Ich freue mich, wenn es regnet …

… denn wenn ich mich nicht freue, regnet es trotzdem.

Es gibt unendlich viele Gründe, schlechte Laune zu haben: Das Wetter, der eigene Kontostand, der böse Nachbar, die nicht enden wollenden Corona-Einschränkungen, der nervige Job ….

ABER: die schlechte Laune macht diese Dinge auch nicht besser, ganz im Gegenteil.

Deshalb halten wir für Euch heute ein Plädoyer für die Hoffnung und eine gute Grundstimmung.

Wichtige Anmerkung:
Selbstverständlich gibt es Lebensumstände, auf die der folgende Text nicht zutrifft. Schwere Krankheiten, Not, der Verlust von Angehörigen oder andere persönliche Situationen können dazu führen, dass der folgende Text unangemessen wirkt. Solche Umstände sind mit dem folgenden Text ausdrücklich NICHT gemeint.

Der folgende Text ist die persönliche Meinung des Autors und lediglich als Denkanstoß gemeint.

Jeder kennt diese Menschen: egal was passiert, sie lächeln, haben gute Laune und sehen in jeder beschissenen Situation auch noch das Positive. Wie machen die das?

Zunächst einmal: auch diese Menschen sind mal traurig, verzweifelt oder schlecht gelaunt. Aber viel seltener. Und wenn, dann eher still. Sie tragen ihre Sorgen nicht zu Markte. Und das ist ein guter Anfang: denn je mehr man über große und kleine Missstände spricht, desto größer und mächtiger erscheinen sie. Deshalb

Tipp 1:
Sprich nicht dauernd darüber, was gerade nicht gut läuft oder Dich stört. Besprich Deine Sorgen regelmäßig (aber nicht jeden Tag) mit wenigen, engen Vertrauten.

Ist es nicht total schön und angenehm, wenn man mit einem Lächeln durchs Leben geht?! Wir alle lieben dieses Gefühl. Die gute Nachricht ist: Gute Laune kann man sich selbst verordnen.

Die meisten von uns achten darauf, dass wir uns morgens die Zähne putzen, etwas ordentliches anziehen, das Bett gemacht ist und ab und zu räumen wir sogar die Wohnung auf. Macht uns das Spaß? Nö! Und trotzdem machen wir es – weil es ja sein muss. Wir sind mehr oder weniger diszipliniert.

Wie wäre es, wenn wir auch mit unserer Stimmung ein wenig diszipliniert sind? Auch wenn es manchmal schwerfällt: lass uns beschliessen, dass wir gute Laune haben und machen es dann einfach. So wie wir die Spülmaschine ausräumen, obwohl wir dazu gerade gar keine Lust haben.

Tipp 2:
Gehirnforscher haben herausgefunden, wie man sein Gehirn bei schlechter Laune überlisten kann: durch Grinsen bzw. bewusstes Lächeln. Such Dir für 90sek. einen Ort, an dem Dich niemand sehen kann und grinse. So richtig breit, über das ganze Gesicht. Die Muskeln, die Du dafür brauchst, senden dem (schlechtgelaunten) Gehirn die Botschaft: „ich freue mich“ und überlisten es dadurch. Probier es aus, nach mind. 90sek grinsen wird sich Deine Stimmung langsam verbessern. Wirklich!

Ob Zeitung, Fernsehen oder online: die Nachrichten sind voll von Problemen, Skandalen oder sogar Katastrophen. Klar – schlechte Nachrichten und Aufreger erhöhen die Auflage und verkaufen sich besser. Aber das musst Du nicht mitmachen. Niemand zwingt Dich, jede Nachrichtensendung zu schauen oder jeden Artikel zu lesen.

Dasselbe gilt auch für die sozialen Medien. Du musst nicht jeden geteilten Link lesen oder kommentieren, Du musst auch nicht alle Kommentare lesen. Es tut gut, Nachrichten auf das Wichtigste zu reduzieren und nicht jede Diskussion mitzumachen.

Dadurch sparst Du sogar Zeit. Diese Zeit könntest Du nutzen für Dinge, die wirklich gute Laune machen und Hoffnung geben.

Und ganz ehrlich: durch die Corona-Einschränkungen haben wir doch gerade viel Zeit, oder?!:

  • Raus in die Natur

Spaziergänge in der Natur mit einem wachen Blick. Schau dir die Entwicklung an. Achte auf Tiere und Pflanzen – jeden Tag die gleichen. Dann wirst du die Veränderung oder auch die Beständigkeit wahrnehmen. Zudem steigert Zeit an der frischen Luft das Wohlbefinden. Vielleicht triffst du sogar ein paar nette fremde Personen, mit denen du auch auf Abstand in ein spannendes Gespräch kommst.

  • Eine aufmerksamere Gesellschaft

Soll ich meinen alten Nachbarn etwas vom Markt mitbringen? Fege ich für meine Nachbarn den Bürgersteig mit? Geht es meinen Freunden gerade gut? Was macht eigentlich meine Oma so ganz allein? Sollte ich ihr ein Paket zur Freude senden? Viele beantworten diese Fragen jetzt ohne Zucken und gehen aufmerksamer mit der Freundschaft, Familie und Nachbarschaft um. Nutze auch Du die Zeit, anderen etwas Gutes zu tun. Damit tust Du Dir selbst ebenso etwas Gutes.

  • Kreative Stunden genießen

Wir haben wieder die Zeit einem Hobby nachzugehen – Malen, Basteln, Handwerkeln, Gesellschaftsspiele, Garten, Tiere, Fahrzeuge, Kochen, Backen… was auch immer. Die Menschen werden wieder kreativ.

  • Dinge erledigen

Es macht nachweislich zufrieden, wenn Du Dinge erledigst.
was wolltest Du schon lange mal machen? Welche Projekte warten darauf, endlich umgesetzt zu werden? Schreibe sie auf eine Liste und fang an. Einfach machen. Du wirst sehen, wie gut es tut, Dinge auf der Liste abzuhaken.

Vielen Menschen fehlt in dieser Zeit die Hoffnung. Die Hoffnung darauf, dass die Einschränkungen bald vorbei sind, die Hoffnung, dass alles so wird „wie früher“, die Hoffnung auf …. Ja, worauf eigentlich?

Es gibt Grund zur Hoffnung – jeden Tag! Die Hoffnung kann ganz konkret sein oder auch allgemein und ohne konkretes Thema.

Es geht immer weiter, egal was passiert. Wir Menschen haben in der Geschichte schon soviele Dinge gemeistert. Zwei schlimme Kriege, die Pest, die spanische Grippe, Weltwirtschaftskrisen, Umweltkatastrophen. Das war alles schlimm, sehr schlimm sogar!

Und trotzdem: irgendwann wurde es besser, war es überstanden und hat zu dem guten Leben geführt, welches wir kannten.

So wird es auch diesmal sein. Es dauert manchmal länger und man braucht Geduld. Aber eins ist sicher: nichts bleibt für immer, egal wie schlimm es gerade ist.

Schau mal: in Rekordzeit wurde ein wirksamer Impfstoff gegen Corona entwickelt. So etwas dauert normalerweise viele, viele Jahre. Wir haben es in knapp 1 Jahr geschafft. Ja – es dauert nun etwas länger als gedacht, bis wir alle geimpft sind. Aber das Schaffen wir auch noch, mit etwas Geduld und Zuversicht.

Viele alte Gewohnheiten sind durch den Lockdown und die Schutzmaßnahmen nicht mehr möglich. Wir alle vermissen es, ins Restaurant zu gehen, Freunde zu umarmen, Konzerte zu besuchen und vieles mehr. Jeder hat seine ganz persönlichen, lieb gewonnenen Dinge, die es plötzlich nicht mehr gibt.

Aber wie wäre es, wenn Du einfach neue Gewohnheiten entwickelst? Die alten haben ja irgendwann auch einmal angefangen, bevor sie selbstverständlich wurden. Also: mach was Neues, lass es zur Gewohnheit werden und freue Dich darüber, dass Du die Möglichkeit dazu hast. Zum Beispiel der regelmäßige Spaziergang in der Natur, kochen für und mit der Familie, das neue Hobby, das regelmäßige Telefonat mit dem besten Freund oder der Oma, Bücher lesen und vieles mehr.

Wir finden, die neuen Gewohnheiten sind mindestens ebenso schön wie die alten!


Was Du noch alles tun kannst, um Hoffnung und gute Laune zu bekommen:

  • Lies ein gutes Buch.
  • Treibe Sport, bewege Dich mehr als sonst.
  • Lerne eine neue Sprache, irgendeine.
  • Denk über ein Problem nach und löse es
  • Viel mit Freunden oder Familie telefonieren. Besser noch: Gespräche mit den Nachbarn über den Gartenzaun oder von Balkon zu Balkon.
  • Räume auf –> Ausmisten und Ordnung befriedigen den inneren Monk in Dir. Verschenke das, was du selbst nicht mehr brauchst und jemand anderes freut sich darüber.
  • Male etwas. Auch wenn Du nicht malen kannst – male etwas. Du musst es ja niemandem zeigen, wenn Du nicht willst.
  • Schreibe einen Brief oder eine Postkarte an jemandem, dem Du noch nie geschrieben hast (jeder freut sich darüber).
  • Führe Tagebuch (richte hier den Blick auf: Was war heute gut? Wie war meine Stimmung? Was hat es mit mir gemacht?).
  • Schütze Dich vor Energiefressern: Manche Dinge geben einem nichts. Dann lass sie bleiben.
  • Nimm dir bewusst Zeit nur für Dich (ein langer Spaziergang allein, ein Vollbad, ein Zimmer für dich).
  • Baue etwas selbst, was du sonst kaufen würdest.
  • Repariere etwas, statt es wegzuschmeißen.
  • Mach ein Lager-Feuer.
  • Geh dein Blut spenden.
  • Suche Zitate zu deinen Stimmungen, halte sie in deinem Tagebuch fest.
  • Freue dich bewusst über das Glück von anderen.

Zitate:

“Es ist die Hoffnung, die den schiffbrüchigen Matrosen mitten im Meer veranlasst, mit seinen Armen zu rudern, obwohl kein Land in Sicht ist.” (Ovid)

“Solange ich atme, hoffe ich.” (Marcus Tullius Cicero)

“Bist du weise, so mischst du das eine mit dem anderen und wirst weder hoffen ohne zu zweifeln, noch verzweifeln ohne zu hoffen.” (Seneca)

Das römische Bad und der Astralkörper

Zugegeben, so richtig viel passiert hier ja gerade nicht. Wie die allermeisten anderen auch, verbringen wir die Tage und Abende zu Hause in der unerschütterlichen Hoffnung, damit unseren kleinen Beitrag zu leisten, dass dieses Virus irgendwann einfach keine Lust mehr auf uns alle hat.

Über die Hektoliter Rotwein und andere erheiternde Getränke, die wir hier so durchschleusen, können und wollen wir nicht öffentlich sprechen. Aber was ich mich tatsächlich frage: der gute Rum hat angeblich 8-10 Jahre gelagert, der Rotwein muss auch eine ganze Weile gefasst darauf warten, um uns zu gefallen. Wo kommt der ganze Stoff eigentlich her, der in den pandemiegeplagten Häusern und Wohnungen so versoffen wird? Wir können doch nicht die Einzigen sein, die plötzlich einen Hang zur Vieltrinkerei entwickeln?! Und jahrelang gelagerter Rum oder Wein lässt sich doch nicht beliebig vervielfältigen. Ist das Zeug etwa irgendwann mal alle? Oder anders gefragt: wenn es nach defacto 9 Monaten Lockdown immer noch genug davon zu kaufen gibt – was haben die Produzenten früher damit gemacht, als noch nicht so viel zu Hause gesoffen wurde?

Wie auch immer, das Bäuchlein wächst, der Frust gelegentlich auch und da heißt es charmant von der Seite: „tu was“

Ich mach ja immer so Listen. Erstens fühlt es sich gut und total Erwachsen an, todo-Listen zu schreiben. Zweitens bin ich einigermaßen vergesslich.

Also habe ich mir zu Beginn unseres Abenteuers hier im Haus diverse Listen angelegt. Natürlich wurden die Listen immer wieder verfeinert, verworfen, vergessen und neu sortiert. ABER: es gibt Listen.

Wisst Ihr was meine größte Erkenntnis aus diesen Listen ist?

Alles hängt mit allem zusammen.

Es ist eine Krux: wenn Du kein Licht in der Werkstatt hast, kannst Du nichts reparieren. Wenn Du nichts reparieren kannst, kommst Du nicht voran. Wenn Du nicht voran kommst, gibt’s erst Ironie, dann Spott und irgendwann ein Augenrollen. Ihr wisst schon – DIESES Augenrollen, das gefährliche.

Also: Licht in der Werkstatt habe ich inzwischen. Es ist gerade noch rechtzeitig zwischen Ironie und Spott fertig geworden. Zack – einen Punkt auf der Liste abgehakt. Listenpunkte abhaken fühlt sich übrigens an wie Geburtstag haben. Darauf kann man gerne auch mal mit der Hausbesetzerin anstoßen – wenn sie fertig gespottet hat. Noch gibt es ja genug Gute-Laune-Getränke zu kaufen.

In den letzten Wochen ganz unbemerkt in der Liste nach oben geschoben hat sich das Brennholz. So ein stolzer Kachelofen will auch gefüttert sein. Und die Liebste braucht es warm. Für diese beiden Besonderheiten war mein Holzvorrat nicht kalkuliert.

Gut abgelagertes, ofenfreundliches Brennholz ist zur Zeit ja wie Goldstaub. Alter Schwede, dafür kann man ja jeden Tag drei Flaschen …. aber lassen wir das.

Mein findiger Junior hat dann irgendwann eine vielversprechende Quelle aufgetan: 3 Jahre abgelagert, am Stamm, selbstabholen im Wald. Als ich den Preis gehört habe, wollte ich zur Feier des Tages die gute Flasche … naja, ihr wisst schon. Aber erst die Arbeit, dann das Vergnügen! Wer Listen schreibt, kann sich auch mal zusammenreißen.

Auf dem Weg zum Holz fühlen wir uns unschlagbar. Super Schnäppchen, Kettensäge dabei, Holzfällerhemd am Leib. So’n Männerding eben.

Als wir den Weg schließlich sehen, den das Holz gehen muss, fühlen wir uns nicht mehr ganz so heldenhaft. Holz geht nämlich nicht so gern allein, es lässt sich tragen. 500m quer durch den Wald, einen recht steilen Abhang hinauf. Jeden Stamm einzeln. Insgesamt 8 srm. Mein Handy verrät mir später, dass wir das Holz insgesamt 5 km geschleppt haben, über 87 Stockwerke. Wie sagte ein grinsender Spaziergänger, als er uns beobachtet: „Holz macht zweimal warm“. Du mich auch!

Als die erste von drei Touren endlich verladen ist, fällt uns ein, dass wir die Stämme ja auch wieder abladen müssen. Und irgendwo lagern. Zuversichtlich plane ich die rechte Seite des Scheune dafür ein. Zufrieden mit meiner Wahnsinns-Idee, das Holz trocken in der Scheune zu lagern, lehne ich mich zurück und warte darauf, dass meine Schulter aufhört beleidigt zu sein.

Wir haben uns fast ein wenig erholt, als wir auf den Hof rollen. Nach einem schnellen Kaffee beschließen wir, das Holz doch noch abzuladen.

Ein Stamm links, einer rechts auf die Schulter – übermütig stößt mein Junior die Tür zur Scheune auf. Da wo das Holz lagern soll.

„Hallo Norbert“

Ich habe heute noch gar nicht soviel gegessen, wie ich kotzen möchte.

Ja natürlich – Norbert macht inzwischen Sommerferien. In meiner Scheune. War ja so versprochen.

Und da ist sie wieder, die Erkenntnis: alles hängt mit allem zusammen.

Da, wo Norbert jetzt steht, soll das Holz hin. Da wo Norbert stehen sollte, wartet der Sperrmüll darauf, dass ich in der todo-Liste endlich bei Prio 6 ankomme….

Kurz und gut, wir lagern das Holz draußen, neben der Scheune.

Nach einer unruhigen Nacht schreite ich am nächsten Morgen zur Tat. Der geliehene Anhänger ist ja noch da, es liegt weniger als 10cm Neuschnee und so geht es nicht weiter. Ich schleppe alten, steif gefrorenen Teppichboden aus der Scheune, meterweise altes Holz, unnützen Kram und altes Zeugs – was sich seit dem Auszug der alten und Einzug der neuen Hausbesetzer eben so angesammelt hat. Insgesamt 470kg verrät mir der viel zu freundliche Herr am Recyclinghof später.

Und morgen sehen wir uns wieder. Denn wir haben noch etwas geerbt: dort, wo später einmal die Hühner leben sollen, lagert Marmor. Wenn ich Lust hätte, ein öffentliches, römisches Bad zu bauen – es würde dafür reichen. Etwa die Hälfte des Marmorschatzes konnte ich schon verschenken. Es wird also ein kleines Bad, liebe Nachbarn. Nur für etwa 100 Besucher. Aber das ist ja besser als nix, oder?

Apropos nix – nix da!

Der Marmor kommt weg. Und so schleppe ich mal wieder. Während es vor allem Oberschenkel und Schultern trainiert, wenn man Baumstämme den Berg hinaufschleppt, sind heute die Arme dran. Stimmt es eigentlich, dass Frauen auf soooooolche Oberarme stehen? Ich hätte da welche. Marmor sei Dank!

Und so ist es vollbracht: heute ging die letzte Fuhre den Weg aller Dinge. Und die Scheune ist leer. Wenn ich nicht Muskelkater in den Oberschenkeln hätte, ich würde einen Freudentanz aufführen. Ich habe stattdessen anders gefeiert – und zwei Punkte auf der todo-Liste gestrichen, die eigentlich noch gar nicht dran waren.

Und jetzt gehe ich baden und meinen Astralkörper salben. WER LACHT DA?!

Wo die Zeit stehen bleibt

„In einer Stunde können wir essen“ höre ich die vertraute Stimme aus der Ferne. Ein Blick auf die Uhr: viertel nach drei. Alles klar, das habe ich im Griff. Freude und Vorfreude huscht durch mein Gemüt. Freude, weil ich entgegen anderslautender Gerüchte in der Lage bin, auf die Zeit zu achten. Denke ich. Vorfreude, weil ich weiß, was es gleich zum Abendessen gibt.

Der Gedanke, dass zwischen viertel nach drei und Abendessen üblicherweise mehr als eine Stunde liegen, schafft es diesmal nicht durch die rosa Wolken aus Selbstüberschätzung und Appetit.

Ich werkel so vor mich hin, die innere Deadline auf vier Uhr gesetzt.

Nach einer Weile schaue ich routinemäßig auf die Uhr. Der Sekundenzeiger läuft, es ist viertel nach drei. „Ach, da hast Du ja noch Zeit. Lass mal was neues anfangen“ freue ich mich mit mir selbst. Ich bin umgeben von meinen besten Freunden, jeder an seinem Platz. Es ist still, nur der Wind pfeift ab und zu durch die Ritzen. Niemand sagt ein Wort, ich höre nur meinen eigenen Gedanken zu. Und die sind hier frei, an diesem magischen Ort. Seit kurzem gibt es sogar Licht, echtes Licht mit echten Schaltern. „Ich steh sogar manchmal nachts auf und hol mir welche schalte sie ein und aus! Aber leicht müssen sie gehen.“

Seit heute gibt es hier sogar zwei bequeme Sessel. Männerparadies.

Plötzlich geht die Tür auf. Ich denke an den Wind, der dies ab und zu schafft und drehe mich in Gedanken um, um sie wieder zu schließen. Unvermittelt schaue ich in bronzefarbene Augen, die vor Hohn und Spott nur so triefen „na Herr P., Zeit vergessen?“ höre ich eine ebenso belustigte wie spöttische Stimme.

„Nein, überhaupt nicht“ antworte ich triumphierend und drehe mich dabei schon zurück, um mit staatsmännischer Geste auf die Uhr zu zeigen. „es ist doch erst …„

Viertel nach drei.

„neunzeeeeeeehn Uhhhhhhrrrrr“ lacht es von draußen.

Mist, Batterie leer! Denke ich, nehme die Uhr herunter und die Batterie raus.

Mit vielen blumigen Worten versuche ich beim Essen, das Missgeschick zu erklären. Hätte ich mir sparen können, war aber lustig.

Mit einer frischen Batterie bewaffnet gehe ich am nächsten Tag federnden Schrittes zu meinem Kleinod. Ich lege die Batterie ein, prüfe den richtigen Sitz, klopfe zweimal ans Uhrengehäuse und drücke den Reset-Knopf. Wie auf Kommando fängt die Uhr an zu schnurren und zu laufen, stellt sich Dank Funktechnik auf viertel vor sechs und tut ihren Dienst. Bevor ich sie wieder an ihren Platz unübersehbar in der Mitte der Wand hänge, gibt es natürlich einen Uhrenvergleich. Check – iPhone und Paradiesuhr laufen synchron.

Also frisch und frei ans Werk. Immerhin habe ich ja noch einiges zu erledigen.

Ab und zu huscht mein Blick zu den Zeigern. Alles perfekt, die Uhr läuft.

Als ich keine Lust mehr habe und beschließe, für heute zu gehen, schaue ich nochmals auf die Uhr. Hmm, viertel nach sechs. „Das KANN nicht stimmen“ denke ich so bei mir und tatsächlich. Es ist geschmeidige drei Stunden später. Wie das so ist, wenn man sich in Projekten mit guten Freunden verliert.

Ich zucke mit den Schultern, nehme die Uhr von der Wand und schmeiße sie weg. Ist ja auch schon uralt das gute Stück, Zeit für den Ruhestand.

Am Abend grübele ich noch ein wenig darüber nach, woher ich denn nun eine neue Wanduhr bekomme. Aber schnell sind andere Dinge viel wichtiger und schöner.

Drei, vier Tage später – die Uhr ist längst vergessen – gehe ich mal wieder meine Freunde besuchen und die Ruhe genießen. Dabei fällt mein Blick auf den leeren Platz an der Wand und eine Erinnerung huscht mir durch den Kopf. Nebenan, bei den Fahrrädern. Da hängt doch auch eine Uhr. Und niemand braucht sie dort. Gedacht, getan. Die Uhr hängt noch dort, läuft und zeigt die richtige Zeit.

„na das war jetzt einfach“ freue ich mich. Die Uhr wechselt den Platz, ich auch und lasse mich zufrieden in den Sessel fallen. Ich bin umgeben von meinen besten Freunden, jeder an seinem Platz. Es ist still, nur der Wind pfeift ab und zu durch die Ritzen. Niemand sagt ein Wort, ich höre nur meinen eigenen Gedanken zu. Und die sind hier frei, an diesem magischen Ort. Seit kurzem gibt es sogar Licht, echtes Licht … naja, das hatten wir alles schon. Aber es fühlt sich wahnsinnig männlich an, sein Leben so im Griff zu haben.

Die Tage vergehen und es passiert dies und das. Also eher nix in dieser Zeit. Irgendwann brauche ich dringend einen meiner Freunde und gehe ihn holen. Dabei fällt mein Blick auf die (neue) Uhr: viertel nach elf. DAS wiederum stimmt aber nicht, denn draußen ist es schon dunkel. Und nein, auch nicht mitten in der Nacht. Sondern einfach halb fünf.

Freunde sollte man nicht vernachlässigen, aber das wurmt mich jetzt doch. Ich laufe zurück, hole eine frische Batterie und denke kurz daran, wieviel Zufälle es eigentlich geben kann. Zwei leere Batterien, kurz nacheinander. Naja, es ist wie es ist. Ich tue das übliche: klopfen, reseten, prüfen. Alles klar.

Inzwischen habe ich vergessen, was ich eigentlich hier wollte und widme mich irgendetwas anderem. Einige Zeit später: ich höre Stimmen von draußen, die sich nähern. Bevor ich hier „erwischt“ werde, gehe ich vor die Tür. Keine Gefahr, nur mit der Ruhe ist es aus. Eine gute Freundin des Hauses und die Hausbesetzerin selbst kommen mich besuchen. Wie schön!

Wir plaudern, ich zeige stolz mein Paradies und irgendwann wird es für die Freundin Zeit zu gehen. Sie schaut noch kurz auf die Uhr an der Wand und … „ach, es ist ja erst viertel nach elf. Dann habe ich ja noch Zeit“ sagt sie ohne den geringsten Versuch, ihren lästerhaften Unterton zu verbergen. Dreht sich um und geht, um mit Ihrem Mann zu Abend zu essen.

Ich bleibe alleine zurück, aus der Ferne höre ich das Lachen der geliebten Hausbesetzerin. Ich schaue mich um. Alle meine Freunde sind da, es ist schön hier.

„ach, was schert uns die Uhr?“ sage ich zur Bohrmaschine, „Hauptsache, ich fühle mich wohl in meiner Werkstatt!“

Da darf auch gerne mal die Zeit stehen bleiben.

1, 2 … Panic

„auf drei fangen wir an!“

„o.k.!“

„eins, zwei, …. vier“

Es gibt sehr wenige Momente, in denen selbst Controletti das natürliche Gefühl für Zahlen abhandenkommt. Vollständig.

Neulich war es wieder soweit. Wir haben so getan, als hätten wir den Fehler im Zählsystem nicht bemerkt und blieben ganz entspannt sitzen. Entspannt waren wir freilich nur nach außen – innerlich hatten wir Panik. Oder besser: Panic. Denn es war mal wieder Zeit für Panic-Cleaning.

Es ist eigentlich ein sehr effektives Prinzip: sauber gemacht wird immer dann, wenn Besuch kommt. Meistens vorher, ganz selten hinterher.

Üblicherweise bekommen wir ausreichend oft Besuch, so dass es nie wirklich schlimm wird.

Dabei gibt es verschiedene Abstufungen:

Kategorie 1 ist die unmittelbare Familie, eigen Fleisch und Blut und so

Hier bleibst Du vorher völlig entspannt, das große Reinschiffmachen kommt als Belohnung hinterher. Ihr wisst schon, Gummibärchen an der Unterseite des Tisches, Konfetti im Bad, Nagellack auf dem Sofa und Knutschflecke am Spiegel. Im Prinzip versuchst Du nur, den Tatort zu reinigen und den Ursprungszustand wiederherzustellen. Nervig – aber ohne Blutdruck.

Kategorie 2 sind enge Freunde, die sich anfühlen wie Familie.  

Hier hilft es, sich daran zu erinnern, dass sie Dich besuchen kommen, nicht Deine Wohnung. Sie wissen sowieso, wie ordentlich oder schlampig Du wirklich bist. Da brauchst Du auch kein Theater mehr spielen und es reicht völlig, ausreichend saubere Gläser bereit zu halten. Aber selbst die würden sie im Zweifelsfall noch selbst mitbringen.

Gute und sehr Freunde finden sich in Kategorie 3

Es ist Dir immerhin noch wichtig, dass keine Hinweise auf die Leidenschaft der letzten Nacht mehr rumliegen, es unter den Füßen nicht knirscht und die Handtücher im Bad sind meistens auch frisch. Aber im Großen und Ganzen lebst Du noch davon, dass der letzte Besuch aus Kategorie 4, 5 oder 9 noch nicht allzu lange her ist.

Bekannte tragen das Abzeichen der Kategorie 4

Wer vorausschauend lebt, plant einmal im Monat einen solchen Besuch ein. Denn irgendwie ist es schön zu wissen, dass der Staubsauger noch funktioniert und Du dich daran erinnerst, wo im Keller die Putzmittel eigentlich stehen. Alle Flächen in unmittelbarer Sichtweite bekommen ihre verdiente Pflege, wenn kein Besuch aus Kategorie 2 dazwischen kommt, bist Du in ein bis zwei Stunden durch. Musst Du auch, brauchst ja noch Zeit, den Kuchen zu backen.

In der höchsten Kategorie 5 versammeln sich Menschen, die Du eigentlich nicht kennst….

… zumindest nicht gut. Damit das so bleibt und sie Dein wahres ich nicht sofort nach dem Überreichen der Gastgeschenk-Orchidee kennenlernen, legst Du Dich richtig ins Zeug. Da wird nach dem Staubsaugen schon mal gewischt, die Bar wird nach Flaschengröße und Füllstand sortiert und im Bücherregal landet der Philosoph vorne, während der Groschenroman ganz hinten oder im Altpapier landet. Kerzenständer werden kurz aufpoliert, das Kaminholz nach Länge ausgerichtet und wenn Du einen Hund hast, bekommt er ein neues Körbchen. Während des Besuches fällt Dir das Bild auf, welches seit 3 Monaten nicht an der Wand hängt, sondern immer noch auf dem Boden davor lehnt. Die Glühlampe über dem Esstisch willst Du auch seit 6 Wochen tauschen und die letzten zwei Umzugskartons in deinem Büro waren doch gestern noch nicht da… aber egal, immerhin kannst Du den bisher fast unbekannten Besuchern erzählen, wieviel Projekte Du im Haus noch hast und wie wahnsinnig knapp Deine Zeit ist. Wenn es gut läuft, schauen Sie sich wohlwollend um, nicken bedächtig und sagen Sätze wie „dafür sieht es bei Ihnen aber schon sehr wohnlich aus“. Wenn sie nichts sagen, heißt es aber nicht zwangsläufig, dass sie Dich stumm kritisieren. Sie erfassen die Dimension Deiner zeitlichen Auslastung nur noch nicht.

Eigentlich wäre die Aufzählung hier zu Ende und Du könntest Dir einen Platz suchen, an dem die mitgebrachte Orchidee still vertrocknen könnte. Denn es kommt auf lange Sicht nichts mehr.

Außer Kategorie 9: die Schwiegermutter.

„auf drei fangen wir an!“

„o.k.!“

„eins, zwei, …. vier“

Wer läuft denn schon gerne Marathon? Ehrlich! Auf drei fängst Du an, Dein ganzes Haus auf links zu ziehen. Da wird nicht nur gewischt, Du suchst im Budni nach dem besten Bohnerwachs. Du bist kurz davor, die Bettwäsche für das Gästezimmer zu bügeln. Machst Du dann doch nicht, weil Du keine Zeit mehr hast. Denn eigentlich müsstest Du für diese Halbrenovierung 3 Tage vorher anfangen. Kannst Du aber nicht machen, weil Du nicht drei Tage lang auf Duschen, Essen und Atmen verzichten kannst. Also fängst Du 12 Stunden vorher an. Panic-Cleaning eben. Wenn Du es nicht im letzten Jahr schon gemacht hättest, würdest Du sogar die Sillekanten an der Dusche erneuern.

Und wofür das alles? Nur damit Mutti nach 2 Tagen nicht fragt, ob sie das Bad mal putzen soll. Wir hätten ja soviel anderes zu tun.

In zwei Wochen ist Weihnachten. Die gute Nachricht ist: den Rest des Jahres brauchen wir dann nicht mehr putzen.

„Essen, Trinken und ein bisschen Amüsement“

Mit Lebensweisheiten ist das ja so eine Sache. Viel zu oft klingen sie einfach abgedroschen und wie aus einem anderen Jahrhundert. Dann hörst Du so Sätze wie „wenn ein Drachen steigen will, muss er gegen den Wind fliegen“ oder – einer meiner Lieblingsphrasen – „es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung“. Ganz besonders schön ist auch: „andere Mütter haben auch schöne Töchter“

Eine unserer Omas erfreute alle Enkel immer mit dem Spruch „iss mal tüchtig, dann frierst Du im Winter auch nicht“

Wann immer ich mich damals mit dem Fahrrad geledert oder das Schnitzmesser mal wieder ins Bein gerammt habe, freute ich mich ganz besonders über „bis Du heiratest, ist alles wieder gut“. Nun ja liebe Oma – bis zu welcher denn eigentlich…? Egal, das konnte sie damals ja noch nicht wissen. Und irgendwie gehört das hier auch nicht hin.

Jedenfalls, wenn Du auf dem Land lebst, sind sie plötzlich wieder da – die Lebens- und Binsenweisheiten. Die meisten überhörst Du im täglichen Rauschen des Alltags. Aber einige sind so besonders, dass Du Dich daran erinnerst. Immer wieder.

Uns ehemaligen Großstädtern kann alles ja immer nicht schnell genug gehen. Wir optimieren unsere Wege, um möglichst viel mit einem zu erledigen. Wir werden nervös, wenn an der Kasse vor uns noch kurz geplaudert wird. Und wenn wir schon mal da sind, könnten wir bei der Gelegenheit ja auch gleich noch dies und jenes erledigen. Der ewige Versuch, zeitoptimiert zu leben, kann auf dem Dorf ganz schön nervig sein. Warum? Weil einfach niemand mitmacht. Und ganz ehrlich – ich habe keine Ahnung, wo meine ganze „ich-erledige-alles-auf-einmal“ eingesparte Zeit eigentlich geblieben ist. Ich habe sie jedenfalls nicht.

Und dann hast Du einen Termin beim Amt. Ja genau, inneres Augenrollen, zeitoptimiert in den restlichen Tag eingebunden und zack-zack. Da sitzen wir also, füllen Formulare aus, unterschreiben dies und das. Muss natürlich alles geprüft und eingetragen werden. Und während die Amtsdame ihren Amtsgeschäften nachgeht, sitzen wir so da. Das kam in meiner zeitoptimierten Tagesplanung leider nicht vor. Also fange ich schon mal an, sie nach dem nächsten Thema zu fragen. Muss ja auch vorangehen.

Den kurzen Blick über die randlose Brille bemerke ich erst gar nicht. „wir machen das hier wie beim Klöße essen – eins nach dem anderen“.

Zack, das hat gesessen. Ein paar Worte, und Du bist angekommen. Im hier und jetzt, auf dem Dorf, mit all seinen Lebensweisheiten. Und was soll ich sagen? Es fühlt sich gut an. Schlagartig hatte ich ein Lächeln im Gesicht, keinen Zeitdruck mehr und eine neue Freundin.    

Überhaupt: der Besuch beim Amt ist ja sonst eher wie Nägel schneiden. Notwendig, aber lästig. Hier ist es ein absolutes Highlight. Ganz ehrlich, ich wünschte, ich hätte mehr Dinge auf dem Einwohnermeldeamt zu erledigen.

Hatte ich neulich auch, Pandemiebedingt telefonisch. Und bevor wir zu den Amtsgeschäften kamen, fragt mich meine neue Freundin, wie es denn so geht. Mit dem neuen Haus und so. Hat mich damals in der Stadt niemand gefragt, schon gar nicht „von Amts wegen“.

Und während ich so anfange zu jammern, über viel zu tun, Ärger hier, Sorgen da, höre ich am anderen Ende, wie jemand einen kurzen Blick über eine randlose Brille wirft.

„bei alledem aber nicht vergessen: Essen, Trinken und ein bisschen Amüsement. Hilft ja sonst alles nix.“

Wann immer ich in den Wochen danach das Gefühl hatte, gestresst zu sein, Sorgen zu haben oder mir der innere Kompass fehlte, habe ich mir einen Wein aufgemacht, die Musik lauter gedreht und irgendetwas geiles gegessen. Ich mag amtliche Lebensweisheiten.

Das Bett

Wir stehen am Zaun und bewundern das Loch. Ja, genau DAS Loch, welches später zur Terrasse mit DER Bank wird.

Wir, das sind zwei engste Freunde des Hauses und ich. Es ist privat-time, also alle in Jogger und Schlappen. Wenn man sich so lange kennt, dass es sich anfühlt wie Familie, wird Etikette irgendwann nebensächlich.

Da stehen wir also im Jogger am Zaun und bewundern das Loch. Eigentlich warten wir ja nur darauf, die liebste Hausbesetzerin vom Bahnhof abzuholen und mit dem neuesten Gossip zu versorgen. Aber bis dahin kann man ja schon mal Wein trinken und Löcher im Vorgarten bewundern.

Und während wir so ganz entspannt mit Trinken und Bewundern beschäftigt sind, schallt ein zaghaftes, aber deutliches „Guten Abend“ von links. Die Straßenlaterne blendet, wir sehen nichts und niemanden. Aber hier auf dem Dorf macht man das so: wir antworten einstimmig „guten Abend“.

Die Antwort kommt prompt, wir sehen immer noch nichts: „guten Abend“.

Irgendjemand von uns dreien kichert, als wir erneut antworten „guten Abend“.

Na? Ja natürlich, als Antwort kommt wieder ein „guten Abend“. Aber diesmal können wir den tapferen Grüßaugust sehen, er ist drei Schritte vor und aus dem Blendwerk der Laterne hinausgetreten. Es ist der freundliche ältere Herr, den ich öfter am Bahnhof treffe. Wir grüßen uns, ich mag ihn vom Sehen, aber sonst wissen wir nichts voneinander. Doch, ich weiß wo er wohnt. Er nun auch. Mit einem neuerlichen „guten Abend“ macht er zwei weitere Schritte vor. Sogleich bleibt er stehen, hebt seine Hände und sagt „wir wollen nur sprechen, nur sprechen“. Mit „wir“ meint er offensichtlich seinen Sohn, der ihm dicht auf den Fersen folgt.

Ja klar, was denn sonst? Umarmen werden wir uns heute nicht, aus Gründen. Aber bevor ich amüsiert oder irritiert sein kann, fällt mir auf, dass er sehr zurückhaltend, fast schüchtern ist. Schultern eingezogen, fragender, ängstlicher Blick, demütige Haltung. Was ist denn los? Ich habe ihn noch nie als den extrovertierten Showmaster erlebt, aber so?

„Können Sie uns helfen, das Bett zu reparieren?“ Hä? Wir schauen uns und ihn fragend an. „Wir haben ein Bett, können es nicht reparieren“ erklärt sein Sohn. Und er weiter „nur 5 Minuten, bitte, es ist wichtig. Bett helfen Sie beim Reparieren“

Wenn mir jemand sagt, es dauert nur 5 Minuten, reagiere ich instinktiv belustigt. NICHTS dauert nur 5 Minuten, außer … naja egal.

Das alles sage ich natürlich nicht, sondern verziehe nur ein ganz klein wenig das Gesicht. Dabei sage ich „heute ist es wirklich schlecht, wir könnten morgen vorbei kommen“

Kaum ausgesprochen, macht sich Verzweiflung im Gesicht des Alten breit und ich ahne, dass ich hier vorschnell abgesagt habe. Tatsächlich haben wir „eigentlich“ ja auch nichts Besseres zu tun, als das Loch zu bewundern und Wein zu trinken.

Als könnte er Gedanken lesen, erklärt er fast flehend „bitte! Es ist wirklich wichtig. Frau kommt morgen früh aus dem Krankenhaus und hat beide Beine operiert. Sie kann nicht gehen, sie braucht ein Bett“

Sein Sohn ergänzt „Wir haben ein schönes Bett gekauft, wir können es aber nicht reparieren. Mama braucht es“

Ich verstehe! Die beiden stecken in einem Dilemma, das jeder Mann kennt: die Frau kommt nach Hause und es ist nicht alles erledigt, was erledigt sein sollte. Also eigentlich nichts. Man(n) hat die sturmfreie Bude genossen und mit allem natürlich viel zu spät angefangen. Und zack ist die Stunde der Rückkehr und die Bedrohung real. Ich beginne mir vorzustellen, welcher Sturm durch das kleine Haus der beiden zieht, wenn Mama nach Hause kommt…. Und wo kommt denn hier plötzlich dieser kühle Windstoß her?

Mein Glas Wein war eh gerade leer, also drücke ich die Zigarette aus und nicke den beiden anderen zu. „na komm, das machen wir eben“

Da geht sie los, die lustige Zirkustruppe. Drei angeschickerte Typen in Jogginghose, Schlappen und irgendwie albern. Zwei ängstlich aufgeregte „Mutti-kommt-nach-Hause“ Männer laufen vorweg, drehen sich dabei immer wieder skeptisch um, ob wir auch tatsächlich mitkommen.

Auf dem kurzen Weg fällt uns ein, dass wir weder Werkzeug noch sonstige sinnvolle Utensilien für eine „Bett Reparatur“ dabei haben. Außer Zigaretten. Aber die beiden versichern uns, dass sie Werkzeug haben.

Wir kommen in ein kleines, karges Haus, sehr karg. Nach zweimal rechts abbiegen stehen wir im Wohnzimmer. In genau dieser Reihenfolge sehe ich im Zimmer: einen riesigen Fernseher (es läuft eine wahnsinnig bunte Quizshow), einen dicken Teppich, ein riesiges Sofa.

Ach ja, und da ist DAS Bett. 4 Teile plus Lattenrost und Matratze.

Eifrig wird uns ein (1) kleiner Schraubenzieher und ein Akkuschrauber (ohne Bit) gereicht. Ah ja, das versprochene Werkzeug.

Wir beiden Männer beginnen eifrig, die 4 Einzelteile zu untersuchen, kombinieren messerscharf deren richtige Zusammensetzung und schrauben per Hand die daran befindlichen Metall Halterungen ab. Die einzige Frau im Raum sieht uns amüsiert zu und fragt fast beiläufig „könnt ihr das da nicht einfach zusammenstecken? Das dürfte doch passen“

Versuchen Sie als Mann jetzt mal so zu tun, als hätten Sie das läääängst erkannt und im Gesamtplan Ihres Handelns  bereits professionell abgewogen, bewertet und für totalen Sch …. NATÜRLICH hat sie Recht und ohne uns etwas anmerken zu lassen fummeln wir die bereits abgeschraubten Teile wieder ran. In weniger als 5 Minuten ist das Bett zusammengesteckt, der ältere Herr will uns immer noch abwechselnd den kleinen Schraubenzieher oder den Akkuschrauber anreichen.

Mit wichtiger Miene prüfen wir noch einmal Standfestigkeit, Stabilität und Sitz aller Einzelteile. Auf das Abklatschen verzichten wir mal. Schnell noch das Lattenrost und die Matratze oben drauf – Mutti kann kommen. Und hat ein großes, stabiles Bett mitten im Wohnzimmer. Ich glaube, Vater und Sohn haben nichts mehr zu befürchten.

Keine 10 Min später spazieren wir heldenhaft aus dem Häuschen. Den angebotenen Dankes-Tee verschieben wir auf ein anderes Mal, das würde uns jetzt um Stunden zurückwerfen. Lieber noch schnell ein Glas Wein am großen Loch, um unsere Heldentaten zu feiern. Und dann kommt ja auch schon die liebste Hausbesetzerin zurück nach Hause.

Hatte ich eigentlich noch etwas zu erledigen… ?

Die Bank

Ui, das war knapp! Beinahe wäre die ältere Dame auf dem Gehweg mit dem entgegenkommenden Kinderwagen zusammengestoßen. Gerade noch rechtzeitig konnten sie selbst und der Wagenschiebende Vater ihre Augen von unserem Haus lösen. Genauer gesagt, von dem was hier hinter den Fenstern passiert.

„das ist aber schön mit den Kerzen im Fenster“ mag sie sich gedacht haben.   

„die beiden sind wohl nur noch im home-office, da kann man schon neidisch werden“ könnten seine Gedanken gewesen sein.

Das Kind im Wagen hat derweil sein Kuscheltier verloren, direkt am blauen Zaun. Naja, immerhin gab es keine blauen Flecken, sondern nur einen kurzen Plausch neben selbigem.

Dass die Blicke dabei immer wieder ungeniert zu mir ins Fenster schweifen, muss wohl so sein. Die wichtigsten Fragen sind ja auch noch immer unbeantwortet.

„Was hat das Haus denn nun gekostet? Meinen Sie wirklich ….“

„Er macht ja auch diesen Talk, aber wo arbeitet sie noch gleich?“

„ganz schön groß das Haus zu zweit, es dauert bestimmt nicht mehr lange….“

Irgendwann setzen beide ihren Spaziergang unfallfrei fort, ein letzter kritischer Blick in den Vorgarten und weg sind sie.

Ich bleibe zurück und bin amüsiert. Das Haus mit dem blauen Zaun zieht Blicke magisch an. Praktisch jeder, der hier vorbei geht, schaut kurz herein. Die Blicke sind mal neugierig, mal herzlich warm, mal neidisch, mal fragend.

Wie gerne wüsste ich, was Euch so beschäftigt, wenn ihr hier vorbei geht und schaut.

Und wie es der Zufall will, werde ich das vielleicht bald wissen.

Vor ein paar Tagen wurde ich gebeten, alten Krimskrams bei meinem Vater zu entsorgen. Dabei fiel mir eine wunderschöne, alte, schmiedeeisernde Bank in die Hände. Einziges Manko: die Füße sind grün. Aber mit Pinsel und blauer Farbe kann ich wohl umgehen.

Die Bank zieht also um, zu uns in das kleine Dorf. Da steht sie nun zunächst in der Auffahrt und weiß nicht recht wohin. Gemütlich ist sie ja, stelle ich nach ein, zwei Feierabend-Zigaretten fest. Und dann fällt es mir wieder ein: vor praktisch jedem Haus im Ort steht eine Bank. Mal stehen die Töpfe mit den Geranien darauf, mal ist der Gartenschlauch kunstvoll um die Lehne gewickelt, mal blättert die Farbe ab. Die allermeisten Bänke sind übrigens weiß. Ganz selten sitzen auch die Bewohner des Hauses auf der Bank. Meist sind es ältere Damen. Egal, unsere neue alte Bank musste auch vor das Haus.

Nun war es leider so, dass dicke, alte Büsche die Herrschaft vor dem Haus innehatten. Die mussten erstmal weg. Die Heckenschere und ich haben den Kampf gewonnen, die Büsche landen auf dem Anhänger. Aber was ist das: da ist noch Platz auf dem Anhänger. Halbvoll kann man nicht zur Deponie fahren, das ist ein Naturgesetz.

Also müssen die Wurzeln auch noch raus, sie werden die Ladefläche ausfüllen.

Nach Stunden des Kampfes gegen die alte, stachelige Herrschaft ist es geschafft: der Anhänger ist voll und im Vorgarten klafft ein herrliches Loch. So ein schönes, großes Loch.

NATÜRLICH habe ich es am nächsten Tag nicht geschafft, mich um das klaffende Loch zu kümmern. Und am Tag darauf und darauf auch nicht. Sehr zur Freude der liebsten Hausbesetzerin neben mir.

Aber ich habe einen Plan: das große Loch wird eine kleine Terrasse und darauf steht eine Bank. Ja genau, DIE Bank.

Ich habe noch nie in meinem Leben eine Terrasse gepflastert. Aber ausmessen, rechnen und genau 256 Steine kaufen, das kann ich. Den Rest übernimmt ein guter Freund aus der Nachbarschaft und keine 48 Std. später ist sie da – die Basis für alle noch offenen Fragen.

Seit heute also haben wir eine Bank vor dem Haus. Und wir werden da sitzen. Man könnte auch sagen „ab heute wird zurück beobachtet“.

Also liebe Spaziergänger, Nachbarn, Freunde, Neugierige oder Vorbeihuscher: ab heute sehen wir Euch auch. Wir werden Euch genauso liebevoll beobachten und dabei denken „ach, ihn habe ich ja auch schon lange nicht mehr gesehen“. Vielleicht rutscht auch mal ein „sie ist aber spät dran heute“ in unsere Gedanken?

Aber wir sitzen da nicht einfach so rum. Denn wer auf der Bank vor dem Haus sitzt, ist quasi gesprächsbereit. Ist es nicht so? Und wenn ihr sonst nur versucht habt, durch die noch immer nicht geputzten Fenster etwas zu erkennen, könnt Ihr uns jetzt direkt fragen. Einfach so. Weil da jetzt eine Bank steht. Ist das nicht toll? Ich finde ja!

„…und – was hat es gekostet?“

„…und – was hat es gekostet?“
„Glück, Schweiß und Tränen – und einwenig Geld“

„Glück, Schweiß und Tränen – und einwenig Geld“

Dies ist die Geschichte eines Hauses. Eines besonderen Hauses. Und die Geschichte der Menschen. Der Menschen, die darin leben, die zu Besuch oder zu Gast sind. Geschichten über das Dorf, in dem dieses Haus steht und in dem diese Menschen leben. Zufällige Begegnungen, kleine und große Skandale, feine Beobachtungen und ganz viel Lebensfreude.

Hä?

Seit wir dieses Haus gekauft haben, ist viel passiert. Vorher natürlich auch, aber ab jetzt wollen wir davon erzählen.

Wie ist es, in einem kleinen Dorf mitten in Niedersachsen zu leben?

Wie ist es, in eines der bekanntesten Häuser im Dorf zu ziehen? Er und Sie. Und alle anderen auch – irgendwie. Und wie ist es, wenn Dich Menschen, die Du nicht kennst fragen, was dein Haus gekostet hat. Aber sonst praktisch alles von Dir wissen – zu wissen glauben.

Wir schreiben hier für alle, die Lust am beobachten haben, die gerne Geschichten lesen und dem Subtext im Leben Bedeutung beimessen. Genau wie wir.

Manchmal bleiben wir verwundert zurück, manchmal sind wir gerührt oder überrascht, manchmal passiert aber auch einfach gar nichts. Ganz normal also – oder doch nicht? Finde es heraus.

Kommt mit auf unsere Reise. Hier wird es bunt und launig, manchmal schräg und launisch. In jedem Fall aber echt und ehrlich.