Walter muss weg – und dann gibt es Rouladen

neulich sitze ich hier zu Hause auf der kleinen „früh-morgens-Terrasse“ bei Kaffee, Zigarette, Sonnenaufgang und träume so vor mich hin.

Da höre ich hinterm blauen Zaun zwei ältere Damen schnattern, die auf dem Weg zum Arzt, zum Edeka oder sonst was sind und hier vorbei kommen:

„das olle Wohnmobil stört mich hier aber“

„ja, mich auch. Das versperrt hier ja die ganze Sicht. Dat muss wech“

Nun, ich weiß nicht welche Sicht sie meinen, vielleicht mussten die Damen aber ja auch zum Augenarzt. Jedenfalls gibt es rechts von Walter eine Häuserwand, links von ihm die Straße. Beides finde ich nicht allzu sehenswert. Aber was weiß ich denn schon ….

Jedenfalls habe ich erst geschmunzelt und dann gedacht:

„jo, stört mich auch!“

Statt auf dem Parkplatz hätte ich „Walter“, das Wohnmobil nämlich viel lieber auf einem schönen Stellplatz. Am Meer. Mit uns darin.

Geht leider nicht, wir sind zu Hause, müssen arbeiten und das WoMo steht vor der Tür. Jedenfalls so lange, bis wir unseren ganzen Kram ausgeräumt hatten. Seitdem steht er wieder auf seinem großen Ruheplatz und die Sicht auf die Hauswand ist frei. Gern geschehen, liebe Damen.

Nun sind wir also wieder zu Hause in diesem kleinen, beschaulichen Ort und das Fernweh ist groß. Was macht eigentlich den Unterschied aus zwischen „zu Hause“ und „unterwegs“?

Ja, wir lieben das #hausmitdemblauenzaun. Wirklich. Schon als wir es das erste Mal gesehen haben, haben wir uns verliebt. Ging mir mit der Hausbesetzerin übrigens genauso, aber das ist eine andere Geschichte und die soll ich hier nicht erzählen. Sagt sie.

Das Haus mag uns auch, jedenfalls ist es groß, warm und sehr freundlich. Kein Wasser im Keller, egal wie sehr es regnet. Hübsch anzuschauen, egal von welcher Seite. Groß und einladend, egal was wir gerade tun. Die alten Mauern erzählen Geschichten aus 120 Jahren. Und der Garten grünt und blüht, dass es nur so eine Pracht ist. Apropos, ich müsste mal wieder Rasen mähen.

Walter, das Wohnmobil dagegen? Klein ist es innen, so dass ich mich immer ganz eng an die geliebte Platzbesetzerin schmiegen muss, wenn ich mal an ihr vorbei muss. Kühl ist es, wenn die Sonne in Schweden nicht scheint. Alt ist Walter auch – und im Gegensatz zum Haus merkt man ihm das Alter aber auch an. Irgendwie kompliziert ist Walter auch. Ständig muss man irgend etwas verstauen, öffnen, schließen, anschalten, ausschalten, entleeren, auffüllen. So ein Haus mit allem drum und ran ist schon sehr komfortabel.

Doch nun steht Walter eben eine Weile still und wir genießen den Komfort der ehrwürdigen Mauern. Ich beobachte derweil gespannt, was hinter dem blauen Zaun so passiert.

Neulich haben wir auf einem Stellplatz ein älteres Pärchen aus dem Rheinland getroffen. Für sie war es lebensnotwendig, dass sie während der Karnevalszeit unterwegs sind – am liebsten ganz hoch im Norden bei den härtesten Karnevals-Verweigerern. Nur eben um jeden Preis nicht zu Hause.

Sie haben uns erzählt, wie sich die Karnevals-Vereine gegenseitig überbieten wollen. Wer hat das ausgefallenste Kostüm, wessen Wagen ist größer, bunter, verrückter? Wer hat die lauteste Musikbox, verträgt am meisten Alkohol und hat die mutigste Büttenrede.

Ich habe mir damals nicht viel dabei gedacht, die Aktivitäten zum Karneval sind hier im Norden ja auch eher homöopathisch.

Ich wäre trotzdem gerne für ein paar Wochen nicht zu Hause gewesen. Vielleicht im Rheinland? Bestimmt gibt es dort ein Örtchen, in dem gerade keine Kommunalwahlen stattfinden? Oder auf einem Campingplatz. Dort wird ja nicht um Wählerstimmen gerungen, sind ja alle von „auswärts“ auf so einem Platz.

Wenn Du aber zu Hause bist, bist Du mittendrin. Volles Brett. Also im Wahlkampf. Im Karneval wahrscheinlich auch, aber das kann ich nicht beurteilen.

Es fängt damit an, dass plötzlich uralte Geschichten hochgespült werden. Das Dorf, in dem Du lebst, gibt es ja zweimal. Mindestens. Also einmal physisch, so ganz real mit 120 Jahre alten Mauern, blauer Zaun, Straße, Edeka, Siglinde von nebenan und seit zwei Jahren defekter Straßenlaterne.

Das selbe Dorf gibt es aber noch einmal. Als Facebook-Gruppe. Die Bewohner sind gleich, sie verhalten sich nur anders.

Während man sich im echten Dorf noch anständig grüßt, auf dem Weg zum Augenarzt belanglos plaudert und dem ein oder anderen auch einfach mal aus dem Weg gehen kann, geht es im Facebook-Dorf zu wie auf dem Schützenfest kurz vor „letzte Runde“. Da brüllt einer vom Tresen quer durchs Festzelt, dass ihm etwas nicht passt. Irgendwas ist ja immer, zum Beispiel das Bier zu warm oder die Musik ist scheiße. Er (der Brüller) ist so voll, dass ihn kaum jemand versteht. Außerdem kennen ihn alle, der brüllt immer, wenn er voll ist.

„jaja, Paul. Ist gut“ hört man dann.

Viel mehr passiert meist nicht, im echten Dorf. Falls doch, falls Gert noch neben ihm sitzt oder er umfällt am Tresen, gibt es was Neues zu erzählen im Dorf. Zum Beispiel auf dem Weg zum Augenarzt. „hast Du schon gehört, der Paul hat wieder….“

Nach ein – zwei Wochen hat es jeder gehört, dann ist es aber auch wieder gut. Jedenfalls bei den kleinen Skandalen. Bei den größeren dauert es auch schon mal länger. Das kann sich dann schon mal entwickeln. Am Ende geht sich dann irgendwer aus dem Weg oder wird nicht mehr zum Geburtstag eingeladen. Aber dann muss es schon um etwas gehen. Etwas Wichtiges für alle. Neue Freundin oder falsch geparkt oder so.

Im Facebook-Dorf geht es immer um grundsätzliches. Das warme Bier wird zur Klimakatastrophe, Gert hat grundsätzlich keine Ahnung von irgendwas und soll froh sein, dass ….

So weit, so normal. Aber nu is Wahlkampf.

Und wer bis dahin sowohl im echten als auch im Facebook-Festzelt still in der Ecke gesessen und sein Bier getrunken hat, der steht jetzt auf und steigt auf den Tresen. Denn er muss da dringend mal etwas loswerden, wirklich wichtig, existentiell. Immerhin geht es um alles bei dieser Wahl, AAALLLLES!

Und wie er da so steht auf dem Facebook-Festzelt-Tresen brüllt er heraus, dass Kandidat 1 vor zwei Jahren mal „guten Morgen“ gesagt hat. Am frühen Nachmittag. Könnt Ihr Euch das vorstellen? Wer beim Grüßen schon lügt, dem kann man doch gar nichts mehr glauben. Unwählbar!

Unser Freund auf dem Tresen hat zwar letzte Woche seinen eigenen Hochzeitstag vergessen, aber an das „guten Morgen“ vor zwei Jahren erinnert er sich genau. Und viele andere im Zelt auch. Sie stürmen herbei und diskutieren wild.

Der nächste steigt auf den Tresen. Er fährt zwar seit 6 Monaten mit abgelaufenem TÜV durch die Gegend, aber auf den Wahlplakaten von Kandidat 2 fehlt ein Logo. Er hat das überprüft. Das ist doch Betrug. Wie gut, dass er es rechtzeitig gesehen hat und alle anderen warnen konnte.

Und da, noch einer. Das ist der, der im Winter seinen Schnee vorm Haus immer zum Nachbarn rüber schiebt. Er hat genau gezählt. Kandidat 2 hat vier Plakate mehr aufgehängt als der andere. Schnell lädt er noch eine Karte hoch, in der er die Standorte genau eingezeichnet hat.

Die Menge vorm Facebook-Tresen jubelt. Endlich spricht es mal jemand aus. So geht es hin und her. Jeder, der will, darf mal auf den Tresen. Die Themen werden belangloser, die Kommentare hitziger.

Ich stelle mir vor, die würden sich im echten Festzelt gegenüber sitzen. Ja klar, da gäbe es Bier oder so. Dadurch wird es automatisch lauter und hitziger. Aber so? Unvorstellbar, dass sich Paul jemals wieder 3 Eier von Gert holen könnte, weil er die beim Einkaufen vergessen hat. Oder ihm ein Bier ausgibt, einfach weil er gerade da ist.

Apropos: wählen Sie niemals einen Kandidaten, der im Wahlkampf Bier trinkt, während er mit seinen Wählern spricht. Skandal! Hoffentlich hat er es wenigstens selbst bezahlt. Das Bier.

So, und nun kommst Du nach einem langen Wochenende mit Walter an der Ostsee wieder nach Hause geschaukelt. Bist entspannt, hast am Strand gelegen. Hast fröhliche Rheinländer getroffen, die froh sind, dass es hier keinen Karneval gibt. Und hast noch dieses wohlige Rauschen der Ostsee im Ohr.

Aber jetzt, wo Du zu Hause bist, fängst Du wieder an, im echten und im Facebook-Dorf mal „hallo“ zu sagen.

Ich habe mich dabei erwischt, wie ich auf dem Weg zum Bäcker die Plakate gezählt habe. (Gleichstand übrigens).

Beim Essen mit Freunden im Dorfkrug bestelle ich lieber einen Wein, Bier ist ja irgendwie …. skandalös.

Und wenn mein Nachbar mir an der Kasse im Edeka noch einmal „Moin“ zuruft, obwohl es gleich dunkel wird ….

Das Pendant zu „letzte Runde“ im Wahlkampf ist ja der Wahlsonntag. Selbst im Facebook-Dorf herrscht langsam Ruhe.

Im echten Dorf gibt es am Samstag noch ein letztes Stelldichein der Kandidaten. Fein säuberlich sind sie die Dorfstraße entlang aufgereiht. Da siehst Du sie in echt – die Betrüger, Lügner, Nichts-Könner und Biertrinker. Komisch, sehen alle ganz nett und irgendwie harmlos aus. Würde ich sie nicht schon lange persönlich kennen, nach den Beschreibungen im Facebook-Dorf hätte ich sie nicht erkannt.

Wahlsonntag. Wir müssen früh los. Freundlicherweise wurden wir nämlich wieder einmal zu Wahlhelfern ernannt, diesmal sogar „Wahlvorstand“. Hohoho.

Für die nächste Wahl wünsche ich mir, dass Paul das mal … ach nee, der hat ja im Festzelt zu tun.

Trotzdem bin ich tatsächlich überzeugter Wahlhelfer und so stiefeln wir im Morgengrauen los. Instinktiv will ich die Plakate zählen, ob nicht auch auf diesem Weg noch ein handfester Skandal lauert. Aber nichts da. Kein einziges Plakat ist mehr da, wo es vorher aussah wie an der Schießbude. Alles leer, alles weg. Freie Willensentscheidung für freie Wähler. Ich bin beeindruckt, von allen Kandidaten.

Wir bauen also auf, es gibt drei Stimmzettel für drei Wahlen. Klein, mittel, groß. Blau, gelb, grün. Entsprechend bauen wir die Wahlurnen auf, blau, gelb, grün. Die Wahlurne mit dem kleinsten Einwurfschlitz wird für den größten Stimmzettel sein. Aber das merken wir erst später, als die Urne versiegelt ist. Also werden wir heute mehr als 200mal behaupten, das sei Absicht gewesen, um ein wenig Spaß in diese trockene Angelegenheit zu bringen.

Der erste Wähler kommt punkt 8:00. Er hat sich seine Joggingrunde so eingeteilt, dass er genau 8:00 hier sein kann. Etwas später erfahre ich von einem anderen Wahlhelfer, dass der sportliche Herr immer der erste an der Urne ist, bei jeder Wahl. Man kennt sich.

Apropos kennen. Das ist es, was wirklich schön ist, bei einer Wahl zu helfen: zu Menschen, die Du seit Jahren kennst, beim Bäcker nett plauderst oder auf dem Weg durchs Dorf fröhlich zuwinkst, bekommst Du jetzt einen Namen.  Oder zwei. Nicht jedes traute Paar im Dorf ist auch verheiratet. Oder nicht miteinander. Und plötzlich weißt Du, wer wessen Bruder ist und dass XY jetzt in Deiner ehemaligen Wohnung wohnt.

(Für alle, die jetzt Angst vor Indiskretion haben: ich kann mir Namen nicht merken, konnte ich noch nie. Heute morgen habe ich eine Dame wieder getroffen, deren Wahlbenachrichtigung ich gestern abgehakt habe. Sie kannte meinen Namen noch. Ich habe es bei „Moin, na, hatten Sie noch einen schönen Sonntag“ belassen.)

Manchmal geht einem das Herz auf. Zum Beispiel, wenn sich Oma und Opa extra schick machen, um zur Wahl zu gehen. So richtig mit Anzug, gestärktem Kragen und Gehstock. Sie sind richtig vorbereitet, haben alle Dokumente in Folie eingeschlagen mitgebracht, haben sich über die Kandidaten informiert und Opa hat den goldenen Kugelschreiber dabei, den er nach 45 Dienstjahren bei ThyssenKrupp bekommen hat. Aber dennoch gibt es ein Problem: Oma kann nicht wählen. Sie sucht überall, in Ihrer feinen Handtasche, in Opas Jackett, sogar auf Ihrem Kopf. Nichts.

Naja, meine schwarze Lesebrille passte zwar nicht zu ihrer hellblauen Bluse, aber sie kann alles erkennen und hat am Ende hoffentlich richtig gewählt.

Im Wahllokal brauchst Du übrigens keine Uhr.

Wenn der Erste vor der Tür steht, ist es Punkt 8:00 Uhr. Die erste größere Welle kommt kurz vor 11, zumindest wenn die Kirche gleich nebenan ist.

Wenn es das erste Mal ruhig und leer bleibt, ist es 12:00 Uhr. Wenn es dann wieder losgeht, 13:00 Uhr.

Und wenn dann noch jemand hektisch angelaufen kommt und erleichtert seinen Ausweis zeigt, ist es gleich 18:00 Uhr.

Meine Lieblingswähler waren übrigens ein Paar im etwas höheren Alter. Sie kamen händchenhaltend herein, so schnell wie es eben ging mit der neuen Hüfte.

Ich sage mein Sprüchlein auf „auf diesem Stimmzettel haben Sie drei Stimmen. Diese können Sie frei verteilen, ganz wie wollen“

„Ach was, da muss ich erstmal meine Frau fragen“

Ich mag Wahlen. Es ist ein schönes, würdiges Ritual und meine ganz persönliche Meinung ist, dass sie wichtig sind. Sehr wichtig.

Bis 18:00 Uhr. Dann wird es albern – und anachronistisch.

Die Auszählung findet nämlich statt wie vor 100 Jahren. Per Hand. Auf einem großen Tisch oder auf dem Fußboden, je nachdem, was gerade da ist.

Tonnenweise Papier, was auf hunderte, kunstvolle Arten gerade erst gefaltet wurde, wird wieder entfaltet. Und dann sortiert. Und dann gezählt. Und nochmal gezählt.

Dann wird gerechnet. Und nochmal gerechnet.

Ganz ehrlich, das Finanzamt weiß in dem Moment, in dem ich mit der EC-Karte beim Edeka bezahle, wieviel Mehrwertsteuer es von mir gerade bekommen hat. Und wir zählen Wahlzettel mit der Hand aus? Und rechnen Türmchen nach Erst- Zweit- und Drittstimme? O.k., es ist sicher. Wirklich. Da kannst Du nicht schummeln, verschieben oder weglassen. Aber das ist es beim Finanzamt auch.

Nach 3,5 Std. sind wir fertig. Physisch, psychisch und auch mit dem Zählen und rechnen.

Das Ergebnis wird nach jeder Zählung telefonisch an den Wahlleiter durchgegeben, der die Zahlen dann in ein online-System eintippt.

Meine Aufgabe war es anschließend, alle Stimmzettel, die jeweils 10 seitigen, unübersichtlichen Formulare für die Wahlniederschrift und anderen Krimskrams zum Wahlleiter zu tragen. Drei ehrlich bemühte Staatsdiener kontrollieren dann noch einmal alles. Alles, und zwar sehr genau.

Nach einer Stunde war ich dann auch dort fertig.

Als ich durch das Dorf nach Hause gehe, genieße ich die kühle Nachtluft. Aus der Ferne höre ich die Wahlparty eines Kandidaten. Ja, der Trend hatte sich auch bei uns schon abgezeichnet. Herzlichen Glückwunsch und gutes Gelingen!

Ich schaue noch kurz im Facebook-Dorf vorbei. Alles ruhig. Nur bei Paul gab es heute Rouladen. Wie schön, die könnten wir auch mal wieder essen. Er hat drei Likes dafür bekommen, jetzt sind es vier.

Möwen füttern verboten

„na dann lehnen Sie mal ganz entspannt den Kopf zurück“

Meine Entspannung dauerte genau so lange an, bis mir der Typ das Wattestäbchen bis zum Gehirn in die Nase schiebt. Die gute Nachricht ist, dass er dort auf Widerstand stößt, also ganz leer scheint es da oben nicht zu sein. Meine Freude darüber war allerdings nicht für jedermann sichtbar, denn für die nächsten 2 Stunden liefen mir Tränen aus den Augen.

„Wenn Sie wieder etwas sehen können, dürfen Sie gerne weiterfahren“ – der Typ vom Corona-Testzentrum hatte wenigstens einen schrägen Humor, auch wenn ich ihn gleich wegen Folter anzeigen werde.

Wegen der Tränen konnte ich das Testergebnis per E-Mail selbst nicht lesen, aber da es einen kausalen Zusammenhang zwischen Hotelzimmer und Testergebnis gibt, scheint er negativ gewesen zu sein.  

So beginnt also das verlängerte Wochenende nicht wie geplant mit einem Aperol auf der Promenade, sondern mit einem mechanischen IQ Test im drive-in-Testzentrum.

Auf besonderen Wunsch, Einladung und Anlass einer ganz besonderen Dame sind wir für drei Tage in Kühlungsborn – „Seebad mit Flair“. Karl und Walter mussten leider zu Hause bleiben, die zweite schmerzhafte Erfahrung nach dem Wattestäbchen.

Wir verfallen tatsächlich in das Klischee allein reisender Eltern, die sich erst wochenlang darauf freuen, endlich mal Zeit alleine und ohne Verpflichtungen zu haben, sich dann aber ständig Gedanken darüber machen, ob es der zu Hause gebliebenen Brut gut geht, wie sehr man sie vermisst und dass das alles doch eigentlich eine Scheißidee war. „Machen wir nie wieder“ ist einer der am häufigsten gesagten Sätze des ersten Tages.

Nach einem Tag fangen wir uns auch wieder und fangen an wahrzunehmen, wo wir eigentlich sind.

Wie wir später feststellen werden, war das ganze Kopfkino umsonst – die kleine Prinzessin erweist sich nämlich als die perfekte Haus- Hof- und Hundesitterin und wächst über sich hinaus. Prompt verfallen wir in das nächste Klischee, sind unfassbar stolz auf sie und halten sie fast für ein Wunderkind.

Aber noch ist es nicht soweit. Ich kann inzwischen wieder gucken und denken und die kleine Reisegruppe trifft sich fein herausgeputzt zum Abendessen. Und schon lernen wir wieder eine Lektion: es gibt hier noch andere Menschen – es ist voll. Anderthalb Jahre Lockdown, homeoffice und Menschendetox haben uns aus der Übung kommen lassen. Ich bin es gar nicht mehr gewohnt, ein Stimmengewirr aus 200 Kehlen einfach zu ignorieren, statt jedes Wort verstehen zu wollen. Fremde Menschen, die einem nahe kommen, irritieren meinen Geruchssinn. Und wie sichere ich mir den letzten freien Tisch, den 6 andere auch haben wollen?

Gerade rechtzeitig erinnere ich mich an eine Weisheit meines Grafikprofessors: kleine Kinder und Hundewelpen gehen immer. Wir bekommen den Tisch.

In einem Restaurant essen zu gehen ist allerdings geil! Das habe ich tatsächlich vermisst. Dementsprechend übertreiben wir es natürlich – mit allem. Ein Teil der kleinen Reisegruppe wird am nächsten Tag Magenschmerzen, ein anderer Teil Kopfschmerzen haben. Ein sehr kleiner Teil sogar beides.

Wie gut, dass es an diesem Tag keine festen Programmpunkte gibt. Wir gehen los, Kühlungsborn zu entdecken. Die geliebte Hausbesetzerin nach links, in die Richtung, aus der es bunt flattert, glitzert und duftet.

Mich verschlägt es nach rechts, hier ist es windig, sandig und riecht nach Florena Sonnenmilch.

Sie kommt zurück mit ein paar hübschen Tüten und ebenso hübschem Inhalt. Ich weiß nun, was ich hier alles nicht darf. Mein Handtuch neben einen Strandkorb legen zum Beispiel.

Kühlungsborn ist wirklich hübsch. Oder sollte ich sagen „nett“? Nein, es ist hübsch. Alles ist auffallend sauber, alle 30m stehen zwei hübsche weiße Bänke, die Bäume auf der Promenade sind hübsch geschnitten, die Pflastersteine derselben sind hübsch angeordnet, die dahinter stehenden Villen und Hotels sind farblich hübsch aufeinander abgestimmt. Ich mag diese Ordnung sehr, sie gibt Ruhe und Sicherheit.

Um diese Postkartenidylle bewahren zu können, braucht es natürlich Verbot… ähm Regeln. So nach und nach entdecke ich in den nächsten Tagen immer mehr Schilder mit sehr freundlichen, aber konsequenten Regeln.

In nasser Badehose quer über die Promenade zu schlappen ist hier nicht – aber das würde auch nicht passen. Dafür wird der Strand hier jeden Morgen geharkt und die Strandkörbe fein säuberlich ausgerichtet – sortiert nach Nummern.

Ich hatte ja gehofft, dass ich am Strand – während ich in der Sonne liege, meine Badehose trocknet und ich ungeniert Leute beobachten kann – einiges entdecken und für Euch hier aufschreiben kann. Aber da war nicht viel. Friedliches, harmloses, regelkonformes Strandleben. Ruhig, erholsam – aber irgendwie auch langweilig. Ich habe nicht mal ein Stück Brot dabei, um die Möwen zu füttern.

So geht der Tag zu Ende, wir haben ohne Kleinkind-Hundewelpen-Trick einen Platz in der ersten Reihe ergattert und erleben beim Rotwein einen filmreifen Sonnenuntergang. Natürlich fotografiere ich ihn – so wie 300 andere vor uns auf der Promenade auch. Schade dass ich nicht sehen kann, wie dieses Bild tausendfach gleichzeitig auf facebook hochgeladen und gelikt wird. Aber ich kann es mir vorstellen.

http://www.kuehlungsborn.de

Runter vom Sofa (1 – opening)

„Hilde, ist die 102 noch frei?“

Ich hätte ja nicht gedacht, dass mich eine kurze Frage in norddeutschem Kodderton noch so nervös machen kann. Genau so fühlte es sich als 5 jähriger an, wenn ich wissen wollte, wieviel Kugeln Eis ich darf. Damals hing gefühlt mein Leben davon ab, mich nicht zwischen Vanille, Schoko und Erdbeere entscheiden zu müssen.

Ich habe mich sehr daran gewöhnt, dass ich inzwischen derjenige bin, der diese Frage beantworten darf. Und die kleine Prinzessin sollte ihren Großeltern sehr dankbar sein, dass ich sie damals manchmal echt doof fand. Denn bei zwei Kugeln fehlt immer eine. Immer.

Deshalb gibt es heute also grundsätzlich drei Kugeln. Auch wenn sie Erdbeereis gar nicht mag.

Aber nun, ich schweife ab. Denn erstens kann ich mir mein Eis inzwischen selbst kaufen und zweitens hat Hilde inzwischen sehr ausschweifend geantwortet.

„jo“.

Das wiederum fühlt sich an, als hätte Hilde mir gerade einen großen Schwedeneisbecher mit 6 Kugeln spendiert. Es braucht eben nicht vieler Worte, um Menschen glücklich zu machen.

Mit ihrem kurzen „jo“ macht Hilde nämlich den Weg frei, dass sich ein kleiner Traum erfüllt. Wir bekommen spontan einen Platz in der ersten Reihe. Fast direkt am Meer. Ohne Anmeldung, spontan und auf gut Glück.

Genau so hatten wir uns das tatsächlich vorgestellt, als wir Walter in unser kleines Rudel aufgenommen haben. Walter das Wohnmobil.

In so einem Rudel braucht ja jeder seine feste Aufgabe.

Karls Aufgabe ist es, niedlich zu sein. Das meistert er mit Bravour! O.k., aufpassen soll er auch. Kriegt er auch hin. Wir suchen schon nach neuen Aufgaben für ihn, aber so recht ist mir noch nichts eingefallen.

Die geliebte Hausbesetzerin hat sehr vielfältige Aufgaben, z.B. den Alten auf Trab halten. Dies und alles andere meistert auch Sie mit bemerkenswerter Perfektion.

Die kleine Prinzessin entwickelt sich immer mehr zu einer wahren Meisterin der Aufgabenvermeidung. Also ebenfalls check!

Ich bekomme die restlichen Aufgaben, die noch übrig sind. Es ist genau wie beim Essen – alle Reste auf den Tellern zu mir. Kann ich super, alles aufessen!

Und Walter? Walters Aufgabe ist es, uns überall hinzufahren und uns dort dann zu beherbergen.

Hinter dieser scheinbar klaren und einfachen Aufgabe steckt allerdings viel mehr – das weiß Walter aber nicht, glauben wir zumindest.

Denn Walter holt uns runter vom Sofa, im übertragenen Sinne.

Der ein oder andere hat es hier vielleicht schon bemerkt: in den letzten Monaten ist außer Pandemie nicht viel passiert. Die immer gleichen Leute gehen am blauen Zaun vorbei. Das Leben im Dorf ist unverändert schön, aber irgendwie auch vorhersehbar. Zumindest in letzter Zeit, ohne Ausnahmeerscheinungen wie Schützenfest, große Geburtstagsfeiern, Weinfest oder sonstige Aufreger. Jeder sitzt auf seinem Sofa und wartet mehr oder weniger ab, dass die Pandemie vorbei ist.

Natürlich gab es auch in dieser Zeit vor und hinter dem blauen Zaun die üblichen Aufreger. Die Säue, die durchs Dorf getrieben werden, laufen auch am blauen Zaun vorbei. Darüber werde ich auch noch berichten, wenn die Zeit reif ist. Versprochen.

Und trotzdem wollten wir unsere Komfortzone mal wieder verlassen. Raus in die Welt und andere Säu … ähm Geschichten erleben. Und da kommt Walter ins Spiel.

Wir wollen frischen Seewind um die Nase, andere Sprachen und Dialekte hören, Menschen kennenlernen, Einsamkeit aushalten, uns auf das Wesentliche reduzieren.

Und so tauschen wir nun gelegentlich 190qm geschichtsträchtige Mauern gegen 19qm ungewisse Sehnsucht.

Und diese Sehnsucht schauen wir uns zusammen mit Walter dann vom Sofa aus an. Denn runter vom Sofa heißt ja nicht, dass wir es nicht bequem mögen, so rein körperlich.

Dank Hilde sitzen wir nun also hoch im Norden wieder auf einem Sofa und freuen uns darüber, dass der Kanister Weißwein doch in den kleinen Kühlschrank passt. Und wenn wir den Hals recken, sehen wir das Meer. Das mit dem Hals recken sind wir ja gewohnt, anders sieht man zu Hause ja auch nicht, was die Nachbarn so treiben.

Hier interessiert es übrigens niemanden, was wir so treiben. Wohnmobilisten haben die angenehme Eigenschaft, jeden neuen Nachbarn freundlich zu grüßen und ab dem Moment wohlwollend neutral zu ignorieren. Das heißt nicht, dass wir niemanden kennenlernen. Ganz im Gegenteil. Aber es bleibt wertfrei, ob und was und wie ich bin.

Heute morgen, als es Hun…. und Katzen geregnet hat, hielt mir die Frau auf dem Nachbarstellplatz einen Regenschirm hin. „ich weiß ja nicht, ob ihr schon voll ausgestattet seid.“ Nein, sind wir natürlich noch nicht. Daher: vielen Dank!

Außer das Sofa natürlich. Das haben wir den schon erfahrenen Globetrottern voraus und ich bin mir sicher, das eine oder andere anerkennende Lächeln, welches wir damit hier geerntet haben, löst direkt eine Bestellung bei „Camping Wagner“ aus.

Nach dem Abendessen wird Vati hier üblicherweise zum Abwaschen geschickt. Mit der multifunktionalen Kunststoff-Silikon-Klappkiste trottet er zum Waschplatz, um die Spaghetti- oder Raviolireste seines Rudels von den Tellern zu spülen.

Wenigstens ein Klischee, welches wir (ich) nicht erfüllen.

Statt Klischees zu erfüllen oder zu spülen, wandern wir einen guten Kilometer am Strand entlang zu einer kleinen Holzhütte in nordisch anmutendem rot-weiß. Der selbstgebackene Kuchen hier soll ein absoluter Geheimtipp sein.

Ich kann gar nicht anders als diesen Wunsch so lange in verschiedenen Facetten zu äußern, bis die geliebte Hausbesetzerin endlich genervt aufgibt. Sie hat zwar immer noch keinen Appetit auf Kuchen, kommt aber mit.

Allein der Weg dorthin ist ein Traum! Ursprüngliche Ostseeküste mit tausenden Kieselsteinen in allen Formen, Größen und Farben. Dazu in den Wind geduckte Kiefern und ein fast kitschiger Blick auf die Küste Dänemarks. Der Maler dieses Arrangements hat nur vergessen, einen Leuchtturm auf die Landzunge zu setzen – ansonsten ist es perfekt.

Ebenso perfekt ist übrigens der Kuchen, ich kann mich nicht entscheiden zwischen Erdbeer-Frischkäse-Sahne oder Rhabarber – Baiser. Und da das Camper-Leben ja ohnehin schon so entbehrungsreich und karg ist, nehme ich einfach beide.

Meine zunehmende Wampe vergesse ich ganz schnell beim Ausblick auf die Weite der Ostsee. Wie sehr Wind, Wellen, Sonne und Weite den Kopf frei machen, brauche ich Euch gar nicht erzählen. Ich kann es nur empfehlen.

Ort:                       Langballig
Stellplatz:            Campingplatz Langballigau

Charakter:          klar, einfach, sehr gepflegt
                              absolut ruhig, ohne Schnick-Schnack
                              Wohnmobile + Wohnwagen
                              großzügige Plätze

Sanitär:                sehr gut
Kosten:                günstig
Lage:                    70m zum Strand

Infrastruktur:     zu Fuß erreichbar:
                              sehr schöner, kleiner Hafen, Mini-Markt, 3 Restaurants, Imbiss, Kiosk,
Eisdiele, Spielplatz und Outdoor-Fitness am Strand, bewachter Strand

Fahrrad:              unbedingt mitnehmen und nutzen

auf dem Platz:   Strom, Wasser, Ver- und Entsorgung, Sanitär

Empfehlung:       8 von 10 *

Alles unter einem Hut

Morgens halb sieben ist die Welt noch in Ordnung. Zumindest für Karl.

Ich werde wach, weil es sich anhört, als würde der Seppel Joseph neben mir für das Finale der Schuhplattler Meisterschaft üben. Ich versuche mich kurz zu erinnern, ob wir gestern Abend aus Versehen nach Bayern gefahren sind.

Aber nein – die erste gute Nachricht des Tages ist: ich bin zu Hause. Das Rudel ist vollzählig, wenn auch nur halb wach. Bis auf einen. Der ist krähwach. Seppel Joseph entpuppt sich nämlich als Karl – Rudelmitglied Nr. 4, der sich auf dem Holzfußboden allerdings aufführt als wäre er die Nr. 1. Tippelt und tänzelt umher, überwindet völlig schamlos meine Komfortzone und deponiert all sein Spielzeug neben meinem Ohr. Und weil ich ja jetzt sein Spielzeug habe, schleppt er meine Hose weg. Stolz wie Oskar trägt er seine Beute durchs Haus.

„Scheiß Party – wenn ich meine Hose finde, gehe ich nach Hause“ schießt es mir durch den Kopf. Aber da ich zum Glück ja zu Hause und nicht in Bayern bin, kann ich mir auch einfach eine neue aus dem Schrank nehmen. Immerhin.

Während Karl mir weiterhin ungeniert seine Beute präsentiert, schaffe ich es irgendwie zur Kaffeemaschine. Auf dem Weg dorthin komme ich am großen Spiegel vorbei. Ach Du Scheiße! Ich sehe aus, als hätte ich an der Kissenschlacht-Meisterschaft teilgenommen – und verloren.

Ich weiß ja, ich müsste dringend mal wieder zum Frisör. Aber dafür ist es jetzt noch zu früh. Und für den Moment sowieso zu spät. Wenn ich es noch schaffe, mit Hilfe von Kaffee und Zigarette halbwegs wach zu werden, habe ich schon gewonnen. Nr. 4 muss nämlich raus, dringend. Alles andere ist erstmal zweitrangig – auch die Haare.

Trotzdem lässt mich der Gedanke beim Kaffee nicht los: so kann ich nicht raus auf die Straße. Mir ist zwar vieles egal, vor allem was andere von mir denken. Aber als Clown bin ich hier auch nicht angestellt.

Kapuze. Ich ziehe einfach die Jacke mit Kapuze an! Nee, erstens mag ich die Jacke nicht, zweitens hält die olle Kapuze genau 20 Sekunden, bevor sie mir vom Kopf rutscht.

Ich versuche es schnell mit der Bürste – aber die ist machtlos gegen das Gestrüpp auf meinem Kopf und ich sehe nicht nur aus als hätte ich die Kissenschlacht verloren, sondern dabei auch noch meine Würde.

Während ich beim letzten Schluck Kaffee nach weiteren Optionen suche, kommt Nr. 2 um die Ecke und lacht sich erstmal tot. Danke! Ich Dich auch – meistens jedenfalls!

Sie verschwindet kurz im Flur und reicht mir kurz darauf stumm ein Cap. Naja, ganz stumm nicht: ihre Augen sprechen Bände. Und die sagen „setz das Ding auf und stell Dich nicht so an. Karl muss raus“

Ich hasse Mützen jeder Art. Darunter ist es immer viel zu warm. Außerdem fühlt es sich an, als würden 1000 Käfer Junggesellenabschied feiern. Schon meine Mutter ist daran verzweifelt und wenn sie Recht behalten hätte, wäre ich längst erfroren. Der Fisch friert ja bekanntlich immer am Kopf zuerst.

Zum Glück bin ich kein Fisch, also auch nach 46 Wintern nicht erfroren und setze das Scheißding einfach auf. Hilft ja nix. Karl guckt mich an, als ob ich ein Fisch wäre – kommt aber trotzdem freiwillig mit. Immerhin bekommt er von mir später sein Futter.

Und wie wir so durch den nasskalten Morgen schlendern – ich in Gedanken bei den Käfern auf Junggesellenabschied, Karl bei der nächsten Pusteblume – kommen uns diverse andere Rudelführer mit ihren Hunden entgegen.

Und was soll ich sagen – Karl schaut sie alle an, als wären sie ein Fisch. Und im übertragenen Sinne stimmt das ja auch. Denn sie alle tragen eine Mütze.

Mal aus Wolle, mal groß, mal klein, hell oder dunkel, mit Schirm, ohne … alles dabei. Nur keine Frisur, die sitzt.

Sollte es etwa, also bin ich vielleicht heute morgen nicht der Einzige….?

Nachdem ich eine Weile all die Mützen- und Hutpassanten beobachtet habe, drängt sich mir eine Theorie auf: hatte meine Mutter gar nicht Recht und denen ist allen gar nicht kalt?

Tragen die alle vielleicht nur etwas auf dem Kopf, weil sie genau wie ich dringend zum Frisör müssen und das vor der Kissenschlachtmeisterschaft nicht mehr geschafft haben?

Mit anderen Worten: haben sie alle etwas zu verbergen? Nämlich die schlechtsitzende Frisur?

Wenn das tatsächlich so wäre ….. bräuchte ich nie wieder Mütze oder Cap tragen. Ich müsste nur schnell auch alle anderen davon überzeugen, dass es viel zu warm ist und juckt am Kopf. Dann würden wir alle gleich bescheuert aussehen mit unserem Wuschelkopf. Aber es wäre egal, wir sind ja unter uns morgens kurz nach sieben.

Auf dem Weg nach Hause denke ich ernsthaft darüber nach, wie ich all die armen, bemützten Seelen überzeugen und „unter einen Hut bringen“ könnte – nämlich keine Mütze mehr zu tragen. Da kommt mir H. entgegen, der Grand Senior des Dorfes und seines Zeichens Frisörmeistermeister. NATÜRLICH ist er frisch frisiert und sieht aus, wie aus dem Ei gepellt. Zum Gruß lüfte ich mein Cap ein ganz klein wenig mehr als es nötig gewesen wäre.

Sein Blick: unbezahlbar!

Zu dritt ist es eine Party

„oh ja, so will ich leben. Wild & geil.“

„genau. Hauptsache frei, unbeschwert und nur das machen, was ich will.“

Erinnert Ihr Euch? War es bei Euch auch so?

Bei mir jedenfalls war es so – Hauptsache nicht spießig. Und total aufregend musste alles sein. Frei und unbeschwert.

Es ist noch gar nicht so lange her, da wollten wir alles Geld zusammen schmeißen und einfach losfahren. Den ganzen Tag Musik, wahnsinnig kreative Projekte, immer und überall Sex, fremde Länder und Kulturen erobern, geiles Essen, am Strand schlafen. Sowas.

Laut google maps sind wir genau 451 m weit gekommen. Ich müsste das tatsächlich mal nachmessen. Mach ich auch – wenn es nicht mehr regnet.

Die große Reise hat uns also in das Haus mit dem blauen Zaun geführt.

Damit hatte sich das mit dem Geld zusammen schmeißen auch erledigt – zumindest hat es jetzt die Form von Ziegelsteinen. Und die stehen hier seit mehr als 100 Jahren und wollen nicht an den Strand.

Plötzlich machst Du dir Gedanken über Deinen Vorgarten, schließt Lebensversicherungen ab und hast ein überschaubares Monatsbudget. Ich höre meine Eltern schon kichern.

Aber egal – wir sind ja immer noch die alten, wild & geil. In diesem Haus wird es rauschende Partys geben. Ein Haus der offenen Türen soll es sein. Und wenn die Terrasse erstmal gepflastert ist, gehen wir wieder auf Reisen.

Die Terrasse ist seit einem Jahr fertig. Fast genau so lange können und dürfen wir nicht reisen – es sei denn, wir haben Lust auf Urlaubserinnerungen auf der Intensivstation. Und ganz so unbeschwert und cool sind wir dann irgendwie doch nicht.

Zusammen mit den Reiseeinschränkungen hatte sich das mit den rauschenden Partys auch erledigt. Stattdessen gibt es home-office, Kontaktsperren und einen Wechsel beim Strom- und Gasversorger.

Die Erkenntnis kommt nicht plötzlich, vielmehr weht sie ganz langsam zu Dir herüber wie der Duft von frisch gebackenem Kuchen: die größte Reise ist die zu Dir selbst.

Ein gutes Bett kostet mindestens so viel, wie eine Reise nach Bali. Und irgendwann erinnerst Du dich auch daran, dass es am Strand viel zu hart und unbequem ist, um dort zu schlafen. Jedenfalls schläft es sich in einem guten Bett viel viel besser. Und auch andere Dinge sind wilder & geiler als mit Sand dazwischen.

Statt rauschender Partys gibt es im Haus mit dem blauen Zaun plötzlich regelmäßig gutes, selbstgemachtes Essen. Der Besuch von guten Freunden ist eher selten aber wertvoll. Und wenn erstmal Ruhe eingekehrt ist, bist Du plötzlich viel kreativer und produktiver als je zuvor.

Acht Wochen später:

Die geliebte Hausbesetzerin macht sich ernsthaft Gedanken darüber, ob das Spielzeug vielleicht zu klein ist und verschluckt werden könnte. Wir geben uns gegenseitig updates über Häufigkeit, Konsistenz und … naja, egal. Alle Kabel, Bücher und losen Gegenstände werden in mindestens 1,5m Höhe deponiert. Das Monatsbudget wird für ausgesuchte Leckereien klaglos überzogen. Und selbstverständlich gibt es auch gleich neue Versicherungen und diverse Ratgeber werden gelesen.

Seit Karl in das Haus mit dem blauen Zaun eingezogen ist, ist es hier auch wieder „wild“. Wilde Tobe-Partys auf dem Teppich, wilde Verfolgungsjagden im Garten und wilde Schmuseattacken überall.

Und ganz ehrlich – es ist total geil, zu dritt den letzten Rest der Pandemie zu meistern. Wir werden wieder reisen und zu dritt am Strand laufen. Und wir sind endgültig Herr und Frau Mustermann geworden – so wie jeder andere hier im Dorf auch irgendwie. Jeder auf seine Weise. Und das ist gut so.

(Und deshalb wird es hier ab sofort auch regelmäßig Hunde-Content geben 😉)