Walter muss weg – und dann gibt es Rouladen

neulich sitze ich hier zu Hause auf der kleinen „früh-morgens-Terrasse“ bei Kaffee, Zigarette, Sonnenaufgang und träume so vor mich hin.

Da höre ich hinterm blauen Zaun zwei ältere Damen schnattern, die auf dem Weg zum Arzt, zum Edeka oder sonst was sind und hier vorbei kommen:

„das olle Wohnmobil stört mich hier aber“

„ja, mich auch. Das versperrt hier ja die ganze Sicht. Dat muss wech“

Nun, ich weiß nicht welche Sicht sie meinen, vielleicht mussten die Damen aber ja auch zum Augenarzt. Jedenfalls gibt es rechts von Walter eine Häuserwand, links von ihm die Straße. Beides finde ich nicht allzu sehenswert. Aber was weiß ich denn schon ….

Jedenfalls habe ich erst geschmunzelt und dann gedacht:

„jo, stört mich auch!“

Statt auf dem Parkplatz hätte ich „Walter“, das Wohnmobil nämlich viel lieber auf einem schönen Stellplatz. Am Meer. Mit uns darin.

Geht leider nicht, wir sind zu Hause, müssen arbeiten und das WoMo steht vor der Tür. Jedenfalls so lange, bis wir unseren ganzen Kram ausgeräumt hatten. Seitdem steht er wieder auf seinem großen Ruheplatz und die Sicht auf die Hauswand ist frei. Gern geschehen, liebe Damen.

Nun sind wir also wieder zu Hause in diesem kleinen, beschaulichen Ort und das Fernweh ist groß. Was macht eigentlich den Unterschied aus zwischen „zu Hause“ und „unterwegs“?

Ja, wir lieben das #hausmitdemblauenzaun. Wirklich. Schon als wir es das erste Mal gesehen haben, haben wir uns verliebt. Ging mir mit der Hausbesetzerin übrigens genauso, aber das ist eine andere Geschichte und die soll ich hier nicht erzählen. Sagt sie.

Das Haus mag uns auch, jedenfalls ist es groß, warm und sehr freundlich. Kein Wasser im Keller, egal wie sehr es regnet. Hübsch anzuschauen, egal von welcher Seite. Groß und einladend, egal was wir gerade tun. Die alten Mauern erzählen Geschichten aus 120 Jahren. Und der Garten grünt und blüht, dass es nur so eine Pracht ist. Apropos, ich müsste mal wieder Rasen mähen.

Walter, das Wohnmobil dagegen? Klein ist es innen, so dass ich mich immer ganz eng an die geliebte Platzbesetzerin schmiegen muss, wenn ich mal an ihr vorbei muss. Kühl ist es, wenn die Sonne in Schweden nicht scheint. Alt ist Walter auch – und im Gegensatz zum Haus merkt man ihm das Alter aber auch an. Irgendwie kompliziert ist Walter auch. Ständig muss man irgend etwas verstauen, öffnen, schließen, anschalten, ausschalten, entleeren, auffüllen. So ein Haus mit allem drum und ran ist schon sehr komfortabel.

Doch nun steht Walter eben eine Weile still und wir genießen den Komfort der ehrwürdigen Mauern. Ich beobachte derweil gespannt, was hinter dem blauen Zaun so passiert.

Neulich haben wir auf einem Stellplatz ein älteres Pärchen aus dem Rheinland getroffen. Für sie war es lebensnotwendig, dass sie während der Karnevalszeit unterwegs sind – am liebsten ganz hoch im Norden bei den härtesten Karnevals-Verweigerern. Nur eben um jeden Preis nicht zu Hause.

Sie haben uns erzählt, wie sich die Karnevals-Vereine gegenseitig überbieten wollen. Wer hat das ausgefallenste Kostüm, wessen Wagen ist größer, bunter, verrückter? Wer hat die lauteste Musikbox, verträgt am meisten Alkohol und hat die mutigste Büttenrede.

Ich habe mir damals nicht viel dabei gedacht, die Aktivitäten zum Karneval sind hier im Norden ja auch eher homöopathisch.

Ich wäre trotzdem gerne für ein paar Wochen nicht zu Hause gewesen. Vielleicht im Rheinland? Bestimmt gibt es dort ein Örtchen, in dem gerade keine Kommunalwahlen stattfinden? Oder auf einem Campingplatz. Dort wird ja nicht um Wählerstimmen gerungen, sind ja alle von „auswärts“ auf so einem Platz.

Wenn Du aber zu Hause bist, bist Du mittendrin. Volles Brett. Also im Wahlkampf. Im Karneval wahrscheinlich auch, aber das kann ich nicht beurteilen.

Es fängt damit an, dass plötzlich uralte Geschichten hochgespült werden. Das Dorf, in dem Du lebst, gibt es ja zweimal. Mindestens. Also einmal physisch, so ganz real mit 120 Jahre alten Mauern, blauer Zaun, Straße, Edeka, Siglinde von nebenan und seit zwei Jahren defekter Straßenlaterne.

Das selbe Dorf gibt es aber noch einmal. Als Facebook-Gruppe. Die Bewohner sind gleich, sie verhalten sich nur anders.

Während man sich im echten Dorf noch anständig grüßt, auf dem Weg zum Augenarzt belanglos plaudert und dem ein oder anderen auch einfach mal aus dem Weg gehen kann, geht es im Facebook-Dorf zu wie auf dem Schützenfest kurz vor „letzte Runde“. Da brüllt einer vom Tresen quer durchs Festzelt, dass ihm etwas nicht passt. Irgendwas ist ja immer, zum Beispiel das Bier zu warm oder die Musik ist scheiße. Er (der Brüller) ist so voll, dass ihn kaum jemand versteht. Außerdem kennen ihn alle, der brüllt immer, wenn er voll ist.

„jaja, Paul. Ist gut“ hört man dann.

Viel mehr passiert meist nicht, im echten Dorf. Falls doch, falls Gert noch neben ihm sitzt oder er umfällt am Tresen, gibt es was Neues zu erzählen im Dorf. Zum Beispiel auf dem Weg zum Augenarzt. „hast Du schon gehört, der Paul hat wieder….“

Nach ein – zwei Wochen hat es jeder gehört, dann ist es aber auch wieder gut. Jedenfalls bei den kleinen Skandalen. Bei den größeren dauert es auch schon mal länger. Das kann sich dann schon mal entwickeln. Am Ende geht sich dann irgendwer aus dem Weg oder wird nicht mehr zum Geburtstag eingeladen. Aber dann muss es schon um etwas gehen. Etwas Wichtiges für alle. Neue Freundin oder falsch geparkt oder so.

Im Facebook-Dorf geht es immer um grundsätzliches. Das warme Bier wird zur Klimakatastrophe, Gert hat grundsätzlich keine Ahnung von irgendwas und soll froh sein, dass ….

So weit, so normal. Aber nu is Wahlkampf.

Und wer bis dahin sowohl im echten als auch im Facebook-Festzelt still in der Ecke gesessen und sein Bier getrunken hat, der steht jetzt auf und steigt auf den Tresen. Denn er muss da dringend mal etwas loswerden, wirklich wichtig, existentiell. Immerhin geht es um alles bei dieser Wahl, AAALLLLES!

Und wie er da so steht auf dem Facebook-Festzelt-Tresen brüllt er heraus, dass Kandidat 1 vor zwei Jahren mal „guten Morgen“ gesagt hat. Am frühen Nachmittag. Könnt Ihr Euch das vorstellen? Wer beim Grüßen schon lügt, dem kann man doch gar nichts mehr glauben. Unwählbar!

Unser Freund auf dem Tresen hat zwar letzte Woche seinen eigenen Hochzeitstag vergessen, aber an das „guten Morgen“ vor zwei Jahren erinnert er sich genau. Und viele andere im Zelt auch. Sie stürmen herbei und diskutieren wild.

Der nächste steigt auf den Tresen. Er fährt zwar seit 6 Monaten mit abgelaufenem TÜV durch die Gegend, aber auf den Wahlplakaten von Kandidat 2 fehlt ein Logo. Er hat das überprüft. Das ist doch Betrug. Wie gut, dass er es rechtzeitig gesehen hat und alle anderen warnen konnte.

Und da, noch einer. Das ist der, der im Winter seinen Schnee vorm Haus immer zum Nachbarn rüber schiebt. Er hat genau gezählt. Kandidat 2 hat vier Plakate mehr aufgehängt als der andere. Schnell lädt er noch eine Karte hoch, in der er die Standorte genau eingezeichnet hat.

Die Menge vorm Facebook-Tresen jubelt. Endlich spricht es mal jemand aus. So geht es hin und her. Jeder, der will, darf mal auf den Tresen. Die Themen werden belangloser, die Kommentare hitziger.

Ich stelle mir vor, die würden sich im echten Festzelt gegenüber sitzen. Ja klar, da gäbe es Bier oder so. Dadurch wird es automatisch lauter und hitziger. Aber so? Unvorstellbar, dass sich Paul jemals wieder 3 Eier von Gert holen könnte, weil er die beim Einkaufen vergessen hat. Oder ihm ein Bier ausgibt, einfach weil er gerade da ist.

Apropos: wählen Sie niemals einen Kandidaten, der im Wahlkampf Bier trinkt, während er mit seinen Wählern spricht. Skandal! Hoffentlich hat er es wenigstens selbst bezahlt. Das Bier.

So, und nun kommst Du nach einem langen Wochenende mit Walter an der Ostsee wieder nach Hause geschaukelt. Bist entspannt, hast am Strand gelegen. Hast fröhliche Rheinländer getroffen, die froh sind, dass es hier keinen Karneval gibt. Und hast noch dieses wohlige Rauschen der Ostsee im Ohr.

Aber jetzt, wo Du zu Hause bist, fängst Du wieder an, im echten und im Facebook-Dorf mal „hallo“ zu sagen.

Ich habe mich dabei erwischt, wie ich auf dem Weg zum Bäcker die Plakate gezählt habe. (Gleichstand übrigens).

Beim Essen mit Freunden im Dorfkrug bestelle ich lieber einen Wein, Bier ist ja irgendwie …. skandalös.

Und wenn mein Nachbar mir an der Kasse im Edeka noch einmal „Moin“ zuruft, obwohl es gleich dunkel wird ….

Das Pendant zu „letzte Runde“ im Wahlkampf ist ja der Wahlsonntag. Selbst im Facebook-Dorf herrscht langsam Ruhe.

Im echten Dorf gibt es am Samstag noch ein letztes Stelldichein der Kandidaten. Fein säuberlich sind sie die Dorfstraße entlang aufgereiht. Da siehst Du sie in echt – die Betrüger, Lügner, Nichts-Könner und Biertrinker. Komisch, sehen alle ganz nett und irgendwie harmlos aus. Würde ich sie nicht schon lange persönlich kennen, nach den Beschreibungen im Facebook-Dorf hätte ich sie nicht erkannt.

Wahlsonntag. Wir müssen früh los. Freundlicherweise wurden wir nämlich wieder einmal zu Wahlhelfern ernannt, diesmal sogar „Wahlvorstand“. Hohoho.

Für die nächste Wahl wünsche ich mir, dass Paul das mal … ach nee, der hat ja im Festzelt zu tun.

Trotzdem bin ich tatsächlich überzeugter Wahlhelfer und so stiefeln wir im Morgengrauen los. Instinktiv will ich die Plakate zählen, ob nicht auch auf diesem Weg noch ein handfester Skandal lauert. Aber nichts da. Kein einziges Plakat ist mehr da, wo es vorher aussah wie an der Schießbude. Alles leer, alles weg. Freie Willensentscheidung für freie Wähler. Ich bin beeindruckt, von allen Kandidaten.

Wir bauen also auf, es gibt drei Stimmzettel für drei Wahlen. Klein, mittel, groß. Blau, gelb, grün. Entsprechend bauen wir die Wahlurnen auf, blau, gelb, grün. Die Wahlurne mit dem kleinsten Einwurfschlitz wird für den größten Stimmzettel sein. Aber das merken wir erst später, als die Urne versiegelt ist. Also werden wir heute mehr als 200mal behaupten, das sei Absicht gewesen, um ein wenig Spaß in diese trockene Angelegenheit zu bringen.

Der erste Wähler kommt punkt 8:00. Er hat sich seine Joggingrunde so eingeteilt, dass er genau 8:00 hier sein kann. Etwas später erfahre ich von einem anderen Wahlhelfer, dass der sportliche Herr immer der erste an der Urne ist, bei jeder Wahl. Man kennt sich.

Apropos kennen. Das ist es, was wirklich schön ist, bei einer Wahl zu helfen: zu Menschen, die Du seit Jahren kennst, beim Bäcker nett plauderst oder auf dem Weg durchs Dorf fröhlich zuwinkst, bekommst Du jetzt einen Namen.  Oder zwei. Nicht jedes traute Paar im Dorf ist auch verheiratet. Oder nicht miteinander. Und plötzlich weißt Du, wer wessen Bruder ist und dass XY jetzt in Deiner ehemaligen Wohnung wohnt.

(Für alle, die jetzt Angst vor Indiskretion haben: ich kann mir Namen nicht merken, konnte ich noch nie. Heute morgen habe ich eine Dame wieder getroffen, deren Wahlbenachrichtigung ich gestern abgehakt habe. Sie kannte meinen Namen noch. Ich habe es bei „Moin, na, hatten Sie noch einen schönen Sonntag“ belassen.)

Manchmal geht einem das Herz auf. Zum Beispiel, wenn sich Oma und Opa extra schick machen, um zur Wahl zu gehen. So richtig mit Anzug, gestärktem Kragen und Gehstock. Sie sind richtig vorbereitet, haben alle Dokumente in Folie eingeschlagen mitgebracht, haben sich über die Kandidaten informiert und Opa hat den goldenen Kugelschreiber dabei, den er nach 45 Dienstjahren bei ThyssenKrupp bekommen hat. Aber dennoch gibt es ein Problem: Oma kann nicht wählen. Sie sucht überall, in Ihrer feinen Handtasche, in Opas Jackett, sogar auf Ihrem Kopf. Nichts.

Naja, meine schwarze Lesebrille passte zwar nicht zu ihrer hellblauen Bluse, aber sie kann alles erkennen und hat am Ende hoffentlich richtig gewählt.

Im Wahllokal brauchst Du übrigens keine Uhr.

Wenn der Erste vor der Tür steht, ist es Punkt 8:00 Uhr. Die erste größere Welle kommt kurz vor 11, zumindest wenn die Kirche gleich nebenan ist.

Wenn es das erste Mal ruhig und leer bleibt, ist es 12:00 Uhr. Wenn es dann wieder losgeht, 13:00 Uhr.

Und wenn dann noch jemand hektisch angelaufen kommt und erleichtert seinen Ausweis zeigt, ist es gleich 18:00 Uhr.

Meine Lieblingswähler waren übrigens ein Paar im etwas höheren Alter. Sie kamen händchenhaltend herein, so schnell wie es eben ging mit der neuen Hüfte.

Ich sage mein Sprüchlein auf „auf diesem Stimmzettel haben Sie drei Stimmen. Diese können Sie frei verteilen, ganz wie wollen“

„Ach was, da muss ich erstmal meine Frau fragen“

Ich mag Wahlen. Es ist ein schönes, würdiges Ritual und meine ganz persönliche Meinung ist, dass sie wichtig sind. Sehr wichtig.

Bis 18:00 Uhr. Dann wird es albern – und anachronistisch.

Die Auszählung findet nämlich statt wie vor 100 Jahren. Per Hand. Auf einem großen Tisch oder auf dem Fußboden, je nachdem, was gerade da ist.

Tonnenweise Papier, was auf hunderte, kunstvolle Arten gerade erst gefaltet wurde, wird wieder entfaltet. Und dann sortiert. Und dann gezählt. Und nochmal gezählt.

Dann wird gerechnet. Und nochmal gerechnet.

Ganz ehrlich, das Finanzamt weiß in dem Moment, in dem ich mit der EC-Karte beim Edeka bezahle, wieviel Mehrwertsteuer es von mir gerade bekommen hat. Und wir zählen Wahlzettel mit der Hand aus? Und rechnen Türmchen nach Erst- Zweit- und Drittstimme? O.k., es ist sicher. Wirklich. Da kannst Du nicht schummeln, verschieben oder weglassen. Aber das ist es beim Finanzamt auch.

Nach 3,5 Std. sind wir fertig. Physisch, psychisch und auch mit dem Zählen und rechnen.

Das Ergebnis wird nach jeder Zählung telefonisch an den Wahlleiter durchgegeben, der die Zahlen dann in ein online-System eintippt.

Meine Aufgabe war es anschließend, alle Stimmzettel, die jeweils 10 seitigen, unübersichtlichen Formulare für die Wahlniederschrift und anderen Krimskrams zum Wahlleiter zu tragen. Drei ehrlich bemühte Staatsdiener kontrollieren dann noch einmal alles. Alles, und zwar sehr genau.

Nach einer Stunde war ich dann auch dort fertig.

Als ich durch das Dorf nach Hause gehe, genieße ich die kühle Nachtluft. Aus der Ferne höre ich die Wahlparty eines Kandidaten. Ja, der Trend hatte sich auch bei uns schon abgezeichnet. Herzlichen Glückwunsch und gutes Gelingen!

Ich schaue noch kurz im Facebook-Dorf vorbei. Alles ruhig. Nur bei Paul gab es heute Rouladen. Wie schön, die könnten wir auch mal wieder essen. Er hat drei Likes dafür bekommen, jetzt sind es vier.

Runter vom Sofa (16): „HalliHallo“

„das kann doch nicht wahr sein, wie stellen Sie sich das jetzt vor?“

„….“

„ICH muss gar nichts, SIE müssen das klären, und zwar JETZT“

„…“ „…“

„Nein, werde ich nicht. Das mag für Sie eine Lappalie sein, für meine Frau und mich ist es das nicht. Entweder Sie schicken jetzt einen Monteur ….“

„….“

„Ulrike, wir fahren zurück. Ja, jetzt und sofort“

Schade, ich bin einen kleinen Moment zu spät wach geworden. So weiß ich jetzt nicht, was das Problem ist. Ich bin ja grundsätzlich nicht neugierig. Aber ich wüsste jetzt schon gerne, warum der blau-weiß-klein-karierte Herr von nebenan diesen schönen Stellplatz so früh am Morgen und so plötzlich verlässt.  Gerne hätte ich ihn noch gefragt, ob ich heute die Jungfernfahrt mit der roten Vespa machen darf. Aber bei der Laune – nee, da frag ich jetzt nicht. Er spricht so schnell und aufgeregt in sein (dunkelrotes) Telefon, dass ich gar nicht alles verstehen kann. Ich muss mir ja auch noch einen Kaffee machen. Dabei habe ich die Tür vom Walter vorsichtshalber offengelassen – der frischen Luft wegen.

Zumindest habe ich es so verstanden, dass er jetzt zurück auf die Fähre und nach Deutschland fährt, statt mit Ulrike und den nagelneuen, weinroten Fahrzeugen nach Schweden in den Urlaub.

Schade für Ulrike, den Menschen am anderen Ende des Telefons und für mich. Die Frage „warum“ wird mich jetzt stundenlang beschäftigen.

Während ich versuche, mich auf mein Buch, die Sonne und die Ostsee zu konzentrieren, vertrödeln wir den Vormittag. Warum auch nicht, wir haben ja Zeit. Die Fähre geht erst am frühen Abend – zumindest unsere – und wir sind so langsam im Urlaubsmodus angekommen.

Am späten Mittag schaukeln wir los. Ich würde gern noch einmal in die Ostsee springen, also fahren wir über Umwege zu einem Strand an der Westküste Lollands. Der Umweg besteht aus einer kleinen Stadt mit See, in den ich eigentlich springen wollte. Der See ist schön – aber man kommt nicht ran. Es gibt tatsächlich keinen badefähigen Zugang, außer in einer Marina. Und dort sind Wohnmobile verboten.

Also erleben wir die raue Küste der Ostsee, denn inzwischen ist es windig und kühl. Der „Strand“ besteht aus groben Kieselsteinen, sehr viel angeschwemmtem Seegras und jeder Menge Algen im Wasser. Ich springe trotzdem hinein, geplant ist geplant. Als ich zurückkomme, weicht Karl nicht mehr von meiner Seite. Er liebt den Geruc… Gestank nach altem Seegras, vergammeltem Fisch und toten Krebsen am Strand. Schön, wenn sich hier wenigstens einer freut.

Ich freu mich, dass Walters Systeme so schön „clean up“ sind und ich unbeschwert duschen kann.

Im Grunde wäre die Dusche nicht notwendig gewesen, denn als wir viel zu früh in Rödbyhavn ankommen, wo unsere Fähre abfährt, schaudert es uns. Wir haben selten einen trostloseren, schmutzigeren und verwahrlosteren Ort gesehen. Aber was müssen wir auch im Ort rumlungern? Alle anderen fahren doch auch direkt zur Fähre?!

Naja, wir haben halt Zeit. Keine Ahnung, wie es passieren konnte, aber wir sind pünktlich, SEHR pünktlich. So finden wir uns in einem kleinen Ort wieder und sind uns nicht ganz sicher, ob hier vielleicht gerade ein schmieriger Western oder billiger Porno gedreht wird. An den Fassaden blättert die Farbe großflächig ab, einige Fenster und Türen sind vernagelt, in den Hausecken drücken sich finstere Gestalten rum.

Irgendwo plärrt ein Radio, aus dem offenen Fenster weht die vergilbte Gardine und am Ende der Straße flackert irgendwo eine Leuchtreklame. Fehlt nur noch, dass trockene Grasbüschel über die Straße wehen, dann wäre die Kulisse perfekt.

Wir sind mutig und gehen die Straße hinunter zur Leuchtreklame. Wenn schon Dänemark, dann auch HotDog. Ich habe zwar immer noch ein ausgewachsenes HotDog Trauma und bekomme allein beim Anblick Würgereiz, aber das ist eine andere Geschichte. Dänemark = HotDog, so will es das Gesetz.

Irgendwann ist es endlich so weit, Zeit für die Fähre. Diesmal sind wir Nr. 2 in der sich hinter uns aufbauenden Schlange. Der Fahrer des Vans vor uns hat es schlau gemacht: er liegt auf dem Fahrersitz und pennt.

Inzwischen ist es windig, sehr windig. Das verspricht eine unruhige Überfahrt zu werden und so verspreche ich, mich währenddessen nicht nach hinten zu verziehen und zu schlafen, sondern der geliebten Angstbesetzerin die Hand zu halten.

Gut so, denn so konnte ich erleben, wie auf der Fähre reihum die Alarmanlagen angesprungen sind. Die meisten Menschen verlassen auf der Fähre nämlich ihr Auto, Van oder Wohnmobil und folgen dem Ruf des Duty free. Wird ja zum Glück auf oft genug angesagt über die plärrigen Lautsprecher. Und wenn es dann ordentlich schaukelt, melden sich die Alarmanlagen. PiepPiepPiep hier, UhiUhiUhi dort und von hinten ein sattes DäähmDääähmDäähm. Herrlich, schon wieder fast wie im Film.

Unausgeschlafen, aber kurzweilig, erreichen wir unser Zwischenziel Puttgarden, irgendwie freuen wir uns jetzt auch auf zu Hause.

Offensichtlich geht es nicht allen so, zumindest sieht in unsere Vorstellung einer freudigen Begrüßung anders aus. Kaum sind wir von der Fähre runter und steuern auf die Autobahn zu, begrüßt uns eine schwarze Wand. Aus ihrem Inneren spuckt diese Wand Blitze quer über den Horizont, selbst Walter zuckt von dem nachfolgenden Donnergroll zusammen und es dauert nicht lange, da werden die Schleusen geöffnet. Das ist mal wieder kein Regen, das ist eine Sintflut. Herrlich, bloß keine Abwechslung aufkommen lassen. Alles wie immer. Mit einer sanften Abendsonne könnte ich jetzt auch gar nicht umgehen.

Und so kommt es, wie es kommen soll. Aus den geplanten 3,5 Std. Rückfahrt werden mal wieder 5. Es dauert immer 5 Stunden, immer.

Als wir auf den Hof rollen, trauen wir unseren Augen nicht: der Vorgarten sieht aus wie geleckt. Ja, o.k., ich habe ihn in den letzten Wochen vernachlässigt und so. Aber das hier – das hätte ich selbst mit größter Mühe nicht geschafft.  Da ist kein Halm zu viel, die Gräser sind gebürstet und der Boden exakt in eine Richtung geharkt. Der Aschenbecher vor DER Bank ist geleert und ausgewaschen, selbst die Pflastersteine sehen aus wie gebürstet und gestriegelt. Es ist toll, solche lieben Heinzelmännchen und -Frauen in der Familie zu haben!

5 Std. Fahrt ohne Nickerchen machen sich dann doch bemerkbar. Wir beschließen, das Ausräumen von Walter auf morgen – oder übermorgen – zu verschieben. Außerdem ist es längst dunkel. Rotwein haben wir auch noch da, also stehen wir erschöpft in der Küche. Vorsichtig tasten wir uns ins Esszimmer, ins Büro …. und schnell wieder zurück. Irgendwie fühlt es sich komisch an, plötzlich soviel Platz zu haben. Wir schieben uns in der Küche aneinander vorbei und schaffen es nicht, mehr als die 15 qm zu nutzen, auf denen wir gerade stehen. In die obere Etage wage ich mich erst morgen vor, das weiß ich jetzt schon.

„Halli Hallo“

Viel Zeit haben wir nicht, um uns komisch zu fühlen. Genau 7 Minuten, nachdem wir angekommen sind, hören wir den unverwechselbaren Ruf von I.

Ihr Ruf ist einzigartig und unverwechselbar. Es gibt ihn in mehreren Tonlagen und Lautstärken. Dieser Ruf gerade bedeutet „ich hab Euer Wohnmobil gesehen, ENDLICH seid Ihr wieder da, lass uns Wein trinken, wie geht’s Euch, wie war die Fahrt, erzähl doch mal, hier ist soviel passiert….“

Und so sitzen wir mit den liebsten Freunden bis tief in die Nacht, plaudern, freuen uns, werden auf den neusten Stand beim Dorftratsch gebracht und fallen irgendwann tot in ein viel zu großes Bett.

Am nächsten Morgen erwische ich mich dabei, wie ich eine Münze in die Dusche werfen möchte. Ich überweise der geliebten Hausbesetzerin spontan 100Kr, weil der Stellplatz hier wirklich schön ist. Und irgendwie schaffen wir es nicht, im „normalen“ Leben anzukommen. Alles ist irgendwie zu groß, zu komfortabel und allzu bekannt.

Wenn Du fast drei Wochen von einem Chaos ins nächste fährst, kann die Normalität ganz schön anstrengend sein.

Alles unter einem Hut

Morgens halb sieben ist die Welt noch in Ordnung. Zumindest für Karl.

Ich werde wach, weil es sich anhört, als würde der Seppel Joseph neben mir für das Finale der Schuhplattler Meisterschaft üben. Ich versuche mich kurz zu erinnern, ob wir gestern Abend aus Versehen nach Bayern gefahren sind.

Aber nein – die erste gute Nachricht des Tages ist: ich bin zu Hause. Das Rudel ist vollzählig, wenn auch nur halb wach. Bis auf einen. Der ist krähwach. Seppel Joseph entpuppt sich nämlich als Karl – Rudelmitglied Nr. 4, der sich auf dem Holzfußboden allerdings aufführt als wäre er die Nr. 1. Tippelt und tänzelt umher, überwindet völlig schamlos meine Komfortzone und deponiert all sein Spielzeug neben meinem Ohr. Und weil ich ja jetzt sein Spielzeug habe, schleppt er meine Hose weg. Stolz wie Oskar trägt er seine Beute durchs Haus.

„Scheiß Party – wenn ich meine Hose finde, gehe ich nach Hause“ schießt es mir durch den Kopf. Aber da ich zum Glück ja zu Hause und nicht in Bayern bin, kann ich mir auch einfach eine neue aus dem Schrank nehmen. Immerhin.

Während Karl mir weiterhin ungeniert seine Beute präsentiert, schaffe ich es irgendwie zur Kaffeemaschine. Auf dem Weg dorthin komme ich am großen Spiegel vorbei. Ach Du Scheiße! Ich sehe aus, als hätte ich an der Kissenschlacht-Meisterschaft teilgenommen – und verloren.

Ich weiß ja, ich müsste dringend mal wieder zum Frisör. Aber dafür ist es jetzt noch zu früh. Und für den Moment sowieso zu spät. Wenn ich es noch schaffe, mit Hilfe von Kaffee und Zigarette halbwegs wach zu werden, habe ich schon gewonnen. Nr. 4 muss nämlich raus, dringend. Alles andere ist erstmal zweitrangig – auch die Haare.

Trotzdem lässt mich der Gedanke beim Kaffee nicht los: so kann ich nicht raus auf die Straße. Mir ist zwar vieles egal, vor allem was andere von mir denken. Aber als Clown bin ich hier auch nicht angestellt.

Kapuze. Ich ziehe einfach die Jacke mit Kapuze an! Nee, erstens mag ich die Jacke nicht, zweitens hält die olle Kapuze genau 20 Sekunden, bevor sie mir vom Kopf rutscht.

Ich versuche es schnell mit der Bürste – aber die ist machtlos gegen das Gestrüpp auf meinem Kopf und ich sehe nicht nur aus als hätte ich die Kissenschlacht verloren, sondern dabei auch noch meine Würde.

Während ich beim letzten Schluck Kaffee nach weiteren Optionen suche, kommt Nr. 2 um die Ecke und lacht sich erstmal tot. Danke! Ich Dich auch – meistens jedenfalls!

Sie verschwindet kurz im Flur und reicht mir kurz darauf stumm ein Cap. Naja, ganz stumm nicht: ihre Augen sprechen Bände. Und die sagen „setz das Ding auf und stell Dich nicht so an. Karl muss raus“

Ich hasse Mützen jeder Art. Darunter ist es immer viel zu warm. Außerdem fühlt es sich an, als würden 1000 Käfer Junggesellenabschied feiern. Schon meine Mutter ist daran verzweifelt und wenn sie Recht behalten hätte, wäre ich längst erfroren. Der Fisch friert ja bekanntlich immer am Kopf zuerst.

Zum Glück bin ich kein Fisch, also auch nach 46 Wintern nicht erfroren und setze das Scheißding einfach auf. Hilft ja nix. Karl guckt mich an, als ob ich ein Fisch wäre – kommt aber trotzdem freiwillig mit. Immerhin bekommt er von mir später sein Futter.

Und wie wir so durch den nasskalten Morgen schlendern – ich in Gedanken bei den Käfern auf Junggesellenabschied, Karl bei der nächsten Pusteblume – kommen uns diverse andere Rudelführer mit ihren Hunden entgegen.

Und was soll ich sagen – Karl schaut sie alle an, als wären sie ein Fisch. Und im übertragenen Sinne stimmt das ja auch. Denn sie alle tragen eine Mütze.

Mal aus Wolle, mal groß, mal klein, hell oder dunkel, mit Schirm, ohne … alles dabei. Nur keine Frisur, die sitzt.

Sollte es etwa, also bin ich vielleicht heute morgen nicht der Einzige….?

Nachdem ich eine Weile all die Mützen- und Hutpassanten beobachtet habe, drängt sich mir eine Theorie auf: hatte meine Mutter gar nicht Recht und denen ist allen gar nicht kalt?

Tragen die alle vielleicht nur etwas auf dem Kopf, weil sie genau wie ich dringend zum Frisör müssen und das vor der Kissenschlachtmeisterschaft nicht mehr geschafft haben?

Mit anderen Worten: haben sie alle etwas zu verbergen? Nämlich die schlechtsitzende Frisur?

Wenn das tatsächlich so wäre ….. bräuchte ich nie wieder Mütze oder Cap tragen. Ich müsste nur schnell auch alle anderen davon überzeugen, dass es viel zu warm ist und juckt am Kopf. Dann würden wir alle gleich bescheuert aussehen mit unserem Wuschelkopf. Aber es wäre egal, wir sind ja unter uns morgens kurz nach sieben.

Auf dem Weg nach Hause denke ich ernsthaft darüber nach, wie ich all die armen, bemützten Seelen überzeugen und „unter einen Hut bringen“ könnte – nämlich keine Mütze mehr zu tragen. Da kommt mir H. entgegen, der Grand Senior des Dorfes und seines Zeichens Frisörmeistermeister. NATÜRLICH ist er frisch frisiert und sieht aus, wie aus dem Ei gepellt. Zum Gruß lüfte ich mein Cap ein ganz klein wenig mehr als es nötig gewesen wäre.

Sein Blick: unbezahlbar!

Shakshuka – oder wie wir sagen „geiles Essen“

„immer, wenn ich bei Euch vorbei jogge, steht Ihr in der Küche und kocht“ sagte ein guter Bekannter im Dorf neulich zu mir.

„dann unterbrich doch das Joggen einfach und komm mal zum Essen vorbei“

Tatsächlich bleibt die Küche bei uns selten kalt. Hier wird experimentiert, geschlemmt und Opas Klassiker feiern Renaissance. In diesem Haus macht Essen glücklich – Bewohner und Gäste.

Gestern haben wir ein tolles Sommergericht wiederentdeckt und ein wenig … ergänzt.

Shakshuka (im Original ohne, bei uns mit Hackbällchen 😉)

Für die Hackbällchen:

  • 500g Hack (Rind oder gemischt)
  • 2 Eiweiß
  • 1 Knoblauchzehe (gepresst oder sehr fein gehackt)
  • 4-5 EL Semmelbrösel
  • 1/2 TL Backpulver
  • 1 EL Mondamin
  • 6 EL kaltes Wasser
  • 1 TL gekörnte Brühe
  • Salz
  • Pfeffer
  • 1 Prise Zucker

Alle Zutaten sehr gut vermengen und solange verrühren, bis eine weiche, homogene Masse entstanden ist. Mit einem Esslöffel kleine, etwa wallnussgroße Bällchen formen.

Die Hackbällchen in einem Wok oder einer großen, hohen Pfanne mit etwas Öl kräftig anbraten. Sie dürfen knusprig braun sein, müssen aber noch nicht ganz durchgegart sein.

Hackbällchen aus der Pfanne nehmen, warm halten und beiseitestellen, das Öl kann für das Shakshuka im Wok bleiben.

Für das Shakshuka:

  • 1 Zwiebel oder 2-3 Schalotten
  • 1 Knoblauchzehe (gepresst oder sehr fein gehackt)
  • 1 rote Paprika
  • 6-7 frische Tomaten (kurz abgebrüht und selbst geschält) oder 1 große Dose geschälte Tomaten
  • 100g Schafskäse
  • 4-5 Eier
  • 2-3 EL Olivenöl
  • 1/2 TL Paprikapulver
  • Cayennepfeffer (alternativ Tabasco)
  • Salz
  • Pfeffer
  • Prise Zucke
  • Chiliflocken oder ½ Schote frisch (fein gehackt)
  • frische Petersilie, glatt (fein gehackt)

Zunächst den Backofen auf 180° vorheizen (Ober- und Unterhitze).

Zwiebeln und Knoblauch fein hacken.
Paprika in feine Streifen schneiden.

Das Olivenöl in den Wok oder die hohe Pfanne geben und erhitzen. Darin die Zwiebeln und die Paprikastreifen andünsten, bis sie weich sind. Dann den Knoblauch dazugeben und ebenfalls andünsten.

Die geschälten Tomaten dazugeben, mit Paprikapulver, Cayennepfeffer und Chilli würzen. Alles zusammen ca. 10-15 Minuten köcheln, bis die Tomaten schön weich sind. Gelegentlich umrühren. (es darf aber ruhig auch mal am Pfannenboden einwenig ansetzen)

Mit Salz, Pfeffer und einer Prise Zucker würzen und die Hackbällchen dazugeben. Noch einmal ca. 5 – 10 Minuten min köcheln lassen.

Den Schafskäse in kleine Würfel schneiden und über dem Gemüse verteilen.

Die Eier aufschlagen und (wie Spiegeleier) auf dem Gemüse verteilen.

Die gesamte Pfanne in den Ofen geben und für ca. 10min backen – so lange bis das Eiweiß gestockt ist – das Eigelb aber noch etwas flüssig ist.

Aus dem Ofen nehmen, mit der frischen Petersilie (fein gehackt) bestreuen und direkt in der Pfanne servieren.

Dazu passt am besten frisches Landbaguette (und Rotwein).

Wir haben uns Teller und Besteck gespart – und direkt mit dem Löffel aus der großen Pfanne gegessen.

Ich sag nur: „geiles Essen“ und lasst es Euch schmecken!

Zu dritt ist es eine Party

„oh ja, so will ich leben. Wild & geil.“

„genau. Hauptsache frei, unbeschwert und nur das machen, was ich will.“

Erinnert Ihr Euch? War es bei Euch auch so?

Bei mir jedenfalls war es so – Hauptsache nicht spießig. Und total aufregend musste alles sein. Frei und unbeschwert.

Es ist noch gar nicht so lange her, da wollten wir alles Geld zusammen schmeißen und einfach losfahren. Den ganzen Tag Musik, wahnsinnig kreative Projekte, immer und überall Sex, fremde Länder und Kulturen erobern, geiles Essen, am Strand schlafen. Sowas.

Laut google maps sind wir genau 451 m weit gekommen. Ich müsste das tatsächlich mal nachmessen. Mach ich auch – wenn es nicht mehr regnet.

Die große Reise hat uns also in das Haus mit dem blauen Zaun geführt.

Damit hatte sich das mit dem Geld zusammen schmeißen auch erledigt – zumindest hat es jetzt die Form von Ziegelsteinen. Und die stehen hier seit mehr als 100 Jahren und wollen nicht an den Strand.

Plötzlich machst Du dir Gedanken über Deinen Vorgarten, schließt Lebensversicherungen ab und hast ein überschaubares Monatsbudget. Ich höre meine Eltern schon kichern.

Aber egal – wir sind ja immer noch die alten, wild & geil. In diesem Haus wird es rauschende Partys geben. Ein Haus der offenen Türen soll es sein. Und wenn die Terrasse erstmal gepflastert ist, gehen wir wieder auf Reisen.

Die Terrasse ist seit einem Jahr fertig. Fast genau so lange können und dürfen wir nicht reisen – es sei denn, wir haben Lust auf Urlaubserinnerungen auf der Intensivstation. Und ganz so unbeschwert und cool sind wir dann irgendwie doch nicht.

Zusammen mit den Reiseeinschränkungen hatte sich das mit den rauschenden Partys auch erledigt. Stattdessen gibt es home-office, Kontaktsperren und einen Wechsel beim Strom- und Gasversorger.

Die Erkenntnis kommt nicht plötzlich, vielmehr weht sie ganz langsam zu Dir herüber wie der Duft von frisch gebackenem Kuchen: die größte Reise ist die zu Dir selbst.

Ein gutes Bett kostet mindestens so viel, wie eine Reise nach Bali. Und irgendwann erinnerst Du dich auch daran, dass es am Strand viel zu hart und unbequem ist, um dort zu schlafen. Jedenfalls schläft es sich in einem guten Bett viel viel besser. Und auch andere Dinge sind wilder & geiler als mit Sand dazwischen.

Statt rauschender Partys gibt es im Haus mit dem blauen Zaun plötzlich regelmäßig gutes, selbstgemachtes Essen. Der Besuch von guten Freunden ist eher selten aber wertvoll. Und wenn erstmal Ruhe eingekehrt ist, bist Du plötzlich viel kreativer und produktiver als je zuvor.

Acht Wochen später:

Die geliebte Hausbesetzerin macht sich ernsthaft Gedanken darüber, ob das Spielzeug vielleicht zu klein ist und verschluckt werden könnte. Wir geben uns gegenseitig updates über Häufigkeit, Konsistenz und … naja, egal. Alle Kabel, Bücher und losen Gegenstände werden in mindestens 1,5m Höhe deponiert. Das Monatsbudget wird für ausgesuchte Leckereien klaglos überzogen. Und selbstverständlich gibt es auch gleich neue Versicherungen und diverse Ratgeber werden gelesen.

Seit Karl in das Haus mit dem blauen Zaun eingezogen ist, ist es hier auch wieder „wild“. Wilde Tobe-Partys auf dem Teppich, wilde Verfolgungsjagden im Garten und wilde Schmuseattacken überall.

Und ganz ehrlich – es ist total geil, zu dritt den letzten Rest der Pandemie zu meistern. Wir werden wieder reisen und zu dritt am Strand laufen. Und wir sind endgültig Herr und Frau Mustermann geworden – so wie jeder andere hier im Dorf auch irgendwie. Jeder auf seine Weise. Und das ist gut so.

(Und deshalb wird es hier ab sofort auch regelmäßig Hunde-Content geben 😉)

Ich freue mich, wenn es regnet …

… denn wenn ich mich nicht freue, regnet es trotzdem.

Es gibt unendlich viele Gründe, schlechte Laune zu haben: Das Wetter, der eigene Kontostand, der böse Nachbar, die nicht enden wollenden Corona-Einschränkungen, der nervige Job ….

ABER: die schlechte Laune macht diese Dinge auch nicht besser, ganz im Gegenteil.

Deshalb halten wir für Euch heute ein Plädoyer für die Hoffnung und eine gute Grundstimmung.

Wichtige Anmerkung:
Selbstverständlich gibt es Lebensumstände, auf die der folgende Text nicht zutrifft. Schwere Krankheiten, Not, der Verlust von Angehörigen oder andere persönliche Situationen können dazu führen, dass der folgende Text unangemessen wirkt. Solche Umstände sind mit dem folgenden Text ausdrücklich NICHT gemeint.

Der folgende Text ist die persönliche Meinung des Autors und lediglich als Denkanstoß gemeint.

Jeder kennt diese Menschen: egal was passiert, sie lächeln, haben gute Laune und sehen in jeder beschissenen Situation auch noch das Positive. Wie machen die das?

Zunächst einmal: auch diese Menschen sind mal traurig, verzweifelt oder schlecht gelaunt. Aber viel seltener. Und wenn, dann eher still. Sie tragen ihre Sorgen nicht zu Markte. Und das ist ein guter Anfang: denn je mehr man über große und kleine Missstände spricht, desto größer und mächtiger erscheinen sie. Deshalb

Tipp 1:
Sprich nicht dauernd darüber, was gerade nicht gut läuft oder Dich stört. Besprich Deine Sorgen regelmäßig (aber nicht jeden Tag) mit wenigen, engen Vertrauten.

Ist es nicht total schön und angenehm, wenn man mit einem Lächeln durchs Leben geht?! Wir alle lieben dieses Gefühl. Die gute Nachricht ist: Gute Laune kann man sich selbst verordnen.

Die meisten von uns achten darauf, dass wir uns morgens die Zähne putzen, etwas ordentliches anziehen, das Bett gemacht ist und ab und zu räumen wir sogar die Wohnung auf. Macht uns das Spaß? Nö! Und trotzdem machen wir es – weil es ja sein muss. Wir sind mehr oder weniger diszipliniert.

Wie wäre es, wenn wir auch mit unserer Stimmung ein wenig diszipliniert sind? Auch wenn es manchmal schwerfällt: lass uns beschliessen, dass wir gute Laune haben und machen es dann einfach. So wie wir die Spülmaschine ausräumen, obwohl wir dazu gerade gar keine Lust haben.

Tipp 2:
Gehirnforscher haben herausgefunden, wie man sein Gehirn bei schlechter Laune überlisten kann: durch Grinsen bzw. bewusstes Lächeln. Such Dir für 90sek. einen Ort, an dem Dich niemand sehen kann und grinse. So richtig breit, über das ganze Gesicht. Die Muskeln, die Du dafür brauchst, senden dem (schlechtgelaunten) Gehirn die Botschaft: „ich freue mich“ und überlisten es dadurch. Probier es aus, nach mind. 90sek grinsen wird sich Deine Stimmung langsam verbessern. Wirklich!

Ob Zeitung, Fernsehen oder online: die Nachrichten sind voll von Problemen, Skandalen oder sogar Katastrophen. Klar – schlechte Nachrichten und Aufreger erhöhen die Auflage und verkaufen sich besser. Aber das musst Du nicht mitmachen. Niemand zwingt Dich, jede Nachrichtensendung zu schauen oder jeden Artikel zu lesen.

Dasselbe gilt auch für die sozialen Medien. Du musst nicht jeden geteilten Link lesen oder kommentieren, Du musst auch nicht alle Kommentare lesen. Es tut gut, Nachrichten auf das Wichtigste zu reduzieren und nicht jede Diskussion mitzumachen.

Dadurch sparst Du sogar Zeit. Diese Zeit könntest Du nutzen für Dinge, die wirklich gute Laune machen und Hoffnung geben.

Und ganz ehrlich: durch die Corona-Einschränkungen haben wir doch gerade viel Zeit, oder?!:

  • Raus in die Natur

Spaziergänge in der Natur mit einem wachen Blick. Schau dir die Entwicklung an. Achte auf Tiere und Pflanzen – jeden Tag die gleichen. Dann wirst du die Veränderung oder auch die Beständigkeit wahrnehmen. Zudem steigert Zeit an der frischen Luft das Wohlbefinden. Vielleicht triffst du sogar ein paar nette fremde Personen, mit denen du auch auf Abstand in ein spannendes Gespräch kommst.

  • Eine aufmerksamere Gesellschaft

Soll ich meinen alten Nachbarn etwas vom Markt mitbringen? Fege ich für meine Nachbarn den Bürgersteig mit? Geht es meinen Freunden gerade gut? Was macht eigentlich meine Oma so ganz allein? Sollte ich ihr ein Paket zur Freude senden? Viele beantworten diese Fragen jetzt ohne Zucken und gehen aufmerksamer mit der Freundschaft, Familie und Nachbarschaft um. Nutze auch Du die Zeit, anderen etwas Gutes zu tun. Damit tust Du Dir selbst ebenso etwas Gutes.

  • Kreative Stunden genießen

Wir haben wieder die Zeit einem Hobby nachzugehen – Malen, Basteln, Handwerkeln, Gesellschaftsspiele, Garten, Tiere, Fahrzeuge, Kochen, Backen… was auch immer. Die Menschen werden wieder kreativ.

  • Dinge erledigen

Es macht nachweislich zufrieden, wenn Du Dinge erledigst.
was wolltest Du schon lange mal machen? Welche Projekte warten darauf, endlich umgesetzt zu werden? Schreibe sie auf eine Liste und fang an. Einfach machen. Du wirst sehen, wie gut es tut, Dinge auf der Liste abzuhaken.

Vielen Menschen fehlt in dieser Zeit die Hoffnung. Die Hoffnung darauf, dass die Einschränkungen bald vorbei sind, die Hoffnung, dass alles so wird „wie früher“, die Hoffnung auf …. Ja, worauf eigentlich?

Es gibt Grund zur Hoffnung – jeden Tag! Die Hoffnung kann ganz konkret sein oder auch allgemein und ohne konkretes Thema.

Es geht immer weiter, egal was passiert. Wir Menschen haben in der Geschichte schon soviele Dinge gemeistert. Zwei schlimme Kriege, die Pest, die spanische Grippe, Weltwirtschaftskrisen, Umweltkatastrophen. Das war alles schlimm, sehr schlimm sogar!

Und trotzdem: irgendwann wurde es besser, war es überstanden und hat zu dem guten Leben geführt, welches wir kannten.

So wird es auch diesmal sein. Es dauert manchmal länger und man braucht Geduld. Aber eins ist sicher: nichts bleibt für immer, egal wie schlimm es gerade ist.

Schau mal: in Rekordzeit wurde ein wirksamer Impfstoff gegen Corona entwickelt. So etwas dauert normalerweise viele, viele Jahre. Wir haben es in knapp 1 Jahr geschafft. Ja – es dauert nun etwas länger als gedacht, bis wir alle geimpft sind. Aber das Schaffen wir auch noch, mit etwas Geduld und Zuversicht.

Viele alte Gewohnheiten sind durch den Lockdown und die Schutzmaßnahmen nicht mehr möglich. Wir alle vermissen es, ins Restaurant zu gehen, Freunde zu umarmen, Konzerte zu besuchen und vieles mehr. Jeder hat seine ganz persönlichen, lieb gewonnenen Dinge, die es plötzlich nicht mehr gibt.

Aber wie wäre es, wenn Du einfach neue Gewohnheiten entwickelst? Die alten haben ja irgendwann auch einmal angefangen, bevor sie selbstverständlich wurden. Also: mach was Neues, lass es zur Gewohnheit werden und freue Dich darüber, dass Du die Möglichkeit dazu hast. Zum Beispiel der regelmäßige Spaziergang in der Natur, kochen für und mit der Familie, das neue Hobby, das regelmäßige Telefonat mit dem besten Freund oder der Oma, Bücher lesen und vieles mehr.

Wir finden, die neuen Gewohnheiten sind mindestens ebenso schön wie die alten!


Was Du noch alles tun kannst, um Hoffnung und gute Laune zu bekommen:

  • Lies ein gutes Buch.
  • Treibe Sport, bewege Dich mehr als sonst.
  • Lerne eine neue Sprache, irgendeine.
  • Denk über ein Problem nach und löse es
  • Viel mit Freunden oder Familie telefonieren. Besser noch: Gespräche mit den Nachbarn über den Gartenzaun oder von Balkon zu Balkon.
  • Räume auf –> Ausmisten und Ordnung befriedigen den inneren Monk in Dir. Verschenke das, was du selbst nicht mehr brauchst und jemand anderes freut sich darüber.
  • Male etwas. Auch wenn Du nicht malen kannst – male etwas. Du musst es ja niemandem zeigen, wenn Du nicht willst.
  • Schreibe einen Brief oder eine Postkarte an jemandem, dem Du noch nie geschrieben hast (jeder freut sich darüber).
  • Führe Tagebuch (richte hier den Blick auf: Was war heute gut? Wie war meine Stimmung? Was hat es mit mir gemacht?).
  • Schütze Dich vor Energiefressern: Manche Dinge geben einem nichts. Dann lass sie bleiben.
  • Nimm dir bewusst Zeit nur für Dich (ein langer Spaziergang allein, ein Vollbad, ein Zimmer für dich).
  • Baue etwas selbst, was du sonst kaufen würdest.
  • Repariere etwas, statt es wegzuschmeißen.
  • Mach ein Lager-Feuer.
  • Geh dein Blut spenden.
  • Suche Zitate zu deinen Stimmungen, halte sie in deinem Tagebuch fest.
  • Freue dich bewusst über das Glück von anderen.

Zitate:

“Es ist die Hoffnung, die den schiffbrüchigen Matrosen mitten im Meer veranlasst, mit seinen Armen zu rudern, obwohl kein Land in Sicht ist.” (Ovid)

“Solange ich atme, hoffe ich.” (Marcus Tullius Cicero)

“Bist du weise, so mischst du das eine mit dem anderen und wirst weder hoffen ohne zu zweifeln, noch verzweifeln ohne zu hoffen.” (Seneca)