Runter vom Sofa (2): „Dein Navi irrt sich“

Walter fühlt sich vernachlässigt. Und er fühlt sich nicht nur so – er ist es auch. Er bekommt weder Liebe, noch Aufmerksamkeit, niemand verbringt Zeit mit ihm. Karl behauptet zwar das Gleiche, aber das tut hier nichts zur Sache. Bei Walter ist es ernst. Nicht einmal Diesel kippt Papa hinein. Bei Kindern wäre es höchste Zeit, das Jugendamt einzuschalten.

Aber zum Glück kennt niemand die Telefonnummer des Straßenverkehrsamtes auswendig. Wozu auch? Solange Du pünktlich die KFZ-Steuern bezahlst, kannst Du deinen vierrädrigen Gefährten vernachlässigen, soviel Du willst. Und Karl? Niemand glaubt ihm.

Wie dem auch sei, Walter hat seine ganz eigene Strategie, mit fehlender Liebe umzugehen. Er macht einfach die Lichter aus. Im wahrsten Sinne des Wortes. Als ich ihn zu einer kleinen, spontanen Ausfahrt überreden wollte, sagte er einfach mal: „        „ (nichts).

Einen Batteriewechsel später haben wir beschlossen: so kann es nicht weiter gehen. In unserem Übermut haben wir schnell das noch fehlende Equipment bestellt, um aus dem, was andere „Camping“ nennen, unser ganz eigenes „Glamping“ zu machen. Oder könnt Ihr euch vorstellen, ohne großen Tisch, Gasflammentoaster, Megagrill, ein japanisches Messer, 4 Kanister Wein mit Zapfhahn und guten Rum das Haus zu verlassen? Eben, konnten wir auch nicht….

Jetzt sind wir zwar pleite, aber glücklich. Und wo leben die glücklichsten Menschen der Welt? Genau – in Schweden! Deshalb hat es gar nicht lange gedauert zu beschließen, wohin wir fahren: in das Land der glücklichen Menschen und Elche.

Vor das ewige Glück hat der liebe Gott oder meine Mutter – oder wer auch immer – das Mühsal gestellt. Da kannst Du endlose Pack- und Erledigungs-Listen schreiben, am Ende bist Du genervt, gestresst und spät dran. In unserem Fall 6 Stunden.

Als wir endlich loskommen, ist es 16:30. Das C-Testzentrum schließt um 17:00 Uhr. Pünktlich 17:05 stehen wir vor verschlossenen Toren. Also verbringen wir die nächste halbe Stunde damit, das noch geöffnete Testzentrum in der Innenstadt zu besuchen. Alles total hip hier, ich bin geneigt mir am Tresen einen VinTonic oder einen Jägermeister mit FritzCola zu bestellen. Stattdessen gibt’s „Wattestäbchen tief rein“ – aber das kennen wir ja schon.

Als wir endlich auf der Autobahn gen Norden sind, bedankt sich Walter mit konstanten 101km/h Höchstgeschwindigkeit. Es ist wie bei Kindern (oder Hunden): wenn Du sie erstmal eine Weile vernachlässigst, freuen sie sich um so mehr über ein wenig Aufmerksamkeit.

Die Ankunftszeit wird auf 20:10 prognostiziert. Schon wieder bin ich übermütig und verspreche der geliebten Hausbesetzerin wenigstens noch einen spektakulären Sonnenuntergang auf Fehmarn am Strand.

Das Navi führt uns zielsicher zum Campingplatz, direkt an der Fähre. Der Plan: wir haben einen entspannten Abend und stressfreien Morgen mit einem kurzen Weg zur Fähre am nächsten Morgen.

Aber eben nicht auf dem Campingplatz, sondern freistehend direkt am Wasser. Das Navi verspricht einen kleinen Weg dorthin, direkt an der Rückseite des gut organisierten Campingplatzes entlang.

„Dein Navi irrt sich“ lese ich auf einem handgeschriebenen, großen Schild aus dem Augenwinkel, während Walter und ich versuchen, uns durch Gestrüpp, eine ausgespülte Trekkerspur und 35° Seitenneigung zu kämpfen. „jaja, du bist nur neidisch“ rufe ich dem Schilderschreiber in Gedanken hinterher, während ich mit dem rechten Vorderrad fast in armdickem Brombeergestrüpp hängen geblieben wäre.

Walter stöhnt und ächzt, was ich als heldenhafte Jubelgeräusche völlig fehlinterpretiere. Irgendwann höre ich von draußen nicht nur Walters Achsen stöhnen, sondern Schafe bölken. Der „Weg“ mausert sich zu einem Trampelpfad und in einiger Entfernung sehe ich, wie sich ein paar junge Kiefern höhnisch im Ostseewind wiegen. Zeit für „lass das mal den Papa machen“.

Ich gönne Walter eine kurze Pause, steige aus und erkunde den Weg zu Fuß. Genauso gut hätte ich mich auch nackt in die Brombeeren schmeißen können – hier geht es nicht weiter.

Ein guter Kapitän denkt zuerst an die Mannschaft, dann ans Schiff und irgendwann an sich selbst. Mit staatstragender Miene verkünde ich der Mannschaft: „wir drehen um, das ist für Euch alle zu gefährlich“.

Ich versuche den Eindruck, alles im Griff zu haben, noch ein wenig aufrecht zu erhalten, während ich Walter zwinge, praktisch auf der Stelle – die in diesem Fall eine matschige Kuhwiese ist – zu wenden.

Wir schaukeln zurück, vorbei an dem Schild, auf dessen Rückseite mit roter Farbe steht „sag ich doch“.

Blödmann!

Es gibt aber tatsächlich noch einen anderen Weg zu dem wir-stellen-uns-doch-nicht-auf-einen-offiziellen-Campingplatz-Stellplatz.

Die Sonne verschwindet gerade hinter dem Horizont, als ich die geliebte Hausbesetzerin eilig zum Strand zerre, um wenigstens mein Versprechen noch einzuhalten.

Ort:                      „Grüner Brink“ auf Fehmarn
                              fürs Navi (ohne Büsche) „zum Badestrand“

Stellplatz:            Parkplatz, Schotter

Charakter:          klar, einfach, ohne alles
                              Wohnmobile + Wohnwagen
                              großzügige Plätze

Sanitär:                hä? Gibt’s nich

Kosten:                9 EUR / Nacht

Lage:                    50m zum Strand

Infrastruktur:     zu Fuß erreichbar:
                              Strand, Belt-Bude (ab 11:00 geöffnet, bis Sonnenuntergang (!)

Fahrrad:              nicht nötig

auf dem Platz:   weinende Kinder, Mülltonne, sonst nix

Empfehlung:       4 von 10
                              (für die Nacht vor der Fähre o.k.)

Autor: Björn Pamperin (die-platzbesetzer.de)

Pirat, Autor, Freigeist, Chaot, Monk, kreativer Kopf, Wildfang .... stimmt alles gar nicht und irgendwie doch. Was ich am wenigsten mag, sind Schubladen. Dafür mag ich um so mehr Freiheit, Neugierde, Sonne, das Meer, meine Prinzessin, meine Kinder, das Unbekannte und gutes Essen. Kommt mit auf unsere Reise. Hier wird es bunt und launig, manchmal schräg und launisch. In jedem Fall aber echt und ehrlich. w www.die-platzbesetzer.de und die wohnen hier ww.dashausmitdemblauenzaun.de

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