Das Bett

Wir stehen am Zaun und bewundern das Loch. Ja, genau DAS Loch, welches später zur Terrasse mit DER Bank wird.

Wir, das sind zwei engste Freunde des Hauses und ich. Es ist privat-time, also alle in Jogger und Schlappen. Wenn man sich so lange kennt, dass es sich anfühlt wie Familie, wird Etikette irgendwann nebensächlich.

Da stehen wir also im Jogger am Zaun und bewundern das Loch. Eigentlich warten wir ja nur darauf, die liebste Hausbesetzerin vom Bahnhof abzuholen und mit dem neuesten Gossip zu versorgen. Aber bis dahin kann man ja schon mal Wein trinken und Löcher im Vorgarten bewundern.

Und während wir so ganz entspannt mit Trinken und Bewundern beschäftigt sind, schallt ein zaghaftes, aber deutliches „Guten Abend“ von links. Die Straßenlaterne blendet, wir sehen nichts und niemanden. Aber hier auf dem Dorf macht man das so: wir antworten einstimmig „guten Abend“.

Die Antwort kommt prompt, wir sehen immer noch nichts: „guten Abend“.

Irgendjemand von uns dreien kichert, als wir erneut antworten „guten Abend“.

Na? Ja natürlich, als Antwort kommt wieder ein „guten Abend“. Aber diesmal können wir den tapferen Grüßaugust sehen, er ist drei Schritte vor und aus dem Blendwerk der Laterne hinausgetreten. Es ist der freundliche ältere Herr, den ich öfter am Bahnhof treffe. Wir grüßen uns, ich mag ihn vom Sehen, aber sonst wissen wir nichts voneinander. Doch, ich weiß wo er wohnt. Er nun auch. Mit einem neuerlichen „guten Abend“ macht er zwei weitere Schritte vor. Sogleich bleibt er stehen, hebt seine Hände und sagt „wir wollen nur sprechen, nur sprechen“. Mit „wir“ meint er offensichtlich seinen Sohn, der ihm dicht auf den Fersen folgt.

Ja klar, was denn sonst? Umarmen werden wir uns heute nicht, aus Gründen. Aber bevor ich amüsiert oder irritiert sein kann, fällt mir auf, dass er sehr zurückhaltend, fast schüchtern ist. Schultern eingezogen, fragender, ängstlicher Blick, demütige Haltung. Was ist denn los? Ich habe ihn noch nie als den extrovertierten Showmaster erlebt, aber so?

„Können Sie uns helfen, das Bett zu reparieren?“ Hä? Wir schauen uns und ihn fragend an. „Wir haben ein Bett, können es nicht reparieren“ erklärt sein Sohn. Und er weiter „nur 5 Minuten, bitte, es ist wichtig. Bett helfen Sie beim Reparieren“

Wenn mir jemand sagt, es dauert nur 5 Minuten, reagiere ich instinktiv belustigt. NICHTS dauert nur 5 Minuten, außer … naja egal.

Das alles sage ich natürlich nicht, sondern verziehe nur ein ganz klein wenig das Gesicht. Dabei sage ich „heute ist es wirklich schlecht, wir könnten morgen vorbei kommen“

Kaum ausgesprochen, macht sich Verzweiflung im Gesicht des Alten breit und ich ahne, dass ich hier vorschnell abgesagt habe. Tatsächlich haben wir „eigentlich“ ja auch nichts Besseres zu tun, als das Loch zu bewundern und Wein zu trinken.

Als könnte er Gedanken lesen, erklärt er fast flehend „bitte! Es ist wirklich wichtig. Frau kommt morgen früh aus dem Krankenhaus und hat beide Beine operiert. Sie kann nicht gehen, sie braucht ein Bett“

Sein Sohn ergänzt „Wir haben ein schönes Bett gekauft, wir können es aber nicht reparieren. Mama braucht es“

Ich verstehe! Die beiden stecken in einem Dilemma, das jeder Mann kennt: die Frau kommt nach Hause und es ist nicht alles erledigt, was erledigt sein sollte. Also eigentlich nichts. Man(n) hat die sturmfreie Bude genossen und mit allem natürlich viel zu spät angefangen. Und zack ist die Stunde der Rückkehr und die Bedrohung real. Ich beginne mir vorzustellen, welcher Sturm durch das kleine Haus der beiden zieht, wenn Mama nach Hause kommt…. Und wo kommt denn hier plötzlich dieser kühle Windstoß her?

Mein Glas Wein war eh gerade leer, also drücke ich die Zigarette aus und nicke den beiden anderen zu. „na komm, das machen wir eben“

Da geht sie los, die lustige Zirkustruppe. Drei angeschickerte Typen in Jogginghose, Schlappen und irgendwie albern. Zwei ängstlich aufgeregte „Mutti-kommt-nach-Hause“ Männer laufen vorweg, drehen sich dabei immer wieder skeptisch um, ob wir auch tatsächlich mitkommen.

Auf dem kurzen Weg fällt uns ein, dass wir weder Werkzeug noch sonstige sinnvolle Utensilien für eine „Bett Reparatur“ dabei haben. Außer Zigaretten. Aber die beiden versichern uns, dass sie Werkzeug haben.

Wir kommen in ein kleines, karges Haus, sehr karg. Nach zweimal rechts abbiegen stehen wir im Wohnzimmer. In genau dieser Reihenfolge sehe ich im Zimmer: einen riesigen Fernseher (es läuft eine wahnsinnig bunte Quizshow), einen dicken Teppich, ein riesiges Sofa.

Ach ja, und da ist DAS Bett. 4 Teile plus Lattenrost und Matratze.

Eifrig wird uns ein (1) kleiner Schraubenzieher und ein Akkuschrauber (ohne Bit) gereicht. Ah ja, das versprochene Werkzeug.

Wir beiden Männer beginnen eifrig, die 4 Einzelteile zu untersuchen, kombinieren messerscharf deren richtige Zusammensetzung und schrauben per Hand die daran befindlichen Metall Halterungen ab. Die einzige Frau im Raum sieht uns amüsiert zu und fragt fast beiläufig „könnt ihr das da nicht einfach zusammenstecken? Das dürfte doch passen“

Versuchen Sie als Mann jetzt mal so zu tun, als hätten Sie das läääängst erkannt und im Gesamtplan Ihres Handelns  bereits professionell abgewogen, bewertet und für totalen Sch …. NATÜRLICH hat sie Recht und ohne uns etwas anmerken zu lassen fummeln wir die bereits abgeschraubten Teile wieder ran. In weniger als 5 Minuten ist das Bett zusammengesteckt, der ältere Herr will uns immer noch abwechselnd den kleinen Schraubenzieher oder den Akkuschrauber anreichen.

Mit wichtiger Miene prüfen wir noch einmal Standfestigkeit, Stabilität und Sitz aller Einzelteile. Auf das Abklatschen verzichten wir mal. Schnell noch das Lattenrost und die Matratze oben drauf – Mutti kann kommen. Und hat ein großes, stabiles Bett mitten im Wohnzimmer. Ich glaube, Vater und Sohn haben nichts mehr zu befürchten.

Keine 10 Min später spazieren wir heldenhaft aus dem Häuschen. Den angebotenen Dankes-Tee verschieben wir auf ein anderes Mal, das würde uns jetzt um Stunden zurückwerfen. Lieber noch schnell ein Glas Wein am großen Loch, um unsere Heldentaten zu feiern. Und dann kommt ja auch schon die liebste Hausbesetzerin zurück nach Hause.

Hatte ich eigentlich noch etwas zu erledigen… ?

Die Bank

Ui, das war knapp! Beinahe wäre die ältere Dame auf dem Gehweg mit dem entgegenkommenden Kinderwagen zusammengestoßen. Gerade noch rechtzeitig konnten sie selbst und der Wagenschiebende Vater ihre Augen von unserem Haus lösen. Genauer gesagt, von dem was hier hinter den Fenstern passiert.

„das ist aber schön mit den Kerzen im Fenster“ mag sie sich gedacht haben.   

„die beiden sind wohl nur noch im home-office, da kann man schon neidisch werden“ könnten seine Gedanken gewesen sein.

Das Kind im Wagen hat derweil sein Kuscheltier verloren, direkt am blauen Zaun. Naja, immerhin gab es keine blauen Flecken, sondern nur einen kurzen Plausch neben selbigem.

Dass die Blicke dabei immer wieder ungeniert zu mir ins Fenster schweifen, muss wohl so sein. Die wichtigsten Fragen sind ja auch noch immer unbeantwortet.

„Was hat das Haus denn nun gekostet? Meinen Sie wirklich ….“

„Er macht ja auch diesen Talk, aber wo arbeitet sie noch gleich?“

„ganz schön groß das Haus zu zweit, es dauert bestimmt nicht mehr lange….“

Irgendwann setzen beide ihren Spaziergang unfallfrei fort, ein letzter kritischer Blick in den Vorgarten und weg sind sie.

Ich bleibe zurück und bin amüsiert. Das Haus mit dem blauen Zaun zieht Blicke magisch an. Praktisch jeder, der hier vorbei geht, schaut kurz herein. Die Blicke sind mal neugierig, mal herzlich warm, mal neidisch, mal fragend.

Wie gerne wüsste ich, was Euch so beschäftigt, wenn ihr hier vorbei geht und schaut.

Und wie es der Zufall will, werde ich das vielleicht bald wissen.

Vor ein paar Tagen wurde ich gebeten, alten Krimskrams bei meinem Vater zu entsorgen. Dabei fiel mir eine wunderschöne, alte, schmiedeeisernde Bank in die Hände. Einziges Manko: die Füße sind grün. Aber mit Pinsel und blauer Farbe kann ich wohl umgehen.

Die Bank zieht also um, zu uns in das kleine Dorf. Da steht sie nun zunächst in der Auffahrt und weiß nicht recht wohin. Gemütlich ist sie ja, stelle ich nach ein, zwei Feierabend-Zigaretten fest. Und dann fällt es mir wieder ein: vor praktisch jedem Haus im Ort steht eine Bank. Mal stehen die Töpfe mit den Geranien darauf, mal ist der Gartenschlauch kunstvoll um die Lehne gewickelt, mal blättert die Farbe ab. Die allermeisten Bänke sind übrigens weiß. Ganz selten sitzen auch die Bewohner des Hauses auf der Bank. Meist sind es ältere Damen. Egal, unsere neue alte Bank musste auch vor das Haus.

Nun war es leider so, dass dicke, alte Büsche die Herrschaft vor dem Haus innehatten. Die mussten erstmal weg. Die Heckenschere und ich haben den Kampf gewonnen, die Büsche landen auf dem Anhänger. Aber was ist das: da ist noch Platz auf dem Anhänger. Halbvoll kann man nicht zur Deponie fahren, das ist ein Naturgesetz.

Also müssen die Wurzeln auch noch raus, sie werden die Ladefläche ausfüllen.

Nach Stunden des Kampfes gegen die alte, stachelige Herrschaft ist es geschafft: der Anhänger ist voll und im Vorgarten klafft ein herrliches Loch. So ein schönes, großes Loch.

NATÜRLICH habe ich es am nächsten Tag nicht geschafft, mich um das klaffende Loch zu kümmern. Und am Tag darauf und darauf auch nicht. Sehr zur Freude der liebsten Hausbesetzerin neben mir.

Aber ich habe einen Plan: das große Loch wird eine kleine Terrasse und darauf steht eine Bank. Ja genau, DIE Bank.

Ich habe noch nie in meinem Leben eine Terrasse gepflastert. Aber ausmessen, rechnen und genau 256 Steine kaufen, das kann ich. Den Rest übernimmt ein guter Freund aus der Nachbarschaft und keine 48 Std. später ist sie da – die Basis für alle noch offenen Fragen.

Seit heute also haben wir eine Bank vor dem Haus. Und wir werden da sitzen. Man könnte auch sagen „ab heute wird zurück beobachtet“.

Also liebe Spaziergänger, Nachbarn, Freunde, Neugierige oder Vorbeihuscher: ab heute sehen wir Euch auch. Wir werden Euch genauso liebevoll beobachten und dabei denken „ach, ihn habe ich ja auch schon lange nicht mehr gesehen“. Vielleicht rutscht auch mal ein „sie ist aber spät dran heute“ in unsere Gedanken?

Aber wir sitzen da nicht einfach so rum. Denn wer auf der Bank vor dem Haus sitzt, ist quasi gesprächsbereit. Ist es nicht so? Und wenn ihr sonst nur versucht habt, durch die noch immer nicht geputzten Fenster etwas zu erkennen, könnt Ihr uns jetzt direkt fragen. Einfach so. Weil da jetzt eine Bank steht. Ist das nicht toll? Ich finde ja!

„…und – was hat es gekostet?“

„…und – was hat es gekostet?“
„Glück, Schweiß und Tränen – und einwenig Geld“

„Glück, Schweiß und Tränen – und einwenig Geld“

Dies ist die Geschichte eines Hauses. Eines besonderen Hauses. Und die Geschichte der Menschen. Der Menschen, die darin leben, die zu Besuch oder zu Gast sind. Geschichten über das Dorf, in dem dieses Haus steht und in dem diese Menschen leben. Zufällige Begegnungen, kleine und große Skandale, feine Beobachtungen und ganz viel Lebensfreude.

Hä?

Seit wir dieses Haus gekauft haben, ist viel passiert. Vorher natürlich auch, aber ab jetzt wollen wir davon erzählen.

Wie ist es, in einem kleinen Dorf mitten in Niedersachsen zu leben?

Wie ist es, in eines der bekanntesten Häuser im Dorf zu ziehen? Er und Sie. Und alle anderen auch – irgendwie. Und wie ist es, wenn Dich Menschen, die Du nicht kennst fragen, was dein Haus gekostet hat. Aber sonst praktisch alles von Dir wissen – zu wissen glauben.

Wir schreiben hier für alle, die Lust am beobachten haben, die gerne Geschichten lesen und dem Subtext im Leben Bedeutung beimessen. Genau wie wir.

Manchmal bleiben wir verwundert zurück, manchmal sind wir gerührt oder überrascht, manchmal passiert aber auch einfach gar nichts. Ganz normal also – oder doch nicht? Finde es heraus.

Kommt mit auf unsere Reise. Hier wird es bunt und launig, manchmal schräg und launisch. In jedem Fall aber echt und ehrlich.