Runter vom Sofa (13): „alles Kacke“

„haben Sie gerade bei meiner Frau angerufen?“

„hmm, nein. Das wäre ungünstig, ich habe nämlich meine eigene dabei.“

Kurzes Schweigen, dann Gelächter.

„Oder ist es besser Ihre Frau anzurufen, wenn wir hier bleiben wollen? Ansonsten hatte ich bereits online reserviert“

„Oh nein, online ist viel besser, als meine Frau anzurufen. Herzlich willkommen am Lönern, schön dass Sie da sind!“

Als wir vor genau 1,5 Std. losgefahren sind, habe ich vorsichtshalber bei der Lönern-Tourism auf der website nachgeschaut. Und tatsächlich: man konnte den von uns favorisierten Platz am Lönern-See online reservieren. Von 5 vorhandenen Plätzen war noch genau 1 frei.

Als wir genau 1,5 Std. später ankommen, traue ich meinen Augen nicht: wir sind allein. Zumindest für etwas mehr als 10 min, dann kam nämlich der fröhliche Schwede, dessen Frau ich nicht angerufen hatte, um uns zu begrüßen.

Er erzählt uns noch kurz, dass wir jederzeit ein Boot bei ihm mieten können und ich sollte unbedingt die Angelkarte – am besten online – kaufen, der Lönern-See ist berühmt für seine zahlreichen, großen Hechte und Zander. Dann setzt er sich in seinen Pickup und fährt winkend davon.

Plötzlich ist es still. Die Sonne scheint, wir stehen am Ufer eines traumhaften Sees, es ist kurz nach 16:00 und ich habe nicht vor, Walter auch nur noch 1 Meter zu bewegen. Außer vielleicht, um auf die Rampen zu fahren, das sichere Zeichen dafür, dass wir länger bleiben.

Wir brauchen einen Moment, bis wir mit Umarmen, uns-freuen, ungläubig-staunen und Freudentänze-aufführen fertig sind und dann geht es los.

Das ganze Glamping-Equipment kommt zum Einsatz: ich baue Tisch und Stühle auf, die Markise wird ein Stück ausgerollt, der Grill vorsorglich aufgestellt, Karl bekommt seinen Platz und zu guter Letzt: DAS Sofa. Ich pumpe das Sofa so euphorisch auf, dass ich Muskelkater im Allerwertesten haben werde. Aber es ist mir egal. Wer weiß, wie lange diese Glückssträhne anhält. Ich will JETZT Urlaub, Schweden, Spontanerholung, ….. alles. Und zwar JETZT.

Und so kommt es, dass wir 20min später auf dem Sofa in der Sonne sitzen. Mit einem Becher herrlich kühlen Weißwein in der Hand. Wine-Time!

An diesem Tag passiert das ganz Besondere: nämlich nix. Wir genießen die Ruhe, die Sonne und sind unendlich froh, einen Platz gefunden zu haben, der unser beider Vorstellungen von „Schweden“ entspricht.

Für mich ein Platz direkt am See, also wirklich direkt und unmittelbar am Ufer. Wenn ich beim Aussteigen stolpern würde, hätte ich nasse Füße. Es gibt einen Zugang, um Schwimmen zu gehen, es gibt einen traumhaften Blick über den gesamten See, etwa 50m hinter uns ein ursprünglicher Wald und vor allem: Ruhe. Absolute Stille.

Für die geliebte Reiseleitung gibt es eine offene Lichtung, wir stehen nicht direkt im Wald, sondern auf einer etwa 100 x 200m großen Wiese. Es gibt einige, wenige Anzeichen von Zivilisation. Der Wald im Hintergrund ist weit genug entfernt, nicht endlos groß und nicht allzu dunkel.

Die Anzeichen der Zivilisation sind übrigens ein Steg mit drei kleinen Booten daran, zwei schön hergerichtete Feuerstellen, eine Tafel mit den wichtigsten Angelregeln am Lönern-See – und ein traditionelles Plumpsklo.

Als wollte Schweden sich mit uns versöhnen, erleben wir einen perfekten, ruhigen Abend. Und er ist auch wieder mit dabei – der dramatische Postkartensonnenuntergang.

Nur um sicherzugehen, dass niemand heimlich diese perfekte Kulisse abgebaut hat, stehe ich am nächsten Morgen sehr früh auf. Karl findet’s super, ich auch. Denn es ist alles noch da: der See liegt spiegelglatt wie aus Quecksilber gegossen vor mir. Leichter Nebel steigt auf und zieht in großen Schwaden dramatisch über den Schilfgürtel ab. Das Sonnenlicht kämpft sich mit feuerroten Strahlen durch die Bäume am gegenüberliegenden Ufer. Es ist herrlich, ich fühle mich so frei und wohl wie schon lange nicht mehr. Eine Weile sitze ich einfach auf dem Steg, denke über nichts nach und genieße den Moment.

Karl denkt zwar auch nicht viel nach, findet’s aber doof, wenn ich dasselbe tue. Also hibbelt er rum, springt von links nach rechts, stößt mich an und gibt mir zu verstehen „Alter, mir ist laaaaangweilig“

Weil ich heute morgen so gut gelaunt bin, gebe ich nach und mache eine große Wanderung durch den Wald mit ihm. Vielleicht, ja ganz bestimmt, also ich spüre es genau …. muss doch heute endlich mal ein Elch zu sehen sein.

Ich scanne die Umgebung wie mit einem Laser, auf die Ferne kann ich ja immer noch sehen wie ein Luchs. Der Wald unmittelbar hinter unserem Stellplatz ist ursprünglich und dicht, aber nicht undurchdringbar. Dahinter eröffnet sich eine große Lichtung, gefolgt von einem weiteren, diesmal dichten und fast undurchdringbaren Wald.

Aber so sehr ich auch suche und schaue, jeden Schatten und jede Wurzel genau beobachte – nichts. Es drängt sich der Gedanke auf, dass diese Elche nur ein Marketinggag der Schweden-Tourism sind, um neugierige Dorfkinder wie mich anzulocken.

Na gut, dann esse ich mich eben an Blaubeeren satt. Die wachsen hier tatsächlich wie Unkraut und während ich pflücke und esse, blau-rote Finger bekomme und mich über skurrile Wurzelgebilde, moosbedeckte Steine, fast 2m hohe Ameisenhaufen und im Morgentau glänzende Pilze freue, sehe ich am Boden eine Ansammlung übergroße Eicheln. Das ist ja sonderbar, denke ich. Hier stehen doch nur Nadelbäume und Birken. Woher kommen dann die Eicheln? Außerdem sind sie mehr als doppelt so groß wie die Eicheln, die ich kenne.

Vielleicht muss ich demnächst doch mal zum Optiker!

Da ich meine Lesebrille gerade nicht dabeihabe, stehe ich auf und betrachte die Ansammlung von oben. Ahhhh …. von wegen Eicheln. Das war doch ein Elch nach dem Frühstück. „Wie sieht eigentlich Elchkacke aus?“ frage ich zuerst mich selbst und später die verschlafene Reiseleitung. Keine Ahnung – aber ich werde es herausfinden.

Der Marsch durch den Wald hat Karl müde und mich glücklich gemacht. Um den Tag endgültig perfekt zu machen, springe ich in den See und danach gibt es Frühstück.

Zugegeben, es ist ein karges Frühstück. Auch wenn wir reichlich Vorräte geladen hatten, wir essen eben auch gerne. Und so beschließen wir gleich zwei Dinge:

Erstens: wir bleiben hier
Zweitens: lass uns Einkaufen fahren

Also rufe ich ein zweites Mal nicht bei der Frau des Schweden an, sondern reserviere den Platz für zwei weitere Tage online und buche uns bei der Gelegenheit für den nächsten Tag ein Boot.

Der Mann der Frau, die ich nicht angerufen habe, kommt etwa eine Stunde später und geht seinen Diensten nach. Die bestehen offensichtlich darin, uns fröhlich zu winken, bei den Booten nach dem rechten zu schauen, und sich um das Plumpsklo zu kümmern.

Kümmern heißt in diesem Fall, dass er mit seinem Quad, mit dem er diesmal gekommen ist, rückwärts an die Holzhütte fährt. Eine ganze Weile später hängt eine übergroße Plastikwanne mit einem Seil am Haken seines Quads und er zieht sie wie einen Schlitten die steile Abfahrt hinauf und biegt links Richtung Wald ab. Eine weitere Weile später kommt er zurück, die Wanne frisch gespült hinterher.

Später macht er noch einen Stop bei uns, plaudert fröhlich, fragt wie es uns geht und verspricht mir, den Schlüssel für das Boot rechtzeitig vorbeizubringen.

Die letzten Tage haben uns vorsichtig werden lassen. Also arrangieren wir den Tisch und die Stühle so, dass sie stehen bleiben können. Vorsichtshalber schreiben wir noch einen großen Zettel und kleben ihn darauf. Das Sofa, der Grill und die Auffahrrampen bleiben ebenfalls stehen. Egal, wer hier kommt: die Szenerie schreit geradezu: BESETZT

Und so fahren wir gegen Mittag fröhlich los. Walter hat um eine Ver- und Entsorgung gebeten, die wir in etwa 30min Fahrzeit auf einem Campingplatz ausfindig gemacht haben. Auf dem Weg gibt es einen großen Supermarkt, hier wollen wir uns versorgen.

Auf der Fahrt durch den Wald fällt es mir wieder ein. Und da ich ja gerade Walter dirigiere und die geliebte Platzbesetzerin sowieso nichts Besseres zu tun hat, frage ich sie: „kannst du mal googeln, wie Elchkacke aussieht?“

Das darauffolgende Schweigen ist kurz, aber eindrucksvoll. „das kannst Du gefälligst selbst machen, sowas will ich nicht auf meinem Handy haben“

Autor: Björn Pamperin (die-platzbesetzer.de)

Pirat, Autor, Freigeist, Chaot, Monk, kreativer Kopf, Wildfang .... stimmt alles gar nicht und irgendwie doch. Was ich am wenigsten mag, sind Schubladen. Dafür mag ich um so mehr Freiheit, Neugierde, Sonne, das Meer, meine Prinzessin, meine Kinder, das Unbekannte und gutes Essen. Kommt mit auf unsere Reise. Hier wird es bunt und launig, manchmal schräg und launisch. In jedem Fall aber echt und ehrlich. w www.die-platzbesetzer.de und die wohnen hier ww.dashausmitdemblauenzaun.de

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