Runter vom Sofa (8): Pleiten, Pech und Perfektion

Das dumme an Erwartungen ist ja, dass man(n) sie hat. Das zweite dumme daran ist, dass jeder so seine ganz eigenen hat. In dieser Hinsicht könnte man unsere kleine Reisegruppe als ausgesprochen differenziert bezeichnen.

Ganz so philosophisch fühlt es sich gerade nicht an, wir haben die letzten Tage einfach mal als „chaotisch“ zusammengefasst. Warum sollte es in Schweden auch anders sein als zuhause? Der blaue Zaun fährt mit – vor allem im Kopf.

Aber der Reihe nach. Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, Wasser. Es regnet die ganze Nacht in dem kleinen Fischerdörfchen, aber das stört uns nicht. Ob es am Wein lag oder daran, dass wir schon nass waren, weiß ich nicht mehr.

Der nächste Morgen präsentiert sich jedenfalls kitschig-schön. Ach übrigens: auch das können die Schweden, Kitsch. Mit ihren perfekten Sonnenauf- und untergängen sollten sie Postkarten verkaufen. Ach so, Mist. Postkarten schreibt ja heute kaum noch jemand. Jedenfalls nervt es kolossal, wenn Du dich so richtig schön reingesteigert hast, alles doof und ungerecht finden willst – und dann kommt da so ein perfekter Sonnenaufgang daher. Ekelhaft. Du musst es einfach schön finden. Und vergisst ganz nebenbei, dass du dich eigentlich ärgern wolltest.

Der Sonnenaufgang macht Hoffnung, mir jedenfalls. Noch schnell das ein oder andere erledigen, ein perfektes Räucherfisch-Frühstück und dann fahren wir rechtzeitig los zu einem traumhaften Stellplatz, allein am See mit Sonnenschein, Weltfrieden und freier Liebe. Hat das in den 68ern damals eigentlich geklappt? Ich bin mir nicht sicher. Bei uns wird es so sein, ganz sicher.

Als ich mich auf den Weg zum Fischer mache, um das perfekte Frühstück zu organisieren, werde ich gebeten ein paar 10er Kronenmünzen zu tauschen, für die Waschmaschine. Der erste Knick im Universum – aber das ahnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Es ist selbst mir völlig klar, dass wir die Handtücher, die wir gestern zum Hochwasserschutz eingesetzt haben, waschen und trocknen müssen, bevor es weiter geht. Passt ja auch alles. Es ist noch früh am Morgen und während wir in Räucherfisch schwelgen, läuft ganz nebenbei die Maschine. In spätestens zwei Stunden können wir los.

Der Fisch ist perfekt – nur die Waschmaschine ist besetzt. Na gut, ein wenig Verzögerung gibt’s ja immer. Irgendwann gegen Mittag sind die Handtücher gewaschen. Das Universum meint es gut mit uns – es gibt auch einen Trockner. „dann könnten wir doch auch die T-Shirts noch schnell …“

Ja klar, kein Problem. Der rausgesuchte, perfekte Stellplatz am See ist ja nicht so weit weg. Und so ein kleines, niedliches Fischerdorf ….

…. wird ab Mittag brechend voll. Auch in Schweden sind Ferien und das hier ist offensichtlich ein beliebtes HotSpot. Ich mag es, wenn alle 2min ein Auto vor mir einparkt und gut gelaunte Familien – sprich lärmende Kinder und erziehungsbemühte, ebenso laute Eltern – ausspuckt.

Was ich an der geliebten Hausbesetzerin, neben vielen anderen Eigenschaften, so bewundere, ist ihr Timing. 5 Minuten vor dem prognostizierten Ende der Trocknerlaufzeit geht sie los, um die fertige Wäsche zu holen. Und dann können wir auch schon los.

Ich mache Walter derweil reisefertig. Ich hätte in der Zeit das ganze Haus mit dem blauen Zaun renovieren können, solange bleibt die geliebte Hausbesetzerin fort.

Irgendwann kommt sie zurück und jetzt sehe ich sie, schon von weitem: die Delle im Universum:

„ich brauche mal Deine Hilfe, da ist kein Strom“ sagt das Universum fast flehend.

Ich mag es ja, der Problemlöser zu sein. Ich mag aber auch perfekte Stellplätze am See.

Naja, erst das eine, dann (vielleicht) das andere. Der Trockner ist tot, die Wäsche nass. Zwei Maschinen Handtücher und T-Shirts. Schön sauber, aber klatschnass. Irgendwann finden wir den Knopf der Erlösung, welcher den Überhitzungsschutz wieder aufhebt und sich an der kochend heißen Rückwand des alten Trockners befindet. Und der möchte alle 10min gedrückt werden. Aber das finden wir erst zwei Stunden später raus. Zunächst gehen wir davon aus, dass ab jetzt alles läuft. Inkl. Trockner.

Zwei Stunden später: nach einem Besuch im völlig überfüllten, örtlichen Café, einem lauschigen Moment in der Sonne zusammen mit hunderten aufgeregten Kindern ist alles wie vorher: die Wäsche halb nass, wir spät dran und genervt.

„wir machen das jetzt so: die T-Shirts hänge ich auf Bügel, die Handtücher nehmen wir so und später trocknen wir einfach alles in der Sonne“. Ich mag pragmatische Ansätze, ich mag meine Mannschaft und mit einem Wohnmobil als Wäschekammer komme ich klar.

Mit einer minimalen Verzögerung von 5 Stunden fahren wir los. Ich freue mich schon auf den perfekten Schweden-Moment: ein einsamer See, Ruhe und einen selbst gefangenen Riesenfisch auf dem Grill. Selbst auf den obligatorischen Sonnenuntergang an eben jenem See kann ich mich schon wieder freuen.

Walter schnurrt, Karlchen schläft und das Navi sagt, in 3 km rechts abbiegen.

Meistens folge ich ja brav, wenn eine Frauenstimme mir sagt, was ich tun soll. So auch diesmal. Walter stolpert kurz, denn von der Autobahn geht es direkt á mente auf eine Schotterpiste quer durch den Wald. Kein Grund zur Sorge, Walter ist ganz anderes gewohnt und Schotterpisten gehören in Schweden zum normalen Straßennetz. Wir fahren durch einen traumhaften Wald, ich genieße den Anblick und klatsche mich selbst innerlich ab – denn genauso habe ich mir das vorgestellt. Dass sich rechts neben mir eine ganz leichte Verspannung aufbaut, merke ich in meiner Euphorie gar nicht.

„Wenn wir jetzt noch einen Elch sehen, wird es ein Björni-Tag“ plappere ich in die Stille, gerade als wir an sowas ähnlichem wie einem Ortsschild vorbeifahren. Der Ort heißt „Björneborg“.

Den Ort passieren wir zügig, weiter geht es durch den Wald und irgendwann rechts ab. Auf eine noch etwas schmalere Schotterpiste. Irgendwann sagt das Navi „in 300m rechts abbiegen, dann haben Sie das Ziel erreicht.“

„Das Ziel“ ist eine Treckerspur, welche einen leichten Abhang hinab zu einem See führt. Jetzt nehme ich auch die nicht mehr ganz so leichte Verspannung neben mir wahr. Ich bringe Walter zum Stehen und steige mit dem Versprechen aus, den kurzen Weg zunächst zu Fuß zu erkunden. Sicher ist sicher.

Ich gehe hinab und finde mich an einem der schönsten Plätze wieder, die ich je gesehen habe. Eine sanfte Lichtung am Ufer eines spiegelglatten Sees. Rechts und links ein paar Birken, dahinter dichter, sattgrüner Wald. Einsamer, kitschiger und perfekter könnte es nicht sein.

Der Platz hat eine Feuerstelle, zwei urige Boote liegen im Schilf und es ist gerade so viel Platz, dass Walter sein neues Kunststück – auf der Stelle zu wenden – unter Beweis stellen könnte. Die Sonne macht sich schon bereit, kunstvoll hinter den Bäumen am anderen Ufer des Sees zu versinken.

Ich laufe zurück, rutsche auf dem feuchten Waldboden fast aus und bedeute meiner Mannschaft, dass dies der perfekte Platz für all unsere Vorstellungen von Schweden ist. Aufsitzen, Motor starten, runter schaukeln.

Wir hatten uns bisher noch nicht darüber unterhalten, was genau wir eigentlich mit „perfekt“ meinen. Auf jeden Fall stellt sich heraus, dass es feine Unterschiede gibt.

Nach einem kurzen Moment des Abwägens kommt für Walter die Ansage „bitte wenden“. Und die Stimme kommt diesmal nicht aus dem Navi. Als hätte er nie etwas anderes getan, wendet Walter auf der Stelle und setzt an, den Weg zurück auf die Schotterpiste zu nehmen.

War es vorhin eigentlich auch schon so rutschig hier, als wir angekommen sind? Hmm. Ich kann mich nicht erinnern, weiß aber, dass akademische Betrachtungen uns jetzt nicht weiter bringen.

Walter gibt alles, rutscht nach 2 Metern vorwärts aber wieder 4 Meter zurück. Wir versuchen es nochmal, und nochmal. Der Dreck spritzt, Walter stöhnt und die Räder drehen auf der Stelle. Eine hübsche Rinne haben wir da ausgefahren, stehen aber immer noch auf der Hälfte des Weges.

Innen herrscht eisiges Schweigen. Da hilft nur entschlossenes Handeln. Aber was genau? Erstmal aussteigen. Und entschlossen gucken. Auf eine nasse, rutschige Piste, 3,6 t Lebendgewicht, Sommerreifen und Vorderradantrieb. Perfekt – um einfach nicht dort hoch zu kommen.

Ich krame gedanklich in meinen Erinnerungen. Was haben wir denn früher gemacht? Als ich mit meinem Trabi und einem viel zu großen Boot auf dem Anhänger am See stecken geblieben bin? Wir haben das Boot stehen gelassen und sind rückwärts durch den Schlamm gerobbt. Außerdem haben 2 Mann geschoben. Alles keine Option.

Also stapfe ich in den Wald, suche und finde trockene Birken- und Kiefernäste. Die drapiere ich kunstvoll, quer zur gewünschten Fahrbahn, über die schlimmsten Stellen auf unserer Schlammpiste.

Ich habe Vertrauen zu Walter, zu mir und zum Universum – auch wenn es gerade mehr als deutliche Dellen hat. Diese äußern sich nicht nur dadurch, dass wir hier feststecken. Aber dafür habe ich gerade keine Zeit.

Ich lasse Walter ein wenig zurückrollen, denn mit ein wenig Schwung im Leben habe ich doch schon so vieles erreicht.

„Los Walter, dass schaffst Du“ …. rede ich hier tatsächlich gerade mit einem Wohnmobil? Ja!

Und es hilft. Walter heult auf, der Dreck spritzt am Fenster vorbei, aber wir bekommen Schwung. Und schieben uns Zentimeter für Zentimeter voran. Als wir uns endlich über den trockenen Reisig schieben, packt Walter kraftvoll zu, heult auf und zieht uns die letzten Meter auf die rettende Schotterpiste.

„Würde ich nur mit Allrad empfehlen“ lese ich später in der App zu diesem Stellplatz. Ich würde neben Allrad vor allem empfehlen, die Wünsche an einen Stellplatz in der Reisegruppe etwas genauer abzustimmen.   

Inzwischen ist die Sonne untergegangen, wahrscheinlich ekelhaft schön mit einem sanften Platsch in irgend einen See. Davon sehen wir aber nichts, denn wir sind mitten im Wald. Auf dem Weg zu einem x-beliebigen Parkplatz, der uns ein wenig Ruhe für die Nacht gibt. Aus dem perfekten Stellplatz ist inzwischen nur noch der Wunsch geworden, zu stehen. Irgendwo.

Der nächste Parkplatz ist nur 3 km entfernt. Wenn man sich nicht hoffnungslos im Wald verfährt. Dann sind es 12. Irgendwann kommen wir trotzdem an. Inzwischen ist es dunkel. Aber so sehen wir wenigstens nicht, wie scheiße dieser Parkplatz ist.

Runter vom Sofa (7): Wasser marsch!

Also wäre das auch geklärt: die Schweden können nicht nur Knäckebrot, frischen Fisch und süße Plunderteilchen in Perfektion. Nein, sie können auch Gewitter, aber so richtig!

Nach dem Kulturschock auf dem MegaCampingplatz in Askim wollten wir nur eins: weg

Symbolträchtig haben wir unseren ganzen Sch… auch gleich da gelassen, also einmal ordentlich ver- und entsorgt und alle Tanks frisch aufgefüllt.

Karlchen hat sich nochmal ordentlich ins Gebüsch gehockt und dann wurde es aber auch Zeit, loszufahren. Schranke hoch, Walter durch, gute Fahrt.

Es geht Richtung Norden, an die Südspitze des Vänern-Sees. Dort soll es ein kleines, süßes Fischerdorf geben, mit ein paar Stellplätzen direkt am Hafen.

Ein kalter Entzug von dem, was wir Zivilisation nennen, war uns dann aber doch zu hart. Deshalb haben wir auf dem Weg noch schnell bei einem dieser MegaShoppingCenter angehalten. Auch bei einem reduzierten Leben muss man ja irgendwas essen. Und wenn gerade kein Wald mit Pilzen, Blaubeeren und Kräutern in der Nähe ist, können wir genauso gut unserer Lust auf geiles, abgepacktes Zucker-Salz- und Fettessen frönen. Außerdem waren wir neugierig, was man in einem schwedischen Megastore so alles entdecken kann.

Zunächst die alten Bekannten: von Nivea über Haribo, Milka, Kelloggs und Knorr gibt es hier alles, was die Supermärkte auch in Deutschland und wahrscheinlich ganz Europa dominiert.  

Aber dann wurden wir fündig, am Ende hatten wir fast nur schwedischen Schweinkram im Wagen: Schmelzkäse aus der Tube, wahlweise in den Geschmacksrichtungen Hummer, Petersilie, Elchsalami oder Bacon. Hunderte Sorten Knäckebrot, Fisch und Garnelen als Salat, Paste, in der Dose, getrocknet, geräuchert, gepökelt oder als Chips. Herrlich klebrigen Blaubeerrührkuchen. Und das Highlight: Zimtschnecken. Die Hamburger Morgenpost wählt ja jedes Jahr das beste Franzbrötchen der Stadt. Sorry, aber ihr müsst weinen gehen: diese Zimtschnecken hier vom Bäcker sind der Himmel auf Erden!

Ein Mitglied dieser illustren Fahrgemeinschaft behauptet ja, ich sei essensverliebt. Ich sag mal so: gestern Abend hatte ich eine Orgie.

Das gute daran, essensverliebt zu sein ist ja, dass man trotz unübersehbarem Bauchansatz und fettigen Fingern ständig Dates haben kann. Mein nächstes wartete schon in Spiker, dem kleinen Fischerdorf zu dem wir fahren wollten.

Als wir ankommen, finden wir einen Platz mit direktem Blick auf den kleinen Hafen. Romantisch, fast kitschig ist es hier. Da Walter, das Wohnmobil ja frisch versorgt, aufgefüllt und aufgeräumt ist, haben wir keinen weiteren Auftrag. Schnell noch die Luken auf, frische Luft reinlassen und rüber zum Hafen. Der Versorgungsbeauftragte des Nachbarcampers kommt gerade mit vollen Tüten zurück und erzählt seiner Frau, dass er viel zu viel Räucherfisch gekauft hat, aber der hält sich ja ein paar Tage.

Es gibt zu viel von irgendwas? Vor allem von Räucherfisch? Menschen sind sonderbar.

Wir schlendern durch den Hafen und sind ganz entzückt. Karlchen schnuppert voran, geradewegs zu einer kleinen Hütte mit einem vielversprechenden Schild vor der Tür. Ich kann zwar kein Schwedisch, aber der verliebte Blick eines hungrigen Kenners entdeckt sein nächstes Date auch ohne Worte.

Alter Schwede, wenn ich Walter nicht so verbunden wäre, würde ich hier einziehen: Räucheraal so dick wie mein Oberarm, Lachs so frisch, glänzend und saftig wie … egal. Dorsch, Hering und Zander in allen Variationen. Ich kann mich gar nicht entscheiden.

Zum Glück reise ich ja nicht allein, sondern die Vernunft in Form der geliebten Hausbesetzerin ist auch mitgekommen. Wir beschließen, dass der Fisch unsere Frühstücksorgie wird und es morgen früh ein Wiedersehen geben wird.

Wir schnüffeln noch ein wenig weiter durch den Hafen, als uns ein paar Tropfen treffen. Ein kurzer Blick nach oben verrät: oh ha! Während uns beim Räucherfisch das Wasser im Mund zusammengelaufen ist, haben sich da oben ganz andere Wasserquellen versammelt. Und dann geht es auch schon los, die Schleusen werden geöffnet. Wir schaffen es auf etwa 200m bis zu Walter, dann müssen wir uns in ein kleines Buswartehäuschen flüchten, wenn wir nicht wegespült werden wollen. Es blitzt und donnert, als würde Thor dort oben seine Hochzeit feiern.

Nach 20 min wage ich einen Blick aus dem Häuschen: keine Besserung in Sicht, die Party hat gerade erst begonnen.

Durch den Vorhang aus Wasser schlüpft ein freundliches Paar im besten Alter. Es stellt sich heraus, dass sie aus der Stadt kommen, in der ich großgeworden bin. Wir plaudern angeregt über die schönsten Plätze dort und in Schweden, ich bin ein wenig neidisch über die mehr als 4 Wochen Zeit, die die beiden sich für Schweden schon nehmen, während Karl Angst vor Gewitter und die geliebte Hausbesetzerin vor dem Wasser da draußen hat.

Wasser? Warte mal…. hatte ich vorhin nicht frische Luft in das Wohnmobil gelassen? Durch die Dachluke? Wo Luft rein kommt, kommt auch Wasser rein….

Es sind nur 200m bis zu Walter. Allerdings quer durch einen Wasserfall biblischen Ausmaßes. Andererseits ist es jetzt auch egal. Was jetzt noch offen ist, war auch vor 20min schon offen.

Frau und Hund durch die Fluten zu zerren ist keine Option, nicht für uns und auch nicht für das freundliche Paar. Er beschließt, zu ihrem Camper zu laufen und sie hier abzuholen. Sie wollen noch weiter und es ist schon recht spät.

Sein Angebot, mich mitzunehmen und uns alle ins Trockene zu fahren, lehnen wir leichtsinnig ab – es kann ja nicht mehr so lange dauern. Dachten wir. Gerade als die beiden fröhlich winkend davon fahren merken wir, wie blöd wir eigentlich sind.

Und schon wieder so ein Moment für „lass das mal den Papa machen“. Noch ein kurzes Zögern, aber dann überwiegt der Heldenmut: ich laufe los, versuche über Pfützen zu springen und lande doch mittendrin, so groß sind sie. Walter weint. Oder ist es nur der Regen, der in Sturzbächen an ihm herunter läuft?

Es ist der Regen – oder können Wohnmobile auch von innen weinen? Ich stehe mit den Füßen im Wasser, als ich die Tür endlich aufhabe. Das ist die perfekte Gelegenheit, endlich auch unsere Handtuchvorräte drastisch zu reduzieren. Fühlt sich ein wenig an wie in einem Sumpfgebiet, als ich die geliebte Hausbesetzerin und Karlchen an der Bushaltestelle abhole.

Irgendwie schaffen wir es, aus dem Amphibienfahrzeug wieder ein Wohnmobil zu machen. Und bei beschlagenen Scheiben, Kerze und Rotwein im Trockenen zu sitzen ist ja auch ganz romantisch.

Runter vom Sofa (5): reduce to the max

“ich mag dieses reduzierte Leben”

„hmmhmm“ antworte ich, während ich den kleinen Alukoffer mit dem Grillbesteck öffne und das Weiderindersteak auf dem Edelstahl-Klapp-Grill elegant wende. In der linken Hand habe ich ein gut gekühltes Bier, mein Blick schweift über den spiegelglatten See, in dem sich die Abendsonne in sattem orange-rot spiegelt.

Per App haben wir diesen schönen Stellplatz gefunden, die Mobilfunkverbindung in Schweden ist bislang hervorragend – egal wo wir sind. Walter scheint ebenfalls zufrieden, ohne viel murren stellt er sich mit einer perfekten Blickachse ab.

Wir stehen direkt am See, eingerahmt von einer Handvoll Birken, deren Blätter im Wind leise wispern. Der unverstellte Blick ist so kitschig, dass ich mir erstmal die Tränen aus den Augen wischen muss, um überhaupt etwas zu sehen. Schön, einfach schön!

Ohne viele Worte beschließen wir, für zwei-drei Nächte hier zu bleiben.

Lass‘ mal in Klischees denken: ich kümmere mich um den Außenaufbau, die geliebte Hausbesetzerin rüstet innen von reisen auf stehen um.

Eine Stunde später ist Walter mittels Auffahrrampen ausgemittelt, die Markise gespannt, Tisch, Stuhl, Grill, Sofa und Petroleumlampe aufgebaut. Der Kühlschrank auf Gasbetrieb umgestellt, der Weinkanister griffbereit platziert, Teller, Gläser, Besteck, Fleisch, Käse, Salat und diverse Saucen stehen bereit.

Das reduzierte Leben kann beginnen.

Gerade als ich mich mit einem leichten Schweißausbruch und der Feierabendzigarette aufs Sofa plumpsen lasse, kommt eine schwedische Familie an den See.

Lass‘ mal in Klischees denken: alle vier kommen mit dem Fahrrad, Modell Hollandrad in blau-gelb, Flechtkorb am Lenker. Mama und die beiden Mädchen strohblond mit geflochtenen Zöpfen. Ihre geblümten Sommerkleidchen tanzen mit dem Wind, sie plaudern und lachen, während sie barfuß vom Fahrrad steigen.

Papa hat den Rucksack auf, er ist groß gewachsen, dunkelblond mit rotem Schimmer und einer kurzen Cordlatzhose am schlanken Körper.

Bestens gelaunt zaubert er zwei große Handtücher und vier Flaschen Blaubeerlimonade aus dem Rucksack. Zwei Minuten später springen alle kreischend in den See.

Als wir nach dem Sonnenuntergang von Rotwein auf Gintonic wechseln, fährt Familie Bullerbü nass und zufrieden wieder nach Hause.

Wir genießen die einsetzende Stille der Nacht und stellen erneut fest, dass wir dieses reduzierte Leben sehr lieben.

Ja, tatsächlich. Wir haben allen erdenklichen Schnick-Schnack an Bord, das ist kein Camping, das ist Glamping. Aber was soll’s – solange Walter Kraft und Lust hat, den ganzen Krempel mit zu schleppen, freuen wir uns sehr über die kleinen und großen Annehmlichkeiten. Ich könnte wohl darauf verzichten, hier am See auf einem saubequemen Sofa zu sitzen. Aber dann hätte diese Rubrik keinen Namen und wir weniger Spaß.

Und trotzdem haben wir reduziert. Den Lärm des Alltags, das Müssen und Sollen, die Termine und Pflichten, das Bewerten und Zaudern, das Rennen und Hetzen. Wir sind einfach da, inmitten von Luxus und Bequemlichkeit, aber einfach da. Heute zum Beispiel hier. Und morgen irgendwo anders. Und das macht frei.

Morgen früh werde ich weiter reduzieren und springe nackt in den See. Zur Not mache ich anschließend einfach die Heizung an.

Ort:                      „Sveaskog“, 305 94 Eldsberga

Stellplatz:            Natur-Parkplatz, Rasen/Naturboden

Charakter:          sehr idyllisch, romantisch und natürlich
                              1-2 Wohnmobile
                              ausreichend Platz, direkt am Wasser

Sanitär:                nur das, was Du selbst an Bord hast

Kosten:                —

Lage:                    direkt am Seeufer, geht von einer mittleren, mäßig befahrenen Straße ab

Infrastruktur:     Wasser, Holz, Wald, Sonne, leichte Brise, Bäume für den Schatten

Fahrrad:              zu empfehlen, um in die nähere Umgebung zu kommen

auf dem Platz:   Badestelle, Feuerstelle
                              wird recht rege von Einheimischen zum Baden, Angeln und Picknick besucht  

Empfehlung:       7-8 von 10
                              (uns war es durch die Tagesbesucher teilweise einen Hauch zu unruhig.
                              Das lag aber sicherlich an den schwedischen Ferien + Wochenende)

Runter vom Sofa (3): „dann können wir auch gleich wieder nach Hause fahren“

Die Nacht war ruhig, traumlos und irgendwie zu kurz. Zumindest für mich. Ich werde von den verzweifelten Bemühungen eines dreifachen Vaters geweckt, seine Kinder zu erziehen.

„Wenn Du dir jetzt nicht die Schuhe anziehst, können wir auch gleich wieder nach Hause fahren“

Es muss das verzweifelte „neeeeeeeeeiiiiiinnnnn“ des dreijährigen Blondschopfes gewesen sein, das mich jäh aus dem dringend notwendigen, erholsamen Schlaf gerissen hat. Morgens um halb 6. Ob das „neeeeeeeeeiiiiiinnnnn“ und die begleitenden Tränen den Schuhen oder dem zu Hause galten, konnte ich nicht herausfinden.

Zumindest marschiert Papa kurze Zeit später zur Mülltonne an der Ecke unseres Stellplatzes, drei kleine, blonde Kinder im Schlepptau. Alle vier barfuß. Ich sitze mit dem ersten Kaffee und einer Zigarette neben Walter und nicke dem Dreifachvater mitleidig zu. „Ich weiß bescheid mein Lieber, ich habe es schon hinter mir.“

Als die geliebte Hausbesetzerin eine Stunde später ebenfalls wach ist, werde ich mit ihr darüber philosophieren, wie sinnvoll und effektiv solche Auseinandersetzungen mit der eigenen Brut tatsächlich sind. Mich haben sie heute jedenfalls sehr effektiv geweckt.

Wir wollten ja einen Morgen ohne Hektik und ganz entspannt zur Fähre. Gesagt, getan. Noch einen Kaffee, noch ein kurzer Besuch am Strand, für und wider von Erziehungsmaßnahmen abwägen, Karl niedlich finden.

Als ich gerade zu dem Schluss komme, dass man es mit dem Drangsalieren von Kindern auch nicht übertreiben muss, startet Dreifachpapa seinen coolen offroad-Camper und dröhnt vom Platz.

„wann müssen wir eigentlich los zur Fähre?“ frage ich die Mannschaft und blinzle dabei genüsslich in die Sonne.

„eigentlich in 7 Minuten“

Die ungeschriebenen Kommunikationsgesetze in diesem Haus besagen, dass die Verwendung des Wortes „eigentlich“ höchste Alarmstufe bedeutet. Es meint nicht weniger als „wenn Du nicht sofort Deinen Arsch bewegst, können wir auch gleich wieder nach Hause fahren“.

Aber wir hatten ja eine Anreise ohne Hektik geplant – eigentlich.

Ich bin also zum zweiten Mal schlagartig hellwach, raffe unseren ganzen überflüssigen Glamping-Schnick-Schnack zusammen, kippe den Rest Kaffee in den Brombeerbusch und sitze 11 Minuten später im Cockpit. Im Gegensatz zu mir ist Walter ausgeruht und heult kraftvoll auf. Wenn jetzt alles glatt läuft, sind wir überpünktlich an der Fähre. Passiert uns sonst auch nur ausgesprochen selten.

„Ich brauche noch einen Briefkasten, bevor wir rüberfahren“

Ich mag es, wenn sich die geliebte Hausbesetzerin darum kümmert, dass ich nicht zu übermütig werde. Also gut, suchen wir also noch schnell einen Briefkasten. Ganz ohne Hektik.

Als wir endlich zur Fähre kommen, sind es noch 6 Minuten bis zur empfohlenen CheckIn Zeit. Alter Ver-Walter, wie auch immer wir das geschafft haben. Von einem mehr als desinteressierten Einweiser werden wir auf Spur Nr. 5 gebeten, vorbei an einer 200m langen Schlange wartender Autos und Camper. Irgendwo mittendrin meine ich, einen coolen Offroad Camper zu sehen, aber ich kann mich auch täuschen.

Wir stehen also in der ersten Reihe und es bleibt sogar noch Zeit für eine Zigarette – ohne Hektik. Vor uns ein Koloss aus Stahl, der nur darauf wartet, hunderte Autos mit völlig entspannten Insassen aufzunehmen. Und uns natürlich.

Und tatsächlich: nachdem etwa 20 LKWs in seinem Schlund verschwunden sind, fahren wir als erste über die Rampe.

Die Fahrt nach Kopenhagen läuft so flüssig wie der Weißwein, welchen wir später am Hafen trinken werden. Aber vorher haben wir noch eine Mission:

Seit einiger Zeit sind süchtig nach einer kleinen NetFlix-Serie: „Somebody Feed Phil“. Darin reist ein schräger Typ durch die Welt und frisst sich durch die Spezialitäten der jeweiligen Stadt. Großartig! Und jedes Mal bin ich neidisch, dass mich keine Kamera begleitet und Netflix meine Rechnung bezahlt, wenn ich einen Querfraß-Anfall habe.

Wie auch immer, jedenfalls war Phil in einer der Folgen auch in Kopenhagen und seitdem haben wir Appetit auf das großartige Smörebröd, welches er hier gegessen hat. Das Aamanns Deli ist schnell gefunden und wir sind begeistert. Cooler Laden, man kann sich kaum entscheiden zwischen den vielen wirklich kreativen und leckeren Varianten.

Wir sind hungrig und bestellen je ein Mal „beef Tatar“, „creamy mushrooms“, „organic eggs“ und handgekraulte Garnelen. Wahnsinn, was man aus einem belegten Brot alles machen kann. Es ist tatsächlich so lecker, dass ich die knapp 40 EUR die wir bezahlen, großzügig weglächeln kann.

In Vorfreude auf die moderne Variante des typisch dänischen „Abendbrotes“ finden wir unseren Stellplatz am Hafen Kastrup und haben bereits um halb sechs gehörig einen sitzen.

Immerhin, bis zum Sonnenuntergang ist noch reichlich Zeit und ich kann mir in Ruhe die Schiffe im Hafen anschauen. Dabei finde ich sogar zwei, welche ich mir nach dem Smörebröd sogar noch leisten könnte.

Morgen früh geht es ganz entspannt und ohne Hektik weiter, über die Brücke nach Malmö, Schweden.

Ort:                      Kastrup Lystbädehavn

Stellplatz:            Parkplatz, Schotter

Charakter:          sympathisch, leichte Parkplatzromantik
                              Wohnmobile + Wohnwagen
                              großzügige Plätze, direkter Blick auf den Yacht-Hafen

Sanitär:                WC, Duschen, Ver- und Entsorgung

Kosten:                ca.20 EUR / Nacht

Lage:                    direkt am Yacht-Hafen

Infrastruktur:     zu Fuß erreichbar:
                              Yacht-Hafen, kleiner Park mit Spielplatz, Promenade

Fahrrad:              zu empfehlen, um in den nahegelegenen Stadtteil zu kommen

auf dem Platz:   Strom, Bäume für Schatten

Empfehlung:       5 von 10
                              (für die Nacht vor der Brücke sehr gut)

Runter vom Sofa (2): „Dein Navi irrt sich“

Walter fühlt sich vernachlässigt. Und er fühlt sich nicht nur so – er ist es auch. Er bekommt weder Liebe, noch Aufmerksamkeit, niemand verbringt Zeit mit ihm. Karl behauptet zwar das Gleiche, aber das tut hier nichts zur Sache. Bei Walter ist es ernst. Nicht einmal Diesel kippt Papa hinein. Bei Kindern wäre es höchste Zeit, das Jugendamt einzuschalten.

Aber zum Glück kennt niemand die Telefonnummer des Straßenverkehrsamtes auswendig. Wozu auch? Solange Du pünktlich die KFZ-Steuern bezahlst, kannst Du deinen vierrädrigen Gefährten vernachlässigen, soviel Du willst. Und Karl? Niemand glaubt ihm.

Wie dem auch sei, Walter hat seine ganz eigene Strategie, mit fehlender Liebe umzugehen. Er macht einfach die Lichter aus. Im wahrsten Sinne des Wortes. Als ich ihn zu einer kleinen, spontanen Ausfahrt überreden wollte, sagte er einfach mal: „        „ (nichts).

Einen Batteriewechsel später haben wir beschlossen: so kann es nicht weiter gehen. In unserem Übermut haben wir schnell das noch fehlende Equipment bestellt, um aus dem, was andere „Camping“ nennen, unser ganz eigenes „Glamping“ zu machen. Oder könnt Ihr euch vorstellen, ohne großen Tisch, Gasflammentoaster, Megagrill, ein japanisches Messer, 4 Kanister Wein mit Zapfhahn und guten Rum das Haus zu verlassen? Eben, konnten wir auch nicht….

Jetzt sind wir zwar pleite, aber glücklich. Und wo leben die glücklichsten Menschen der Welt? Genau – in Schweden! Deshalb hat es gar nicht lange gedauert zu beschließen, wohin wir fahren: in das Land der glücklichen Menschen und Elche.

Vor das ewige Glück hat der liebe Gott oder meine Mutter – oder wer auch immer – das Mühsal gestellt. Da kannst Du endlose Pack- und Erledigungs-Listen schreiben, am Ende bist Du genervt, gestresst und spät dran. In unserem Fall 6 Stunden.

Als wir endlich loskommen, ist es 16:30. Das C-Testzentrum schließt um 17:00 Uhr. Pünktlich 17:05 stehen wir vor verschlossenen Toren. Also verbringen wir die nächste halbe Stunde damit, das noch geöffnete Testzentrum in der Innenstadt zu besuchen. Alles total hip hier, ich bin geneigt mir am Tresen einen VinTonic oder einen Jägermeister mit FritzCola zu bestellen. Stattdessen gibt’s „Wattestäbchen tief rein“ – aber das kennen wir ja schon.

Als wir endlich auf der Autobahn gen Norden sind, bedankt sich Walter mit konstanten 101km/h Höchstgeschwindigkeit. Es ist wie bei Kindern (oder Hunden): wenn Du sie erstmal eine Weile vernachlässigst, freuen sie sich um so mehr über ein wenig Aufmerksamkeit.

Die Ankunftszeit wird auf 20:10 prognostiziert. Schon wieder bin ich übermütig und verspreche der geliebten Hausbesetzerin wenigstens noch einen spektakulären Sonnenuntergang auf Fehmarn am Strand.

Das Navi führt uns zielsicher zum Campingplatz, direkt an der Fähre. Der Plan: wir haben einen entspannten Abend und stressfreien Morgen mit einem kurzen Weg zur Fähre am nächsten Morgen.

Aber eben nicht auf dem Campingplatz, sondern freistehend direkt am Wasser. Das Navi verspricht einen kleinen Weg dorthin, direkt an der Rückseite des gut organisierten Campingplatzes entlang.

„Dein Navi irrt sich“ lese ich auf einem handgeschriebenen, großen Schild aus dem Augenwinkel, während Walter und ich versuchen, uns durch Gestrüpp, eine ausgespülte Trekkerspur und 35° Seitenneigung zu kämpfen. „jaja, du bist nur neidisch“ rufe ich dem Schilderschreiber in Gedanken hinterher, während ich mit dem rechten Vorderrad fast in armdickem Brombeergestrüpp hängen geblieben wäre.

Walter stöhnt und ächzt, was ich als heldenhafte Jubelgeräusche völlig fehlinterpretiere. Irgendwann höre ich von draußen nicht nur Walters Achsen stöhnen, sondern Schafe bölken. Der „Weg“ mausert sich zu einem Trampelpfad und in einiger Entfernung sehe ich, wie sich ein paar junge Kiefern höhnisch im Ostseewind wiegen. Zeit für „lass das mal den Papa machen“.

Ich gönne Walter eine kurze Pause, steige aus und erkunde den Weg zu Fuß. Genauso gut hätte ich mich auch nackt in die Brombeeren schmeißen können – hier geht es nicht weiter.

Ein guter Kapitän denkt zuerst an die Mannschaft, dann ans Schiff und irgendwann an sich selbst. Mit staatstragender Miene verkünde ich der Mannschaft: „wir drehen um, das ist für Euch alle zu gefährlich“.

Ich versuche den Eindruck, alles im Griff zu haben, noch ein wenig aufrecht zu erhalten, während ich Walter zwinge, praktisch auf der Stelle – die in diesem Fall eine matschige Kuhwiese ist – zu wenden.

Wir schaukeln zurück, vorbei an dem Schild, auf dessen Rückseite mit roter Farbe steht „sag ich doch“.

Blödmann!

Es gibt aber tatsächlich noch einen anderen Weg zu dem wir-stellen-uns-doch-nicht-auf-einen-offiziellen-Campingplatz-Stellplatz.

Die Sonne verschwindet gerade hinter dem Horizont, als ich die geliebte Hausbesetzerin eilig zum Strand zerre, um wenigstens mein Versprechen noch einzuhalten.

Ort:                      „Grüner Brink“ auf Fehmarn
                              fürs Navi (ohne Büsche) „zum Badestrand“

Stellplatz:            Parkplatz, Schotter

Charakter:          klar, einfach, ohne alles
                              Wohnmobile + Wohnwagen
                              großzügige Plätze

Sanitär:                hä? Gibt’s nich

Kosten:                9 EUR / Nacht

Lage:                    50m zum Strand

Infrastruktur:     zu Fuß erreichbar:
                              Strand, Belt-Bude (ab 11:00 geöffnet, bis Sonnenuntergang (!)

Fahrrad:              nicht nötig

auf dem Platz:   weinende Kinder, Mülltonne, sonst nix

Empfehlung:       4 von 10
                              (für die Nacht vor der Fähre o.k.)

Möwen füttern verboten

„na dann lehnen Sie mal ganz entspannt den Kopf zurück“

Meine Entspannung dauerte genau so lange an, bis mir der Typ das Wattestäbchen bis zum Gehirn in die Nase schiebt. Die gute Nachricht ist, dass er dort auf Widerstand stößt, also ganz leer scheint es da oben nicht zu sein. Meine Freude darüber war allerdings nicht für jedermann sichtbar, denn für die nächsten 2 Stunden liefen mir Tränen aus den Augen.

„Wenn Sie wieder etwas sehen können, dürfen Sie gerne weiterfahren“ – der Typ vom Corona-Testzentrum hatte wenigstens einen schrägen Humor, auch wenn ich ihn gleich wegen Folter anzeigen werde.

Wegen der Tränen konnte ich das Testergebnis per E-Mail selbst nicht lesen, aber da es einen kausalen Zusammenhang zwischen Hotelzimmer und Testergebnis gibt, scheint er negativ gewesen zu sein.  

So beginnt also das verlängerte Wochenende nicht wie geplant mit einem Aperol auf der Promenade, sondern mit einem mechanischen IQ Test im drive-in-Testzentrum.

Auf besonderen Wunsch, Einladung und Anlass einer ganz besonderen Dame sind wir für drei Tage in Kühlungsborn – „Seebad mit Flair“. Karl und Walter mussten leider zu Hause bleiben, die zweite schmerzhafte Erfahrung nach dem Wattestäbchen.

Wir verfallen tatsächlich in das Klischee allein reisender Eltern, die sich erst wochenlang darauf freuen, endlich mal Zeit alleine und ohne Verpflichtungen zu haben, sich dann aber ständig Gedanken darüber machen, ob es der zu Hause gebliebenen Brut gut geht, wie sehr man sie vermisst und dass das alles doch eigentlich eine Scheißidee war. „Machen wir nie wieder“ ist einer der am häufigsten gesagten Sätze des ersten Tages.

Nach einem Tag fangen wir uns auch wieder und fangen an wahrzunehmen, wo wir eigentlich sind.

Wie wir später feststellen werden, war das ganze Kopfkino umsonst – die kleine Prinzessin erweist sich nämlich als die perfekte Haus- Hof- und Hundesitterin und wächst über sich hinaus. Prompt verfallen wir in das nächste Klischee, sind unfassbar stolz auf sie und halten sie fast für ein Wunderkind.

Aber noch ist es nicht soweit. Ich kann inzwischen wieder gucken und denken und die kleine Reisegruppe trifft sich fein herausgeputzt zum Abendessen. Und schon lernen wir wieder eine Lektion: es gibt hier noch andere Menschen – es ist voll. Anderthalb Jahre Lockdown, homeoffice und Menschendetox haben uns aus der Übung kommen lassen. Ich bin es gar nicht mehr gewohnt, ein Stimmengewirr aus 200 Kehlen einfach zu ignorieren, statt jedes Wort verstehen zu wollen. Fremde Menschen, die einem nahe kommen, irritieren meinen Geruchssinn. Und wie sichere ich mir den letzten freien Tisch, den 6 andere auch haben wollen?

Gerade rechtzeitig erinnere ich mich an eine Weisheit meines Grafikprofessors: kleine Kinder und Hundewelpen gehen immer. Wir bekommen den Tisch.

In einem Restaurant essen zu gehen ist allerdings geil! Das habe ich tatsächlich vermisst. Dementsprechend übertreiben wir es natürlich – mit allem. Ein Teil der kleinen Reisegruppe wird am nächsten Tag Magenschmerzen, ein anderer Teil Kopfschmerzen haben. Ein sehr kleiner Teil sogar beides.

Wie gut, dass es an diesem Tag keine festen Programmpunkte gibt. Wir gehen los, Kühlungsborn zu entdecken. Die geliebte Hausbesetzerin nach links, in die Richtung, aus der es bunt flattert, glitzert und duftet.

Mich verschlägt es nach rechts, hier ist es windig, sandig und riecht nach Florena Sonnenmilch.

Sie kommt zurück mit ein paar hübschen Tüten und ebenso hübschem Inhalt. Ich weiß nun, was ich hier alles nicht darf. Mein Handtuch neben einen Strandkorb legen zum Beispiel.

Kühlungsborn ist wirklich hübsch. Oder sollte ich sagen „nett“? Nein, es ist hübsch. Alles ist auffallend sauber, alle 30m stehen zwei hübsche weiße Bänke, die Bäume auf der Promenade sind hübsch geschnitten, die Pflastersteine derselben sind hübsch angeordnet, die dahinter stehenden Villen und Hotels sind farblich hübsch aufeinander abgestimmt. Ich mag diese Ordnung sehr, sie gibt Ruhe und Sicherheit.

Um diese Postkartenidylle bewahren zu können, braucht es natürlich Verbot… ähm Regeln. So nach und nach entdecke ich in den nächsten Tagen immer mehr Schilder mit sehr freundlichen, aber konsequenten Regeln.

In nasser Badehose quer über die Promenade zu schlappen ist hier nicht – aber das würde auch nicht passen. Dafür wird der Strand hier jeden Morgen geharkt und die Strandkörbe fein säuberlich ausgerichtet – sortiert nach Nummern.

Ich hatte ja gehofft, dass ich am Strand – während ich in der Sonne liege, meine Badehose trocknet und ich ungeniert Leute beobachten kann – einiges entdecken und für Euch hier aufschreiben kann. Aber da war nicht viel. Friedliches, harmloses, regelkonformes Strandleben. Ruhig, erholsam – aber irgendwie auch langweilig. Ich habe nicht mal ein Stück Brot dabei, um die Möwen zu füttern.

So geht der Tag zu Ende, wir haben ohne Kleinkind-Hundewelpen-Trick einen Platz in der ersten Reihe ergattert und erleben beim Rotwein einen filmreifen Sonnenuntergang. Natürlich fotografiere ich ihn – so wie 300 andere vor uns auf der Promenade auch. Schade dass ich nicht sehen kann, wie dieses Bild tausendfach gleichzeitig auf facebook hochgeladen und gelikt wird. Aber ich kann es mir vorstellen.

http://www.kuehlungsborn.de

Runter vom Sofa (1 – opening)

„Hilde, ist die 102 noch frei?“

Ich hätte ja nicht gedacht, dass mich eine kurze Frage in norddeutschem Kodderton noch so nervös machen kann. Genau so fühlte es sich als 5 jähriger an, wenn ich wissen wollte, wieviel Kugeln Eis ich darf. Damals hing gefühlt mein Leben davon ab, mich nicht zwischen Vanille, Schoko und Erdbeere entscheiden zu müssen.

Ich habe mich sehr daran gewöhnt, dass ich inzwischen derjenige bin, der diese Frage beantworten darf. Und die kleine Prinzessin sollte ihren Großeltern sehr dankbar sein, dass ich sie damals manchmal echt doof fand. Denn bei zwei Kugeln fehlt immer eine. Immer.

Deshalb gibt es heute also grundsätzlich drei Kugeln. Auch wenn sie Erdbeereis gar nicht mag.

Aber nun, ich schweife ab. Denn erstens kann ich mir mein Eis inzwischen selbst kaufen und zweitens hat Hilde inzwischen sehr ausschweifend geantwortet.

„jo“.

Das wiederum fühlt sich an, als hätte Hilde mir gerade einen großen Schwedeneisbecher mit 6 Kugeln spendiert. Es braucht eben nicht vieler Worte, um Menschen glücklich zu machen.

Mit ihrem kurzen „jo“ macht Hilde nämlich den Weg frei, dass sich ein kleiner Traum erfüllt. Wir bekommen spontan einen Platz in der ersten Reihe. Fast direkt am Meer. Ohne Anmeldung, spontan und auf gut Glück.

Genau so hatten wir uns das tatsächlich vorgestellt, als wir Walter in unser kleines Rudel aufgenommen haben. Walter das Wohnmobil.

In so einem Rudel braucht ja jeder seine feste Aufgabe.

Karls Aufgabe ist es, niedlich zu sein. Das meistert er mit Bravour! O.k., aufpassen soll er auch. Kriegt er auch hin. Wir suchen schon nach neuen Aufgaben für ihn, aber so recht ist mir noch nichts eingefallen.

Die geliebte Hausbesetzerin hat sehr vielfältige Aufgaben, z.B. den Alten auf Trab halten. Dies und alles andere meistert auch Sie mit bemerkenswerter Perfektion.

Die kleine Prinzessin entwickelt sich immer mehr zu einer wahren Meisterin der Aufgabenvermeidung. Also ebenfalls check!

Ich bekomme die restlichen Aufgaben, die noch übrig sind. Es ist genau wie beim Essen – alle Reste auf den Tellern zu mir. Kann ich super, alles aufessen!

Und Walter? Walters Aufgabe ist es, uns überall hinzufahren und uns dort dann zu beherbergen.

Hinter dieser scheinbar klaren und einfachen Aufgabe steckt allerdings viel mehr – das weiß Walter aber nicht, glauben wir zumindest.

Denn Walter holt uns runter vom Sofa, im übertragenen Sinne.

Der ein oder andere hat es hier vielleicht schon bemerkt: in den letzten Monaten ist außer Pandemie nicht viel passiert. Die immer gleichen Leute gehen am blauen Zaun vorbei. Das Leben im Dorf ist unverändert schön, aber irgendwie auch vorhersehbar. Zumindest in letzter Zeit, ohne Ausnahmeerscheinungen wie Schützenfest, große Geburtstagsfeiern, Weinfest oder sonstige Aufreger. Jeder sitzt auf seinem Sofa und wartet mehr oder weniger ab, dass die Pandemie vorbei ist.

Natürlich gab es auch in dieser Zeit vor und hinter dem blauen Zaun die üblichen Aufreger. Die Säue, die durchs Dorf getrieben werden, laufen auch am blauen Zaun vorbei. Darüber werde ich auch noch berichten, wenn die Zeit reif ist. Versprochen.

Und trotzdem wollten wir unsere Komfortzone mal wieder verlassen. Raus in die Welt und andere Säu … ähm Geschichten erleben. Und da kommt Walter ins Spiel.

Wir wollen frischen Seewind um die Nase, andere Sprachen und Dialekte hören, Menschen kennenlernen, Einsamkeit aushalten, uns auf das Wesentliche reduzieren.

Und so tauschen wir nun gelegentlich 190qm geschichtsträchtige Mauern gegen 19qm ungewisse Sehnsucht.

Und diese Sehnsucht schauen wir uns zusammen mit Walter dann vom Sofa aus an. Denn runter vom Sofa heißt ja nicht, dass wir es nicht bequem mögen, so rein körperlich.

Dank Hilde sitzen wir nun also hoch im Norden wieder auf einem Sofa und freuen uns darüber, dass der Kanister Weißwein doch in den kleinen Kühlschrank passt. Und wenn wir den Hals recken, sehen wir das Meer. Das mit dem Hals recken sind wir ja gewohnt, anders sieht man zu Hause ja auch nicht, was die Nachbarn so treiben.

Hier interessiert es übrigens niemanden, was wir so treiben. Wohnmobilisten haben die angenehme Eigenschaft, jeden neuen Nachbarn freundlich zu grüßen und ab dem Moment wohlwollend neutral zu ignorieren. Das heißt nicht, dass wir niemanden kennenlernen. Ganz im Gegenteil. Aber es bleibt wertfrei, ob und was und wie ich bin.

Heute morgen, als es Hun…. und Katzen geregnet hat, hielt mir die Frau auf dem Nachbarstellplatz einen Regenschirm hin. „ich weiß ja nicht, ob ihr schon voll ausgestattet seid.“ Nein, sind wir natürlich noch nicht. Daher: vielen Dank!

Außer das Sofa natürlich. Das haben wir den schon erfahrenen Globetrottern voraus und ich bin mir sicher, das eine oder andere anerkennende Lächeln, welches wir damit hier geerntet haben, löst direkt eine Bestellung bei „Camping Wagner“ aus.

Nach dem Abendessen wird Vati hier üblicherweise zum Abwaschen geschickt. Mit der multifunktionalen Kunststoff-Silikon-Klappkiste trottet er zum Waschplatz, um die Spaghetti- oder Raviolireste seines Rudels von den Tellern zu spülen.

Wenigstens ein Klischee, welches wir (ich) nicht erfüllen.

Statt Klischees zu erfüllen oder zu spülen, wandern wir einen guten Kilometer am Strand entlang zu einer kleinen Holzhütte in nordisch anmutendem rot-weiß. Der selbstgebackene Kuchen hier soll ein absoluter Geheimtipp sein.

Ich kann gar nicht anders als diesen Wunsch so lange in verschiedenen Facetten zu äußern, bis die geliebte Hausbesetzerin endlich genervt aufgibt. Sie hat zwar immer noch keinen Appetit auf Kuchen, kommt aber mit.

Allein der Weg dorthin ist ein Traum! Ursprüngliche Ostseeküste mit tausenden Kieselsteinen in allen Formen, Größen und Farben. Dazu in den Wind geduckte Kiefern und ein fast kitschiger Blick auf die Küste Dänemarks. Der Maler dieses Arrangements hat nur vergessen, einen Leuchtturm auf die Landzunge zu setzen – ansonsten ist es perfekt.

Ebenso perfekt ist übrigens der Kuchen, ich kann mich nicht entscheiden zwischen Erdbeer-Frischkäse-Sahne oder Rhabarber – Baiser. Und da das Camper-Leben ja ohnehin schon so entbehrungsreich und karg ist, nehme ich einfach beide.

Meine zunehmende Wampe vergesse ich ganz schnell beim Ausblick auf die Weite der Ostsee. Wie sehr Wind, Wellen, Sonne und Weite den Kopf frei machen, brauche ich Euch gar nicht erzählen. Ich kann es nur empfehlen.

Ort:                       Langballig
Stellplatz:            Campingplatz Langballigau

Charakter:          klar, einfach, sehr gepflegt
                              absolut ruhig, ohne Schnick-Schnack
                              Wohnmobile + Wohnwagen
                              großzügige Plätze

Sanitär:                sehr gut
Kosten:                günstig
Lage:                    70m zum Strand

Infrastruktur:     zu Fuß erreichbar:
                              sehr schöner, kleiner Hafen, Mini-Markt, 3 Restaurants, Imbiss, Kiosk,
Eisdiele, Spielplatz und Outdoor-Fitness am Strand, bewachter Strand

Fahrrad:              unbedingt mitnehmen und nutzen

auf dem Platz:   Strom, Wasser, Ver- und Entsorgung, Sanitär

Empfehlung:       8 von 10 *