Runter vom Sofa (10): alle Wege führ’n ins CampoDrom

Die Stimmung ist auf dem Siedepunkt. Und das hatte nichts damit zu tun, dass auf dieser Party gleich „Atemlos“ gespielt wird. Nein, in uns beiden kochte es tatsächlich. Es war 23:00, wir waren mal wieder 5 Std. unterwegs und standen jetzt auf einer schwedischen Autobahnraststätte.

Das bedeutet hier: von der Autobahn geht ein kleiner Schotterwegs ab, dieser führt zu einem irgendwie befestigten Platz. Das wars. NATÜRLICH liegt der Parkplatz an irgendeinem verkackten See, der sogar noch ganz hübsch anzuschauen ist.

„this ist the worst place in sweden I have ever seen“ erzählt mir ein Schwede, der hier mit seiner Familie ebenfalls Pause auf der Durchreise macht. Danke! Ich wollte hier nur am Ufer im Geröll sitzen und schlechte Laune haben. Mit miesen Plätzen kenne ich mich selbst aus.

Als Strafe gibt’s (wie früher bei Muddi) „ohne Abendessen ins Bett“. Aber nur kurz, denn ich wache wie immer um kurz vor 6 auf, reiße Walter und damit die gesamte Crew aus dem Schlaf und fahre los. Kurz huscht mir der Gedanke durch den Kopf, direkt wieder zur Fähre und damit Richtung Heimat zu fahren. Aber es kann ja nur besser werden.

Die trotz allem immer noch geliebte Reiseleitung wünscht sich neben Schlaf, Sonne, etwas zu essen, den perfekten Platz und Ruhe vor allem eine Dusche. Also hat sie einen entsprechenden Stellplatz ausfindig gemacht, zu dem ich Walter missmutig lenke.

Irgendwie kommt mir der Weg bekannt vor – und tatsächlich. Wir fahren wieder am Ortsschild von „Björneborg“ vorbei, und um kurz vor 7 rollen wir auf einen größeren Platz am Ufer des „Vännern“, dem größten See hier in der Region. Hier ist Platz für 11 Wohnmobile – aber keiner für uns. Alles belegt. Wir beschließen zu warten und frühestens 8:00 den Platzwart anzurufen, dessen Telefonnummer neben tausend Verhaltensregeln auf einer großen Tafel steht.

Der Platz ist nett und hat alles, was man braucht. Einen kleinen Strand (für Hunde verboten), eine Dusche (Tür wieder abschließen), ein kleines Café (nicht in Badekleidung betreten), Strom (im Preis inbegriffen), und einen traumhaften Blick auf den See (der mich viel zu sehr an die deutsche Ostseeküste erinnert).

Aber ich bin ungerecht, der geliebten Hausbesetzerin gefällt der Platz tatsächlich sehr gut. Ich bin nur noch nicht soweit.

Wir sitzen schweigend rum, gehen mit Karl spazieren, sitzen rum, ich gehe nochmal mit Karl, die Reiseleitung telefoniert.

Wir haben Glück – bis zum Mittag sollen fast alle anderen Camper abreisen. Sogar der Himmel reißt auf und jemand, den wir lange vermisst haben, betritt zögerlich die Szene: die Sonne.

Nach weiteren zwei Stunden warten, mit Karl gehen, warten und schweigen ergattern wir tatsächlich den besten Platz vor Ort. Wir haben ausreichend Abstand zu den anderen Campern und zu zwei Seiten einen freien Blick auf die Ostsee …. ähm den Vännern-See. Neben uns ein riesiges Wohnmobil, aus dessen Fenster drei große Hunde schauen.

Der Stellplatz, ein kleines Frühstück und die steigende Laune der Reiseleitung versöhnen mich ganz langsam mit diesem Ort. Die inzwischen mutig gewordene Sonne tut ihr übriges.

Wenn schon, denn schon“ denke ich und fange an, unser ganzes Geraffel auszupacken: Stühle, Tisch, Sofa. Eine halbe Stunde und einen Muskelkater später sinke ich aufs Sofa und liege einfach in der Sonne. Herrlich!

„lass das, ich gehe später duschen“ rufe ich, als es plötzlich schattig wird und mich ein paar Tropfen im Gesicht treffen. Kaum hat die geliebte Platzbesetzerin geduscht, wird sie schon wieder kiebig und schüttelt ihre nassen Haare über mir aus. Aber ich bekomme keine Antwort, stattdessen tropft es weiter. „kann die sich nicht abtrocknen? Ich hab keine Lust auf rumalbern“ denke ich mir, während ich schläfrig die Augen öffne. Aber da ist niemand. Und dieser Niemand hat die Form einer fetten, dunklen Wolke, die gerade Lust bekommt, über uns abzuregnen.

Zu dem einen Niemand gesellen sich schnell ganz viele und es fängt herzhaft an zu regnen. Ich eile hinein und nun liegen wir bäuchlings auf dem Bett und schauen hinaus in den Regen – natürlich vor der malerischen Kulisse des Sees, welcher inzwischen Schaumkämme trägt.

Der Regen geht, der Wind bleibt. Und es ist kalt. Wir bleiben also liegen und schauen weiter. Das ist wie auf ein Kissen gelehnt am Fenster eines 5stöckigen Mietshauses – nur beim Camping.

Endlich passiert auch etwas: ein schnauzbärtiger, kleiner Mann steigt aus dem Nachbar-Wohnmobil und macht sich an seinem Kofferraum zu schaffen. Er steckt irgendwelche grünen, weißen und roten Gummirollen in seine kakifarbene Weste, hängt sich eine Pfeife um den Hals und nimmt Haltung an.

Strammen Schrittes geht er zu seinem Riesen-Wohnmobil, öffnet die Tür und nach einem kurzen Schnippen springt einer der drei großen Hunde heraus.

Der Hund klebt an seiner Seite wie ein Magnet. Auf der großen Wiese vor uns bleibt der Typ stehen und hebt wie beiläufig die linke Hand, nur ganz wenig. Sofort setzt sich der Hund hin – und bleibt sitzen. Karl würde nicht mal sitzen bleiben, wenn er dafür Leckerlies bis zum Platzen bekommen würde. Der kleine Napoleon geht auf der Wiese 50m nach rechts, 100m nach links, vier Schritte vor und 20 Schritte zurück. Und überall dort platziert er die bunten Gummiwürstchen, aufmerksam von dem brav sitzenden Hund beobachtet.

Als er zurückkommt, reicht ein kurzes Nicken und der Hund steht unvermittelt auf. Auf ein weiteres, Nicken, was eher wie ein Krampf im Nacken aussieht,  folgt er dem Herrchen auf seinem Marsch über die Wiese. Und es ist ein Marsch – unvermittelt wechselt das kleine Männchen mit der strammen Haltung die Richtung, meistens um 90°. Irgendwann bleibt Napoleon abrupt stehen, winkelt den rechten Arm nach vorne ab, die flache Hand mit der Kante wie zu einem Karateschlag bereit. Und steht dort wie ein Zinnsoldat.

Plötzlich – zack – die Karatehand schnellt nach vorne dass ich es fast durch die Luft zischen höre. Der Hund schießt los und genauso schnell kommt er zurück – die grüne Gummiwurst im Maul. Brav legt er sie dem Herrchen in die Hand und setzt sich hin. Achtlos wird die Gummiwurst in der Westentasche verstaut. Dann das selbe Spiel: Marschieren, Richtungswechsel, Karateschlag und der Hund schießt los. Fehlt nur noch die Marschmusik bei dieser perfekten Parade.

Nach 15 min ist alles vorbei. Ein schriller Pfiff durchschneidet mein ungläubiges Staunen. Der Pfiff scheint das Kommando zu sein, sich zu freuen. Der Hund springt an Herrchen hoch, freut sich überschwänglich und wird sogar geherzt. Für exakt 20sek. Ein weiterer Pfiff und die Show ist vorbei. Dachte ich. Denn nachdem Hund 1 auf Kommando ins Wohnmobil springt, geht das Speil von vorne los. Hund 2 und 3 folgen. Ich gehe kurz zu Karl, der sich in seinem Körbchen streckt und wohlig grunzt. Demonstrativ lege ich ihm eine besonders leckere Kaustange dazu – er weiß zwar nicht warum, freut sich aber trotzdem. Deutlich länger als 20sek.

Dank Regen, Wind und Kälte haben wir genug Zeit, uns über den Hundenazi zu philosophieren. Lästern soll man ja nicht. Aber ernsthaft: der war doch früher bei der Stasi. Das Nummernschild zeigt jedenfalls Gera als Heimathafen. Ob er seine Frau auch mit einem kurzen Pfiff …. Ach egal.

Der nächste Morgen präsentiert sich kühl, windig – und trocken. Spontan möchte ich einen Prosecco aufreißen. Verkneife ich mir aber, denn Frau Hundenazi steigt gerade mit zwei prickelnden Gläsern aus dem Wohnschiff und trägt es zu IHM, der an einem mit weißer Tischdecke gedeckten Klapptisch sitzt, das Glas ohne erkennbare Miene entgegennimmt und in einem Zug leert.

Bevor wir – ohne es zu merken – auch noch Haltung annehmen, wird es Zeit zu fahren.

Aber wohin? Das Wetter ist unverändert kalt und mies. Die Wetterkarte verspricht, dass es überall in der Region auch so bleibt. Wie wäre es also mit einem Ausflug in die Stadt? Örebro liegt etwa 1,5 Std. entfernt und soll eine schöne, typisch schwedische, kleine Stadt sein. Ist es aber nicht. Ein Schloss, was aussieht wie eine Trutzburg, steht mitten drin. Drumherum: eine langweilige Standardkreisstadt. Nach einer knappen Stunde sind wir vor allem froh, dass es nicht regnet.

Geld ausgeben. Geld ausgeben hilft. Und weil uns die Stadt nicht dazu animiert, flüchten wir uns verzweifelt auf den nächstgelegenen Campingplatz. Dort soll es eine Therme, ein Restaurant und viel Platz geben.

Das erste Schild welches ich sehe, nachdem wir die Reception passiert haben, ist CAMPODROM. Naja, es ist kein Schild, es ist eine Wand. Alles hier ist zu groß, zu bunt, zu viel. Das hier ist Disneyland für Camping.

Wir finden aber einen großzügigen Platz, überraschend ruhig und fast ungestört. Wir beschließen, für eine Nacht hier zu bleiben und mal so richtig abzusahnen. Für den Preis einer Nacht bekommt man anderswo ein Doppelzimmer mit Meerblick und fettem Frühstück. Wir bekommen Luxusdusche, Strom satt, alle denkbaren Ver- und Entsorgungen und sogar ein eigenes Badehäuschen für Hunde.

Wir nutzen einfach alles dreimal, dann hat sich das hier gelohnt. Gesagt, getan. Und als Dank für unser Durchhaltevermögen kommt sogar die Sonne durch.

Ab morgen wird es schön, richtig geil. Beschließen wir. Denn wir haben einen Geheimtipp für ein ganz besonders schönes Plätzchen bekommen. Gar nicht weit weg, nur 1,5 Std. Fahrt. Ich freue mich auf morgen und schlafe trotz Campingdisco zufrieden ein.

Runter vom Sofa (8): Pleiten, Pech und Perfektion

Das dumme an Erwartungen ist ja, dass man(n) sie hat. Das zweite dumme daran ist, dass jeder so seine ganz eigenen hat. In dieser Hinsicht könnte man unsere kleine Reisegruppe als ausgesprochen differenziert bezeichnen.

Ganz so philosophisch fühlt es sich gerade nicht an, wir haben die letzten Tage einfach mal als „chaotisch“ zusammengefasst. Warum sollte es in Schweden auch anders sein als zuhause? Der blaue Zaun fährt mit – vor allem im Kopf.

Aber der Reihe nach. Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, Wasser. Es regnet die ganze Nacht in dem kleinen Fischerdörfchen, aber das stört uns nicht. Ob es am Wein lag oder daran, dass wir schon nass waren, weiß ich nicht mehr.

Der nächste Morgen präsentiert sich jedenfalls kitschig-schön. Ach übrigens: auch das können die Schweden, Kitsch. Mit ihren perfekten Sonnenauf- und untergängen sollten sie Postkarten verkaufen. Ach so, Mist. Postkarten schreibt ja heute kaum noch jemand. Jedenfalls nervt es kolossal, wenn Du dich so richtig schön reingesteigert hast, alles doof und ungerecht finden willst – und dann kommt da so ein perfekter Sonnenaufgang daher. Ekelhaft. Du musst es einfach schön finden. Und vergisst ganz nebenbei, dass du dich eigentlich ärgern wolltest.

Der Sonnenaufgang macht Hoffnung, mir jedenfalls. Noch schnell das ein oder andere erledigen, ein perfektes Räucherfisch-Frühstück und dann fahren wir rechtzeitig los zu einem traumhaften Stellplatz, allein am See mit Sonnenschein, Weltfrieden und freier Liebe. Hat das in den 68ern damals eigentlich geklappt? Ich bin mir nicht sicher. Bei uns wird es so sein, ganz sicher.

Als ich mich auf den Weg zum Fischer mache, um das perfekte Frühstück zu organisieren, werde ich gebeten ein paar 10er Kronenmünzen zu tauschen, für die Waschmaschine. Der erste Knick im Universum – aber das ahnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Es ist selbst mir völlig klar, dass wir die Handtücher, die wir gestern zum Hochwasserschutz eingesetzt haben, waschen und trocknen müssen, bevor es weiter geht. Passt ja auch alles. Es ist noch früh am Morgen und während wir in Räucherfisch schwelgen, läuft ganz nebenbei die Maschine. In spätestens zwei Stunden können wir los.

Der Fisch ist perfekt – nur die Waschmaschine ist besetzt. Na gut, ein wenig Verzögerung gibt’s ja immer. Irgendwann gegen Mittag sind die Handtücher gewaschen. Das Universum meint es gut mit uns – es gibt auch einen Trockner. „dann könnten wir doch auch die T-Shirts noch schnell …“

Ja klar, kein Problem. Der rausgesuchte, perfekte Stellplatz am See ist ja nicht so weit weg. Und so ein kleines, niedliches Fischerdorf ….

…. wird ab Mittag brechend voll. Auch in Schweden sind Ferien und das hier ist offensichtlich ein beliebtes HotSpot. Ich mag es, wenn alle 2min ein Auto vor mir einparkt und gut gelaunte Familien – sprich lärmende Kinder und erziehungsbemühte, ebenso laute Eltern – ausspuckt.

Was ich an der geliebten Hausbesetzerin, neben vielen anderen Eigenschaften, so bewundere, ist ihr Timing. 5 Minuten vor dem prognostizierten Ende der Trocknerlaufzeit geht sie los, um die fertige Wäsche zu holen. Und dann können wir auch schon los.

Ich mache Walter derweil reisefertig. Ich hätte in der Zeit das ganze Haus mit dem blauen Zaun renovieren können, solange bleibt die geliebte Hausbesetzerin fort.

Irgendwann kommt sie zurück und jetzt sehe ich sie, schon von weitem: die Delle im Universum:

„ich brauche mal Deine Hilfe, da ist kein Strom“ sagt das Universum fast flehend.

Ich mag es ja, der Problemlöser zu sein. Ich mag aber auch perfekte Stellplätze am See.

Naja, erst das eine, dann (vielleicht) das andere. Der Trockner ist tot, die Wäsche nass. Zwei Maschinen Handtücher und T-Shirts. Schön sauber, aber klatschnass. Irgendwann finden wir den Knopf der Erlösung, welcher den Überhitzungsschutz wieder aufhebt und sich an der kochend heißen Rückwand des alten Trockners befindet. Und der möchte alle 10min gedrückt werden. Aber das finden wir erst zwei Stunden später raus. Zunächst gehen wir davon aus, dass ab jetzt alles läuft. Inkl. Trockner.

Zwei Stunden später: nach einem Besuch im völlig überfüllten, örtlichen Café, einem lauschigen Moment in der Sonne zusammen mit hunderten aufgeregten Kindern ist alles wie vorher: die Wäsche halb nass, wir spät dran und genervt.

„wir machen das jetzt so: die T-Shirts hänge ich auf Bügel, die Handtücher nehmen wir so und später trocknen wir einfach alles in der Sonne“. Ich mag pragmatische Ansätze, ich mag meine Mannschaft und mit einem Wohnmobil als Wäschekammer komme ich klar.

Mit einer minimalen Verzögerung von 5 Stunden fahren wir los. Ich freue mich schon auf den perfekten Schweden-Moment: ein einsamer See, Ruhe und einen selbst gefangenen Riesenfisch auf dem Grill. Selbst auf den obligatorischen Sonnenuntergang an eben jenem See kann ich mich schon wieder freuen.

Walter schnurrt, Karlchen schläft und das Navi sagt, in 3 km rechts abbiegen.

Meistens folge ich ja brav, wenn eine Frauenstimme mir sagt, was ich tun soll. So auch diesmal. Walter stolpert kurz, denn von der Autobahn geht es direkt á mente auf eine Schotterpiste quer durch den Wald. Kein Grund zur Sorge, Walter ist ganz anderes gewohnt und Schotterpisten gehören in Schweden zum normalen Straßennetz. Wir fahren durch einen traumhaften Wald, ich genieße den Anblick und klatsche mich selbst innerlich ab – denn genauso habe ich mir das vorgestellt. Dass sich rechts neben mir eine ganz leichte Verspannung aufbaut, merke ich in meiner Euphorie gar nicht.

„Wenn wir jetzt noch einen Elch sehen, wird es ein Björni-Tag“ plappere ich in die Stille, gerade als wir an sowas ähnlichem wie einem Ortsschild vorbeifahren. Der Ort heißt „Björneborg“.

Den Ort passieren wir zügig, weiter geht es durch den Wald und irgendwann rechts ab. Auf eine noch etwas schmalere Schotterpiste. Irgendwann sagt das Navi „in 300m rechts abbiegen, dann haben Sie das Ziel erreicht.“

„Das Ziel“ ist eine Treckerspur, welche einen leichten Abhang hinab zu einem See führt. Jetzt nehme ich auch die nicht mehr ganz so leichte Verspannung neben mir wahr. Ich bringe Walter zum Stehen und steige mit dem Versprechen aus, den kurzen Weg zunächst zu Fuß zu erkunden. Sicher ist sicher.

Ich gehe hinab und finde mich an einem der schönsten Plätze wieder, die ich je gesehen habe. Eine sanfte Lichtung am Ufer eines spiegelglatten Sees. Rechts und links ein paar Birken, dahinter dichter, sattgrüner Wald. Einsamer, kitschiger und perfekter könnte es nicht sein.

Der Platz hat eine Feuerstelle, zwei urige Boote liegen im Schilf und es ist gerade so viel Platz, dass Walter sein neues Kunststück – auf der Stelle zu wenden – unter Beweis stellen könnte. Die Sonne macht sich schon bereit, kunstvoll hinter den Bäumen am anderen Ufer des Sees zu versinken.

Ich laufe zurück, rutsche auf dem feuchten Waldboden fast aus und bedeute meiner Mannschaft, dass dies der perfekte Platz für all unsere Vorstellungen von Schweden ist. Aufsitzen, Motor starten, runter schaukeln.

Wir hatten uns bisher noch nicht darüber unterhalten, was genau wir eigentlich mit „perfekt“ meinen. Auf jeden Fall stellt sich heraus, dass es feine Unterschiede gibt.

Nach einem kurzen Moment des Abwägens kommt für Walter die Ansage „bitte wenden“. Und die Stimme kommt diesmal nicht aus dem Navi. Als hätte er nie etwas anderes getan, wendet Walter auf der Stelle und setzt an, den Weg zurück auf die Schotterpiste zu nehmen.

War es vorhin eigentlich auch schon so rutschig hier, als wir angekommen sind? Hmm. Ich kann mich nicht erinnern, weiß aber, dass akademische Betrachtungen uns jetzt nicht weiter bringen.

Walter gibt alles, rutscht nach 2 Metern vorwärts aber wieder 4 Meter zurück. Wir versuchen es nochmal, und nochmal. Der Dreck spritzt, Walter stöhnt und die Räder drehen auf der Stelle. Eine hübsche Rinne haben wir da ausgefahren, stehen aber immer noch auf der Hälfte des Weges.

Innen herrscht eisiges Schweigen. Da hilft nur entschlossenes Handeln. Aber was genau? Erstmal aussteigen. Und entschlossen gucken. Auf eine nasse, rutschige Piste, 3,6 t Lebendgewicht, Sommerreifen und Vorderradantrieb. Perfekt – um einfach nicht dort hoch zu kommen.

Ich krame gedanklich in meinen Erinnerungen. Was haben wir denn früher gemacht? Als ich mit meinem Trabi und einem viel zu großen Boot auf dem Anhänger am See stecken geblieben bin? Wir haben das Boot stehen gelassen und sind rückwärts durch den Schlamm gerobbt. Außerdem haben 2 Mann geschoben. Alles keine Option.

Also stapfe ich in den Wald, suche und finde trockene Birken- und Kiefernäste. Die drapiere ich kunstvoll, quer zur gewünschten Fahrbahn, über die schlimmsten Stellen auf unserer Schlammpiste.

Ich habe Vertrauen zu Walter, zu mir und zum Universum – auch wenn es gerade mehr als deutliche Dellen hat. Diese äußern sich nicht nur dadurch, dass wir hier feststecken. Aber dafür habe ich gerade keine Zeit.

Ich lasse Walter ein wenig zurückrollen, denn mit ein wenig Schwung im Leben habe ich doch schon so vieles erreicht.

„Los Walter, dass schaffst Du“ …. rede ich hier tatsächlich gerade mit einem Wohnmobil? Ja!

Und es hilft. Walter heult auf, der Dreck spritzt am Fenster vorbei, aber wir bekommen Schwung. Und schieben uns Zentimeter für Zentimeter voran. Als wir uns endlich über den trockenen Reisig schieben, packt Walter kraftvoll zu, heult auf und zieht uns die letzten Meter auf die rettende Schotterpiste.

„Würde ich nur mit Allrad empfehlen“ lese ich später in der App zu diesem Stellplatz. Ich würde neben Allrad vor allem empfehlen, die Wünsche an einen Stellplatz in der Reisegruppe etwas genauer abzustimmen.   

Inzwischen ist die Sonne untergegangen, wahrscheinlich ekelhaft schön mit einem sanften Platsch in irgend einen See. Davon sehen wir aber nichts, denn wir sind mitten im Wald. Auf dem Weg zu einem x-beliebigen Parkplatz, der uns ein wenig Ruhe für die Nacht gibt. Aus dem perfekten Stellplatz ist inzwischen nur noch der Wunsch geworden, zu stehen. Irgendwo.

Der nächste Parkplatz ist nur 3 km entfernt. Wenn man sich nicht hoffnungslos im Wald verfährt. Dann sind es 12. Irgendwann kommen wir trotzdem an. Inzwischen ist es dunkel. Aber so sehen wir wenigstens nicht, wie scheiße dieser Parkplatz ist.

Runter vom Sofa (7): Wasser marsch!

Also wäre das auch geklärt: die Schweden können nicht nur Knäckebrot, frischen Fisch und süße Plunderteilchen in Perfektion. Nein, sie können auch Gewitter, aber so richtig!

Nach dem Kulturschock auf dem MegaCampingplatz in Askim wollten wir nur eins: weg

Symbolträchtig haben wir unseren ganzen Sch… auch gleich da gelassen, also einmal ordentlich ver- und entsorgt und alle Tanks frisch aufgefüllt.

Karlchen hat sich nochmal ordentlich ins Gebüsch gehockt und dann wurde es aber auch Zeit, loszufahren. Schranke hoch, Walter durch, gute Fahrt.

Es geht Richtung Norden, an die Südspitze des Vänern-Sees. Dort soll es ein kleines, süßes Fischerdorf geben, mit ein paar Stellplätzen direkt am Hafen.

Ein kalter Entzug von dem, was wir Zivilisation nennen, war uns dann aber doch zu hart. Deshalb haben wir auf dem Weg noch schnell bei einem dieser MegaShoppingCenter angehalten. Auch bei einem reduzierten Leben muss man ja irgendwas essen. Und wenn gerade kein Wald mit Pilzen, Blaubeeren und Kräutern in der Nähe ist, können wir genauso gut unserer Lust auf geiles, abgepacktes Zucker-Salz- und Fettessen frönen. Außerdem waren wir neugierig, was man in einem schwedischen Megastore so alles entdecken kann.

Zunächst die alten Bekannten: von Nivea über Haribo, Milka, Kelloggs und Knorr gibt es hier alles, was die Supermärkte auch in Deutschland und wahrscheinlich ganz Europa dominiert.  

Aber dann wurden wir fündig, am Ende hatten wir fast nur schwedischen Schweinkram im Wagen: Schmelzkäse aus der Tube, wahlweise in den Geschmacksrichtungen Hummer, Petersilie, Elchsalami oder Bacon. Hunderte Sorten Knäckebrot, Fisch und Garnelen als Salat, Paste, in der Dose, getrocknet, geräuchert, gepökelt oder als Chips. Herrlich klebrigen Blaubeerrührkuchen. Und das Highlight: Zimtschnecken. Die Hamburger Morgenpost wählt ja jedes Jahr das beste Franzbrötchen der Stadt. Sorry, aber ihr müsst weinen gehen: diese Zimtschnecken hier vom Bäcker sind der Himmel auf Erden!

Ein Mitglied dieser illustren Fahrgemeinschaft behauptet ja, ich sei essensverliebt. Ich sag mal so: gestern Abend hatte ich eine Orgie.

Das gute daran, essensverliebt zu sein ist ja, dass man trotz unübersehbarem Bauchansatz und fettigen Fingern ständig Dates haben kann. Mein nächstes wartete schon in Spiker, dem kleinen Fischerdorf zu dem wir fahren wollten.

Als wir ankommen, finden wir einen Platz mit direktem Blick auf den kleinen Hafen. Romantisch, fast kitschig ist es hier. Da Walter, das Wohnmobil ja frisch versorgt, aufgefüllt und aufgeräumt ist, haben wir keinen weiteren Auftrag. Schnell noch die Luken auf, frische Luft reinlassen und rüber zum Hafen. Der Versorgungsbeauftragte des Nachbarcampers kommt gerade mit vollen Tüten zurück und erzählt seiner Frau, dass er viel zu viel Räucherfisch gekauft hat, aber der hält sich ja ein paar Tage.

Es gibt zu viel von irgendwas? Vor allem von Räucherfisch? Menschen sind sonderbar.

Wir schlendern durch den Hafen und sind ganz entzückt. Karlchen schnuppert voran, geradewegs zu einer kleinen Hütte mit einem vielversprechenden Schild vor der Tür. Ich kann zwar kein Schwedisch, aber der verliebte Blick eines hungrigen Kenners entdeckt sein nächstes Date auch ohne Worte.

Alter Schwede, wenn ich Walter nicht so verbunden wäre, würde ich hier einziehen: Räucheraal so dick wie mein Oberarm, Lachs so frisch, glänzend und saftig wie … egal. Dorsch, Hering und Zander in allen Variationen. Ich kann mich gar nicht entscheiden.

Zum Glück reise ich ja nicht allein, sondern die Vernunft in Form der geliebten Hausbesetzerin ist auch mitgekommen. Wir beschließen, dass der Fisch unsere Frühstücksorgie wird und es morgen früh ein Wiedersehen geben wird.

Wir schnüffeln noch ein wenig weiter durch den Hafen, als uns ein paar Tropfen treffen. Ein kurzer Blick nach oben verrät: oh ha! Während uns beim Räucherfisch das Wasser im Mund zusammengelaufen ist, haben sich da oben ganz andere Wasserquellen versammelt. Und dann geht es auch schon los, die Schleusen werden geöffnet. Wir schaffen es auf etwa 200m bis zu Walter, dann müssen wir uns in ein kleines Buswartehäuschen flüchten, wenn wir nicht wegespült werden wollen. Es blitzt und donnert, als würde Thor dort oben seine Hochzeit feiern.

Nach 20 min wage ich einen Blick aus dem Häuschen: keine Besserung in Sicht, die Party hat gerade erst begonnen.

Durch den Vorhang aus Wasser schlüpft ein freundliches Paar im besten Alter. Es stellt sich heraus, dass sie aus der Stadt kommen, in der ich großgeworden bin. Wir plaudern angeregt über die schönsten Plätze dort und in Schweden, ich bin ein wenig neidisch über die mehr als 4 Wochen Zeit, die die beiden sich für Schweden schon nehmen, während Karl Angst vor Gewitter und die geliebte Hausbesetzerin vor dem Wasser da draußen hat.

Wasser? Warte mal…. hatte ich vorhin nicht frische Luft in das Wohnmobil gelassen? Durch die Dachluke? Wo Luft rein kommt, kommt auch Wasser rein….

Es sind nur 200m bis zu Walter. Allerdings quer durch einen Wasserfall biblischen Ausmaßes. Andererseits ist es jetzt auch egal. Was jetzt noch offen ist, war auch vor 20min schon offen.

Frau und Hund durch die Fluten zu zerren ist keine Option, nicht für uns und auch nicht für das freundliche Paar. Er beschließt, zu ihrem Camper zu laufen und sie hier abzuholen. Sie wollen noch weiter und es ist schon recht spät.

Sein Angebot, mich mitzunehmen und uns alle ins Trockene zu fahren, lehnen wir leichtsinnig ab – es kann ja nicht mehr so lange dauern. Dachten wir. Gerade als die beiden fröhlich winkend davon fahren merken wir, wie blöd wir eigentlich sind.

Und schon wieder so ein Moment für „lass das mal den Papa machen“. Noch ein kurzes Zögern, aber dann überwiegt der Heldenmut: ich laufe los, versuche über Pfützen zu springen und lande doch mittendrin, so groß sind sie. Walter weint. Oder ist es nur der Regen, der in Sturzbächen an ihm herunter läuft?

Es ist der Regen – oder können Wohnmobile auch von innen weinen? Ich stehe mit den Füßen im Wasser, als ich die Tür endlich aufhabe. Das ist die perfekte Gelegenheit, endlich auch unsere Handtuchvorräte drastisch zu reduzieren. Fühlt sich ein wenig an wie in einem Sumpfgebiet, als ich die geliebte Hausbesetzerin und Karlchen an der Bushaltestelle abhole.

Irgendwie schaffen wir es, aus dem Amphibienfahrzeug wieder ein Wohnmobil zu machen. Und bei beschlagenen Scheiben, Kerze und Rotwein im Trockenen zu sitzen ist ja auch ganz romantisch.

Runter vom Sofa (5): reduce to the max

“ich mag dieses reduzierte Leben”

„hmmhmm“ antworte ich, während ich den kleinen Alukoffer mit dem Grillbesteck öffne und das Weiderindersteak auf dem Edelstahl-Klapp-Grill elegant wende. In der linken Hand habe ich ein gut gekühltes Bier, mein Blick schweift über den spiegelglatten See, in dem sich die Abendsonne in sattem orange-rot spiegelt.

Per App haben wir diesen schönen Stellplatz gefunden, die Mobilfunkverbindung in Schweden ist bislang hervorragend – egal wo wir sind. Walter scheint ebenfalls zufrieden, ohne viel murren stellt er sich mit einer perfekten Blickachse ab.

Wir stehen direkt am See, eingerahmt von einer Handvoll Birken, deren Blätter im Wind leise wispern. Der unverstellte Blick ist so kitschig, dass ich mir erstmal die Tränen aus den Augen wischen muss, um überhaupt etwas zu sehen. Schön, einfach schön!

Ohne viele Worte beschließen wir, für zwei-drei Nächte hier zu bleiben.

Lass‘ mal in Klischees denken: ich kümmere mich um den Außenaufbau, die geliebte Hausbesetzerin rüstet innen von reisen auf stehen um.

Eine Stunde später ist Walter mittels Auffahrrampen ausgemittelt, die Markise gespannt, Tisch, Stuhl, Grill, Sofa und Petroleumlampe aufgebaut. Der Kühlschrank auf Gasbetrieb umgestellt, der Weinkanister griffbereit platziert, Teller, Gläser, Besteck, Fleisch, Käse, Salat und diverse Saucen stehen bereit.

Das reduzierte Leben kann beginnen.

Gerade als ich mich mit einem leichten Schweißausbruch und der Feierabendzigarette aufs Sofa plumpsen lasse, kommt eine schwedische Familie an den See.

Lass‘ mal in Klischees denken: alle vier kommen mit dem Fahrrad, Modell Hollandrad in blau-gelb, Flechtkorb am Lenker. Mama und die beiden Mädchen strohblond mit geflochtenen Zöpfen. Ihre geblümten Sommerkleidchen tanzen mit dem Wind, sie plaudern und lachen, während sie barfuß vom Fahrrad steigen.

Papa hat den Rucksack auf, er ist groß gewachsen, dunkelblond mit rotem Schimmer und einer kurzen Cordlatzhose am schlanken Körper.

Bestens gelaunt zaubert er zwei große Handtücher und vier Flaschen Blaubeerlimonade aus dem Rucksack. Zwei Minuten später springen alle kreischend in den See.

Als wir nach dem Sonnenuntergang von Rotwein auf Gintonic wechseln, fährt Familie Bullerbü nass und zufrieden wieder nach Hause.

Wir genießen die einsetzende Stille der Nacht und stellen erneut fest, dass wir dieses reduzierte Leben sehr lieben.

Ja, tatsächlich. Wir haben allen erdenklichen Schnick-Schnack an Bord, das ist kein Camping, das ist Glamping. Aber was soll’s – solange Walter Kraft und Lust hat, den ganzen Krempel mit zu schleppen, freuen wir uns sehr über die kleinen und großen Annehmlichkeiten. Ich könnte wohl darauf verzichten, hier am See auf einem saubequemen Sofa zu sitzen. Aber dann hätte diese Rubrik keinen Namen und wir weniger Spaß.

Und trotzdem haben wir reduziert. Den Lärm des Alltags, das Müssen und Sollen, die Termine und Pflichten, das Bewerten und Zaudern, das Rennen und Hetzen. Wir sind einfach da, inmitten von Luxus und Bequemlichkeit, aber einfach da. Heute zum Beispiel hier. Und morgen irgendwo anders. Und das macht frei.

Morgen früh werde ich weiter reduzieren und springe nackt in den See. Zur Not mache ich anschließend einfach die Heizung an.

Ort:                      „Sveaskog“, 305 94 Eldsberga

Stellplatz:            Natur-Parkplatz, Rasen/Naturboden

Charakter:          sehr idyllisch, romantisch und natürlich
                              1-2 Wohnmobile
                              ausreichend Platz, direkt am Wasser

Sanitär:                nur das, was Du selbst an Bord hast

Kosten:                —

Lage:                    direkt am Seeufer, geht von einer mittleren, mäßig befahrenen Straße ab

Infrastruktur:     Wasser, Holz, Wald, Sonne, leichte Brise, Bäume für den Schatten

Fahrrad:              zu empfehlen, um in die nähere Umgebung zu kommen

auf dem Platz:   Badestelle, Feuerstelle
                              wird recht rege von Einheimischen zum Baden, Angeln und Picknick besucht  

Empfehlung:       7-8 von 10
                              (uns war es durch die Tagesbesucher teilweise einen Hauch zu unruhig.
                              Das lag aber sicherlich an den schwedischen Ferien + Wochenende)

Runter vom Sofa (3): „dann können wir auch gleich wieder nach Hause fahren“

Die Nacht war ruhig, traumlos und irgendwie zu kurz. Zumindest für mich. Ich werde von den verzweifelten Bemühungen eines dreifachen Vaters geweckt, seine Kinder zu erziehen.

„Wenn Du dir jetzt nicht die Schuhe anziehst, können wir auch gleich wieder nach Hause fahren“

Es muss das verzweifelte „neeeeeeeeeiiiiiinnnnn“ des dreijährigen Blondschopfes gewesen sein, das mich jäh aus dem dringend notwendigen, erholsamen Schlaf gerissen hat. Morgens um halb 6. Ob das „neeeeeeeeeiiiiiinnnnn“ und die begleitenden Tränen den Schuhen oder dem zu Hause galten, konnte ich nicht herausfinden.

Zumindest marschiert Papa kurze Zeit später zur Mülltonne an der Ecke unseres Stellplatzes, drei kleine, blonde Kinder im Schlepptau. Alle vier barfuß. Ich sitze mit dem ersten Kaffee und einer Zigarette neben Walter und nicke dem Dreifachvater mitleidig zu. „Ich weiß bescheid mein Lieber, ich habe es schon hinter mir.“

Als die geliebte Hausbesetzerin eine Stunde später ebenfalls wach ist, werde ich mit ihr darüber philosophieren, wie sinnvoll und effektiv solche Auseinandersetzungen mit der eigenen Brut tatsächlich sind. Mich haben sie heute jedenfalls sehr effektiv geweckt.

Wir wollten ja einen Morgen ohne Hektik und ganz entspannt zur Fähre. Gesagt, getan. Noch einen Kaffee, noch ein kurzer Besuch am Strand, für und wider von Erziehungsmaßnahmen abwägen, Karl niedlich finden.

Als ich gerade zu dem Schluss komme, dass man es mit dem Drangsalieren von Kindern auch nicht übertreiben muss, startet Dreifachpapa seinen coolen offroad-Camper und dröhnt vom Platz.

„wann müssen wir eigentlich los zur Fähre?“ frage ich die Mannschaft und blinzle dabei genüsslich in die Sonne.

„eigentlich in 7 Minuten“

Die ungeschriebenen Kommunikationsgesetze in diesem Haus besagen, dass die Verwendung des Wortes „eigentlich“ höchste Alarmstufe bedeutet. Es meint nicht weniger als „wenn Du nicht sofort Deinen Arsch bewegst, können wir auch gleich wieder nach Hause fahren“.

Aber wir hatten ja eine Anreise ohne Hektik geplant – eigentlich.

Ich bin also zum zweiten Mal schlagartig hellwach, raffe unseren ganzen überflüssigen Glamping-Schnick-Schnack zusammen, kippe den Rest Kaffee in den Brombeerbusch und sitze 11 Minuten später im Cockpit. Im Gegensatz zu mir ist Walter ausgeruht und heult kraftvoll auf. Wenn jetzt alles glatt läuft, sind wir überpünktlich an der Fähre. Passiert uns sonst auch nur ausgesprochen selten.

„Ich brauche noch einen Briefkasten, bevor wir rüberfahren“

Ich mag es, wenn sich die geliebte Hausbesetzerin darum kümmert, dass ich nicht zu übermütig werde. Also gut, suchen wir also noch schnell einen Briefkasten. Ganz ohne Hektik.

Als wir endlich zur Fähre kommen, sind es noch 6 Minuten bis zur empfohlenen CheckIn Zeit. Alter Ver-Walter, wie auch immer wir das geschafft haben. Von einem mehr als desinteressierten Einweiser werden wir auf Spur Nr. 5 gebeten, vorbei an einer 200m langen Schlange wartender Autos und Camper. Irgendwo mittendrin meine ich, einen coolen Offroad Camper zu sehen, aber ich kann mich auch täuschen.

Wir stehen also in der ersten Reihe und es bleibt sogar noch Zeit für eine Zigarette – ohne Hektik. Vor uns ein Koloss aus Stahl, der nur darauf wartet, hunderte Autos mit völlig entspannten Insassen aufzunehmen. Und uns natürlich.

Und tatsächlich: nachdem etwa 20 LKWs in seinem Schlund verschwunden sind, fahren wir als erste über die Rampe.

Die Fahrt nach Kopenhagen läuft so flüssig wie der Weißwein, welchen wir später am Hafen trinken werden. Aber vorher haben wir noch eine Mission:

Seit einiger Zeit sind süchtig nach einer kleinen NetFlix-Serie: „Somebody Feed Phil“. Darin reist ein schräger Typ durch die Welt und frisst sich durch die Spezialitäten der jeweiligen Stadt. Großartig! Und jedes Mal bin ich neidisch, dass mich keine Kamera begleitet und Netflix meine Rechnung bezahlt, wenn ich einen Querfraß-Anfall habe.

Wie auch immer, jedenfalls war Phil in einer der Folgen auch in Kopenhagen und seitdem haben wir Appetit auf das großartige Smörebröd, welches er hier gegessen hat. Das Aamanns Deli ist schnell gefunden und wir sind begeistert. Cooler Laden, man kann sich kaum entscheiden zwischen den vielen wirklich kreativen und leckeren Varianten.

Wir sind hungrig und bestellen je ein Mal „beef Tatar“, „creamy mushrooms“, „organic eggs“ und handgekraulte Garnelen. Wahnsinn, was man aus einem belegten Brot alles machen kann. Es ist tatsächlich so lecker, dass ich die knapp 40 EUR die wir bezahlen, großzügig weglächeln kann.

In Vorfreude auf die moderne Variante des typisch dänischen „Abendbrotes“ finden wir unseren Stellplatz am Hafen Kastrup und haben bereits um halb sechs gehörig einen sitzen.

Immerhin, bis zum Sonnenuntergang ist noch reichlich Zeit und ich kann mir in Ruhe die Schiffe im Hafen anschauen. Dabei finde ich sogar zwei, welche ich mir nach dem Smörebröd sogar noch leisten könnte.

Morgen früh geht es ganz entspannt und ohne Hektik weiter, über die Brücke nach Malmö, Schweden.

Ort:                      Kastrup Lystbädehavn

Stellplatz:            Parkplatz, Schotter

Charakter:          sympathisch, leichte Parkplatzromantik
                              Wohnmobile + Wohnwagen
                              großzügige Plätze, direkter Blick auf den Yacht-Hafen

Sanitär:                WC, Duschen, Ver- und Entsorgung

Kosten:                ca.20 EUR / Nacht

Lage:                    direkt am Yacht-Hafen

Infrastruktur:     zu Fuß erreichbar:
                              Yacht-Hafen, kleiner Park mit Spielplatz, Promenade

Fahrrad:              zu empfehlen, um in den nahegelegenen Stadtteil zu kommen

auf dem Platz:   Strom, Bäume für Schatten

Empfehlung:       5 von 10
                              (für die Nacht vor der Brücke sehr gut)

Runter vom Sofa (2): „Dein Navi irrt sich“

Walter fühlt sich vernachlässigt. Und er fühlt sich nicht nur so – er ist es auch. Er bekommt weder Liebe, noch Aufmerksamkeit, niemand verbringt Zeit mit ihm. Karl behauptet zwar das Gleiche, aber das tut hier nichts zur Sache. Bei Walter ist es ernst. Nicht einmal Diesel kippt Papa hinein. Bei Kindern wäre es höchste Zeit, das Jugendamt einzuschalten.

Aber zum Glück kennt niemand die Telefonnummer des Straßenverkehrsamtes auswendig. Wozu auch? Solange Du pünktlich die KFZ-Steuern bezahlst, kannst Du deinen vierrädrigen Gefährten vernachlässigen, soviel Du willst. Und Karl? Niemand glaubt ihm.

Wie dem auch sei, Walter hat seine ganz eigene Strategie, mit fehlender Liebe umzugehen. Er macht einfach die Lichter aus. Im wahrsten Sinne des Wortes. Als ich ihn zu einer kleinen, spontanen Ausfahrt überreden wollte, sagte er einfach mal: „        „ (nichts).

Einen Batteriewechsel später haben wir beschlossen: so kann es nicht weiter gehen. In unserem Übermut haben wir schnell das noch fehlende Equipment bestellt, um aus dem, was andere „Camping“ nennen, unser ganz eigenes „Glamping“ zu machen. Oder könnt Ihr euch vorstellen, ohne großen Tisch, Gasflammentoaster, Megagrill, ein japanisches Messer, 4 Kanister Wein mit Zapfhahn und guten Rum das Haus zu verlassen? Eben, konnten wir auch nicht….

Jetzt sind wir zwar pleite, aber glücklich. Und wo leben die glücklichsten Menschen der Welt? Genau – in Schweden! Deshalb hat es gar nicht lange gedauert zu beschließen, wohin wir fahren: in das Land der glücklichen Menschen und Elche.

Vor das ewige Glück hat der liebe Gott oder meine Mutter – oder wer auch immer – das Mühsal gestellt. Da kannst Du endlose Pack- und Erledigungs-Listen schreiben, am Ende bist Du genervt, gestresst und spät dran. In unserem Fall 6 Stunden.

Als wir endlich loskommen, ist es 16:30. Das C-Testzentrum schließt um 17:00 Uhr. Pünktlich 17:05 stehen wir vor verschlossenen Toren. Also verbringen wir die nächste halbe Stunde damit, das noch geöffnete Testzentrum in der Innenstadt zu besuchen. Alles total hip hier, ich bin geneigt mir am Tresen einen VinTonic oder einen Jägermeister mit FritzCola zu bestellen. Stattdessen gibt’s „Wattestäbchen tief rein“ – aber das kennen wir ja schon.

Als wir endlich auf der Autobahn gen Norden sind, bedankt sich Walter mit konstanten 101km/h Höchstgeschwindigkeit. Es ist wie bei Kindern (oder Hunden): wenn Du sie erstmal eine Weile vernachlässigst, freuen sie sich um so mehr über ein wenig Aufmerksamkeit.

Die Ankunftszeit wird auf 20:10 prognostiziert. Schon wieder bin ich übermütig und verspreche der geliebten Hausbesetzerin wenigstens noch einen spektakulären Sonnenuntergang auf Fehmarn am Strand.

Das Navi führt uns zielsicher zum Campingplatz, direkt an der Fähre. Der Plan: wir haben einen entspannten Abend und stressfreien Morgen mit einem kurzen Weg zur Fähre am nächsten Morgen.

Aber eben nicht auf dem Campingplatz, sondern freistehend direkt am Wasser. Das Navi verspricht einen kleinen Weg dorthin, direkt an der Rückseite des gut organisierten Campingplatzes entlang.

„Dein Navi irrt sich“ lese ich auf einem handgeschriebenen, großen Schild aus dem Augenwinkel, während Walter und ich versuchen, uns durch Gestrüpp, eine ausgespülte Trekkerspur und 35° Seitenneigung zu kämpfen. „jaja, du bist nur neidisch“ rufe ich dem Schilderschreiber in Gedanken hinterher, während ich mit dem rechten Vorderrad fast in armdickem Brombeergestrüpp hängen geblieben wäre.

Walter stöhnt und ächzt, was ich als heldenhafte Jubelgeräusche völlig fehlinterpretiere. Irgendwann höre ich von draußen nicht nur Walters Achsen stöhnen, sondern Schafe bölken. Der „Weg“ mausert sich zu einem Trampelpfad und in einiger Entfernung sehe ich, wie sich ein paar junge Kiefern höhnisch im Ostseewind wiegen. Zeit für „lass das mal den Papa machen“.

Ich gönne Walter eine kurze Pause, steige aus und erkunde den Weg zu Fuß. Genauso gut hätte ich mich auch nackt in die Brombeeren schmeißen können – hier geht es nicht weiter.

Ein guter Kapitän denkt zuerst an die Mannschaft, dann ans Schiff und irgendwann an sich selbst. Mit staatstragender Miene verkünde ich der Mannschaft: „wir drehen um, das ist für Euch alle zu gefährlich“.

Ich versuche den Eindruck, alles im Griff zu haben, noch ein wenig aufrecht zu erhalten, während ich Walter zwinge, praktisch auf der Stelle – die in diesem Fall eine matschige Kuhwiese ist – zu wenden.

Wir schaukeln zurück, vorbei an dem Schild, auf dessen Rückseite mit roter Farbe steht „sag ich doch“.

Blödmann!

Es gibt aber tatsächlich noch einen anderen Weg zu dem wir-stellen-uns-doch-nicht-auf-einen-offiziellen-Campingplatz-Stellplatz.

Die Sonne verschwindet gerade hinter dem Horizont, als ich die geliebte Hausbesetzerin eilig zum Strand zerre, um wenigstens mein Versprechen noch einzuhalten.

Ort:                      „Grüner Brink“ auf Fehmarn
                              fürs Navi (ohne Büsche) „zum Badestrand“

Stellplatz:            Parkplatz, Schotter

Charakter:          klar, einfach, ohne alles
                              Wohnmobile + Wohnwagen
                              großzügige Plätze

Sanitär:                hä? Gibt’s nich

Kosten:                9 EUR / Nacht

Lage:                    50m zum Strand

Infrastruktur:     zu Fuß erreichbar:
                              Strand, Belt-Bude (ab 11:00 geöffnet, bis Sonnenuntergang (!)

Fahrrad:              nicht nötig

auf dem Platz:   weinende Kinder, Mülltonne, sonst nix

Empfehlung:       4 von 10
                              (für die Nacht vor der Fähre o.k.)