Möwen füttern verboten

„na dann lehnen Sie mal ganz entspannt den Kopf zurück“

Meine Entspannung dauerte genau so lange an, bis mir der Typ das Wattestäbchen bis zum Gehirn in die Nase schiebt. Die gute Nachricht ist, dass er dort auf Widerstand stößt, also ganz leer scheint es da oben nicht zu sein. Meine Freude darüber war allerdings nicht für jedermann sichtbar, denn für die nächsten 2 Stunden liefen mir Tränen aus den Augen.

„Wenn Sie wieder etwas sehen können, dürfen Sie gerne weiterfahren“ – der Typ vom Corona-Testzentrum hatte wenigstens einen schrägen Humor, auch wenn ich ihn gleich wegen Folter anzeigen werde.

Wegen der Tränen konnte ich das Testergebnis per E-Mail selbst nicht lesen, aber da es einen kausalen Zusammenhang zwischen Hotelzimmer und Testergebnis gibt, scheint er negativ gewesen zu sein.  

So beginnt also das verlängerte Wochenende nicht wie geplant mit einem Aperol auf der Promenade, sondern mit einem mechanischen IQ Test im drive-in-Testzentrum.

Auf besonderen Wunsch, Einladung und Anlass einer ganz besonderen Dame sind wir für drei Tage in Kühlungsborn – „Seebad mit Flair“. Karl und Walter mussten leider zu Hause bleiben, die zweite schmerzhafte Erfahrung nach dem Wattestäbchen.

Wir verfallen tatsächlich in das Klischee allein reisender Eltern, die sich erst wochenlang darauf freuen, endlich mal Zeit alleine und ohne Verpflichtungen zu haben, sich dann aber ständig Gedanken darüber machen, ob es der zu Hause gebliebenen Brut gut geht, wie sehr man sie vermisst und dass das alles doch eigentlich eine Scheißidee war. „Machen wir nie wieder“ ist einer der am häufigsten gesagten Sätze des ersten Tages.

Nach einem Tag fangen wir uns auch wieder und fangen an wahrzunehmen, wo wir eigentlich sind.

Wie wir später feststellen werden, war das ganze Kopfkino umsonst – die kleine Prinzessin erweist sich nämlich als die perfekte Haus- Hof- und Hundesitterin und wächst über sich hinaus. Prompt verfallen wir in das nächste Klischee, sind unfassbar stolz auf sie und halten sie fast für ein Wunderkind.

Aber noch ist es nicht soweit. Ich kann inzwischen wieder gucken und denken und die kleine Reisegruppe trifft sich fein herausgeputzt zum Abendessen. Und schon lernen wir wieder eine Lektion: es gibt hier noch andere Menschen – es ist voll. Anderthalb Jahre Lockdown, homeoffice und Menschendetox haben uns aus der Übung kommen lassen. Ich bin es gar nicht mehr gewohnt, ein Stimmengewirr aus 200 Kehlen einfach zu ignorieren, statt jedes Wort verstehen zu wollen. Fremde Menschen, die einem nahe kommen, irritieren meinen Geruchssinn. Und wie sichere ich mir den letzten freien Tisch, den 6 andere auch haben wollen?

Gerade rechtzeitig erinnere ich mich an eine Weisheit meines Grafikprofessors: kleine Kinder und Hundewelpen gehen immer. Wir bekommen den Tisch.

In einem Restaurant essen zu gehen ist allerdings geil! Das habe ich tatsächlich vermisst. Dementsprechend übertreiben wir es natürlich – mit allem. Ein Teil der kleinen Reisegruppe wird am nächsten Tag Magenschmerzen, ein anderer Teil Kopfschmerzen haben. Ein sehr kleiner Teil sogar beides.

Wie gut, dass es an diesem Tag keine festen Programmpunkte gibt. Wir gehen los, Kühlungsborn zu entdecken. Die geliebte Hausbesetzerin nach links, in die Richtung, aus der es bunt flattert, glitzert und duftet.

Mich verschlägt es nach rechts, hier ist es windig, sandig und riecht nach Florena Sonnenmilch.

Sie kommt zurück mit ein paar hübschen Tüten und ebenso hübschem Inhalt. Ich weiß nun, was ich hier alles nicht darf. Mein Handtuch neben einen Strandkorb legen zum Beispiel.

Kühlungsborn ist wirklich hübsch. Oder sollte ich sagen „nett“? Nein, es ist hübsch. Alles ist auffallend sauber, alle 30m stehen zwei hübsche weiße Bänke, die Bäume auf der Promenade sind hübsch geschnitten, die Pflastersteine derselben sind hübsch angeordnet, die dahinter stehenden Villen und Hotels sind farblich hübsch aufeinander abgestimmt. Ich mag diese Ordnung sehr, sie gibt Ruhe und Sicherheit.

Um diese Postkartenidylle bewahren zu können, braucht es natürlich Verbot… ähm Regeln. So nach und nach entdecke ich in den nächsten Tagen immer mehr Schilder mit sehr freundlichen, aber konsequenten Regeln.

In nasser Badehose quer über die Promenade zu schlappen ist hier nicht – aber das würde auch nicht passen. Dafür wird der Strand hier jeden Morgen geharkt und die Strandkörbe fein säuberlich ausgerichtet – sortiert nach Nummern.

Ich hatte ja gehofft, dass ich am Strand – während ich in der Sonne liege, meine Badehose trocknet und ich ungeniert Leute beobachten kann – einiges entdecken und für Euch hier aufschreiben kann. Aber da war nicht viel. Friedliches, harmloses, regelkonformes Strandleben. Ruhig, erholsam – aber irgendwie auch langweilig. Ich habe nicht mal ein Stück Brot dabei, um die Möwen zu füttern.

So geht der Tag zu Ende, wir haben ohne Kleinkind-Hundewelpen-Trick einen Platz in der ersten Reihe ergattert und erleben beim Rotwein einen filmreifen Sonnenuntergang. Natürlich fotografiere ich ihn – so wie 300 andere vor uns auf der Promenade auch. Schade dass ich nicht sehen kann, wie dieses Bild tausendfach gleichzeitig auf facebook hochgeladen und gelikt wird. Aber ich kann es mir vorstellen.

http://www.kuehlungsborn.de

Autor: Björn Pamperin (die-platzbesetzer.de)

Pirat, Autor, Freigeist, Chaot, Monk, kreativer Kopf, Wildfang .... stimmt alles gar nicht und irgendwie doch. Was ich am wenigsten mag, sind Schubladen. Dafür mag ich um so mehr Freiheit, Neugierde, Sonne, das Meer, meine Prinzessin, meine Kinder, das Unbekannte und gutes Essen. Kommt mit auf unsere Reise. Hier wird es bunt und launig, manchmal schräg und launisch. In jedem Fall aber echt und ehrlich. w www.die-platzbesetzer.de und die wohnen hier ww.dashausmitdemblauenzaun.de

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