich „Atemlos“ gespielt wird. Nein, in uns beiden kochte es tatsächlich. Es war 23:00, wir waren mal wieder 5 Std. unterwegs und standen jetzt auf einer schwedischen Autobahnraststätte.

Das bedeutet hier: von der Autobahn geht ein kleiner Schotterwegs ab, dieser führt zu einem irgendwie befestigten Platz. Das wars. NATÜRLICH liegt der Parkplatz an irgendeinem verkackten See, der sogar noch ganz hübsch anzuschauen ist.

„this ist the worst place in sweden I have ever seen“ erzählt mir ein Schwede, der hier mit seiner Familie ebenfalls Pause auf der Durchreise macht. Danke! Ich wollte hier nur am Ufer im Geröll sitzen und schlechte Laune haben. Mit miesen Plätzen kenne ich mich selbst aus.

Als Strafe gibt’s (wie früher bei Muddi) „ohne Abendessen ins Bett“. Aber nur kurz, denn ich wache wie immer um kurz vor 6 auf, reiße Walter und damit die gesamte Crew aus dem Schlaf und fahre los. Kurz huscht mir der Gedanke durch den Kopf, direkt wieder zur Fähre und damit Richtung Heimat zu fahren. Aber es kann ja nur besser werden.

Die trotz allem immer noch geliebte Reiseleitung wünscht sich neben Schlaf, Sonne, etwas zu essen, den perfekten Platz und Ruhe vor allem eine Dusche. Also hat sie einen entsprechenden Stellplatz ausfindig gemacht, zu dem ich Walter missmutig lenke.

Irgendwie kommt mir der Weg bekannt vor – und tatsächlich. Wir fahren wieder am Ortsschild von „Björneborg“ vorbei, und um kurz vor 7 rollen wir auf einen größeren Platz am Ufer des „Vännern“, dem größten See hier in der Region. Hier ist Platz für 11 Wohnmobile – aber keiner für uns. Alles belegt. Wir beschließen zu warten und frühestens 8:00 den Platzwart anzurufen, dessen Telefonnummer neben tausend Verhaltensregeln auf einer großen Tafel steht.

Der Platz ist nett und hat alles, was man braucht. Einen kleinen Strand (für Hunde verboten), eine Dusche (Tür wieder abschließen), ein kleines Café (nicht in Badekleidung betreten), Strom (im Preis inbegriffen), und einen traumhaften Blick auf den See (der mich viel zu sehr an die deutsche Ostseeküste erinnert).

Aber ich bin ungerecht, der geliebten Hausbesetzerin gefällt der Platz tatsächlich sehr gut. Ich bin nur noch nicht soweit.

Wir sitzen schweigend rum, gehen mit Karl spazieren, sitzen rum, ich gehe nochmal mit Karl, die Reiseleitung telefoniert.

Wir haben Glück – bis zum Mittag sollen fast alle anderen Camper abreisen. Sogar der Himmel reißt auf und jemand, den wir lange vermisst haben, betritt zögerlich die Szene: die Sonne.

Nach weiteren zwei Stunden warten, mit Karl gehen, warten und schweigen ergattern wir tatsächlich den besten Platz vor Ort. Wir haben ausreichend Abstand zu den anderen Campern und zu zwei Seiten einen freien Blick auf die Ostsee …. ähm den Vännern-See. Neben uns ein riesiges Wohnmobil, aus dessen Fenster drei große Hunde schauen.

Der Stellplatz, ein kleines Frühstück und die steigende Laune der Reiseleitung versöhnen mich ganz langsam mit diesem Ort. Die inzwischen mutig gewordene Sonne tut ihr übriges.

Wenn schon, denn schon“ denke ich und fange an, unser ganzes Geraffel auszupacken: Stühle, Tisch, Sofa. Eine halbe Stunde und einen Muskelkater später sinke ich aufs Sofa und liege einfach in der Sonne. Herrlich!

„lass das, ich gehe später duschen“ rufe ich, als es plötzlich schattig wird und mich ein paar Tropfen im Gesicht treffen. Kaum hat die geliebte Platzbesetzerin geduscht, wird sie schon wieder kiebig und schüttelt ihre nassen Haare über mir aus. Aber ich bekomme keine Antwort, stattdessen tropft es weiter. „kann die sich nicht abtrocknen? Ich hab keine Lust auf rumalbern“ denke ich mir, während ich schläfrig die Augen öffne. Aber da ist niemand. Und dieser Niemand hat die Form einer fetten, dunklen Wolke, die gerade Lust bekommt, über uns abzuregnen.

Zu dem einen Niemand gesellen sich schnell ganz viele und es fängt herzhaft an zu regnen. Ich eile hinein und nun liegen wir bäuchlings auf dem Bett und schauen hinaus in den Regen – natürlich vor der malerischen Kulisse des Sees, welcher inzwischen Schaumkämme trägt.

Der Regen geht, der Wind bleibt. Und es ist kalt. Wir bleiben also liegen und schauen weiter. Das ist wie auf ein Kissen gelehnt am Fenster eines 5stöckigen Mietshauses – nur beim Camping.

Endlich passiert auch etwas: ein schnauzbärtiger, kleiner Mann steigt aus dem Nachbar-Wohnmobil und macht sich an seinem Kofferraum zu schaffen. Er steckt irgendwelche grünen, weißen und roten Gummirollen in seine kakifarbene Weste, hängt sich eine Pfeife um den Hals und nimmt Haltung an.

Strammen Schrittes geht er zu seinem Riesen-Wohnmobil, öffnet die Tür und nach einem kurzen Schnippen springt einer der drei großen Hunde heraus.

Der Hund klebt an seiner Seite wie ein Magnet. Auf der großen Wiese vor uns bleibt der Typ stehen und hebt wie beiläufig die linke Hand, nur ganz wenig. Sofort setzt sich der Hund hin – und bleibt sitzen. Karl würde nicht mal sitzen bleiben, wenn er dafür Leckerlies bis zum Platzen bekommen würde. Der kleine Napoleon geht auf der Wiese 50m nach rechts, 100m nach links, vier Schritte vor und 20 Schritte zurück. Und überall dort platziert er die bunten Gummiwürstchen, aufmerksam von dem brav sitzenden Hund beobachtet.

Als er zurückkommt, reicht ein kurzes Nicken und der Hund steht unvermittelt auf. Auf ein weiteres, Nicken, was eher wie ein Krampf im Nacken aussieht,  folgt er dem Herrchen auf seinem Marsch über die Wiese. Und es ist ein Marsch – unvermittelt wechselt das kleine Männchen mit der strammen Haltung die Richtung, meistens um 90°. Irgendwann bleibt Napoleon abrupt stehen, winkelt den rechten Arm nach vorne ab, die flache Hand mit der Kante wie zu einem Karateschlag bereit. Und steht dort wie ein Zinnsoldat.

Plötzlich – zack – die Karatehand schnellt nach vorne dass ich es fast durch die Luft zischen höre. Der Hund schießt los und genauso schnell kommt er zurück – die grüne Gummiwurst im Maul. Brav legt er sie dem Herrchen in die Hand und setzt sich hin. Achtlos wird die Gummiwurst in der Westentasche verstaut. Dann das selbe Spiel: Marschieren, Richtungswechsel, Karateschlag und der Hund schießt los. Fehlt nur noch die Marschmusik bei dieser perfekten Parade.

Nach 15 min ist alles vorbei. Ein schriller Pfiff durchschneidet mein ungläubiges Staunen. Der Pfiff scheint das Kommando zu sein, sich zu freuen. Der Hund springt an Herrchen hoch, freut sich überschwänglich und wird sogar geherzt. Für exakt 20sek. Ein weiterer Pfiff und die Show ist vorbei. Dachte ich. Denn nachdem Hund 1 auf Kommando ins Wohnmobil springt, geht das Speil von vorne los. Hund 2 und 3 folgen. Ich gehe kurz zu Karl, der sich in seinem Körbchen streckt und wohlig grunzt. Demonstrativ lege ich ihm eine besonders leckere Kaustange dazu – er weiß zwar nicht warum, freut sich aber trotzdem. Deutlich länger als 20sek.

Dank Regen, Wind und Kälte haben wir genug Zeit, uns über den Hundenazi zu philosophieren. Lästern soll man ja nicht. Aber ernsthaft: der war doch früher bei der Stasi. Das Nummernschild zeigt jedenfalls Gera als Heimathafen. Ob er seine Frau auch mit einem kurzen Pfiff …. Ach egal.

Der nächste Morgen präsentiert sich kühl, windig – und trocken. Spontan möchte ich einen Prosecco aufreißen. Verkneife ich mir aber, denn Frau Hundenazi steigt gerade mit zwei prickelnden Gläsern aus dem Wohnschiff und trägt es zu IHM, der an einem mit weißer Tischdecke gedeckten Klapptisch sitzt, das Glas ohne erkennbare Miene entgegennimmt und in einem Zug leert.

Bevor wir – ohne es zu merken – auch noch Haltung annehmen, wird es Zeit zu fahren.

Aber wohin? Das Wetter ist unverändert kalt und mies. Die Wetterkarte verspricht, dass es überall in der Region auch so bleibt. Wie wäre es also mit einem Ausflug in die Stadt? Örebro liegt etwa 1,5 Std. entfernt und soll eine schöne, typisch schwedische, kleine Stadt sein. Ist es aber nicht. Ein Schloss, was aussieht wie eine Trutzburg, steht mitten drin. Drumherum: eine langweilige Standardkreisstadt. Nach einer knappen Stunde sind wir vor allem froh, dass es nicht regnet.

Geld ausgeben. Geld ausgeben hilft. Und weil uns die Stadt nicht dazu animiert, flüchten wir uns verzweifelt auf den nächstgelegenen Campingplatz. Dort soll es eine Therme, ein Restaurant und viel Platz geben.

Das erste Schild welches ich sehe, nachdem wir die Reception passiert haben, ist CAMPODROM. Naja, es ist kein Schild, es ist eine Wand. Alles hier ist zu groß, zu bunt, zu viel. Das hier ist Disneyland für Camping.

Wir finden aber einen großzügigen Platz, überraschend ruhig und fast ungestört. Wir beschließen, für eine Nacht hier zu bleiben und mal so richtig abzusahnen. Für den Preis einer Nacht bekommt man anderswo ein Doppelzimmer mit Meerblick und fettem Frühstück. Wir bekommen Luxusdusche, Strom satt, alle denkbaren Ver- und Entsorgungen und sogar ein eigenes Badehäuschen für Hunde.

Wir nutzen einfach alles dreimal, dann hat sich das hier gelohnt. Gesagt, getan. Und als Dank für unser Durchhaltevermögen kommt sogar die Sonne durch.

Ab morgen wird es schön, richtig geil. Beschließen wir. Denn wir haben einen Geheimtipp für ein ganz besonders schönes Plätzchen bekommen. Gar nicht weit weg, nur 1,5 Std. Fahrt. Ich freue mich auf morgen und schlafe trotz Campingdisco zufrieden ein.