Alles unter einem Hut

Morgens halb sieben ist die Welt noch in Ordnung. Zumindest für Karl.

Ich werde wach, weil es sich anhört, als würde der Seppel Joseph neben mir für das Finale der Schuhplattler Meisterschaft üben. Ich versuche mich kurz zu erinnern, ob wir gestern Abend aus Versehen nach Bayern gefahren sind.

Aber nein – die erste gute Nachricht des Tages ist: ich bin zu Hause. Das Rudel ist vollzählig, wenn auch nur halb wach. Bis auf einen. Der ist krähwach. Seppel Joseph entpuppt sich nämlich als Karl – Rudelmitglied Nr. 4, der sich auf dem Holzfußboden allerdings aufführt als wäre er die Nr. 1. Tippelt und tänzelt umher, überwindet völlig schamlos meine Komfortzone und deponiert all sein Spielzeug neben meinem Ohr. Und weil ich ja jetzt sein Spielzeug habe, schleppt er meine Hose weg. Stolz wie Oskar trägt er seine Beute durchs Haus.

„Scheiß Party – wenn ich meine Hose finde, gehe ich nach Hause“ schießt es mir durch den Kopf. Aber da ich zum Glück ja zu Hause und nicht in Bayern bin, kann ich mir auch einfach eine neue aus dem Schrank nehmen. Immerhin.

Während Karl mir weiterhin ungeniert seine Beute präsentiert, schaffe ich es irgendwie zur Kaffeemaschine. Auf dem Weg dorthin komme ich am großen Spiegel vorbei. Ach Du Scheiße! Ich sehe aus, als hätte ich an der Kissenschlacht-Meisterschaft teilgenommen – und verloren.

Ich weiß ja, ich müsste dringend mal wieder zum Frisör. Aber dafür ist es jetzt noch zu früh. Und für den Moment sowieso zu spät. Wenn ich es noch schaffe, mit Hilfe von Kaffee und Zigarette halbwegs wach zu werden, habe ich schon gewonnen. Nr. 4 muss nämlich raus, dringend. Alles andere ist erstmal zweitrangig – auch die Haare.

Trotzdem lässt mich der Gedanke beim Kaffee nicht los: so kann ich nicht raus auf die Straße. Mir ist zwar vieles egal, vor allem was andere von mir denken. Aber als Clown bin ich hier auch nicht angestellt.

Kapuze. Ich ziehe einfach die Jacke mit Kapuze an! Nee, erstens mag ich die Jacke nicht, zweitens hält die olle Kapuze genau 20 Sekunden, bevor sie mir vom Kopf rutscht.

Ich versuche es schnell mit der Bürste – aber die ist machtlos gegen das Gestrüpp auf meinem Kopf und ich sehe nicht nur aus als hätte ich die Kissenschlacht verloren, sondern dabei auch noch meine Würde.

Während ich beim letzten Schluck Kaffee nach weiteren Optionen suche, kommt Nr. 2 um die Ecke und lacht sich erstmal tot. Danke! Ich Dich auch – meistens jedenfalls!

Sie verschwindet kurz im Flur und reicht mir kurz darauf stumm ein Cap. Naja, ganz stumm nicht: ihre Augen sprechen Bände. Und die sagen „setz das Ding auf und stell Dich nicht so an. Karl muss raus“

Ich hasse Mützen jeder Art. Darunter ist es immer viel zu warm. Außerdem fühlt es sich an, als würden 1000 Käfer Junggesellenabschied feiern. Schon meine Mutter ist daran verzweifelt und wenn sie Recht behalten hätte, wäre ich längst erfroren. Der Fisch friert ja bekanntlich immer am Kopf zuerst.

Zum Glück bin ich kein Fisch, also auch nach 46 Wintern nicht erfroren und setze das Scheißding einfach auf. Hilft ja nix. Karl guckt mich an, als ob ich ein Fisch wäre – kommt aber trotzdem freiwillig mit. Immerhin bekommt er von mir später sein Futter.

Und wie wir so durch den nasskalten Morgen schlendern – ich in Gedanken bei den Käfern auf Junggesellenabschied, Karl bei der nächsten Pusteblume – kommen uns diverse andere Rudelführer mit ihren Hunden entgegen.

Und was soll ich sagen – Karl schaut sie alle an, als wären sie ein Fisch. Und im übertragenen Sinne stimmt das ja auch. Denn sie alle tragen eine Mütze.

Mal aus Wolle, mal groß, mal klein, hell oder dunkel, mit Schirm, ohne … alles dabei. Nur keine Frisur, die sitzt.

Sollte es etwa, also bin ich vielleicht heute morgen nicht der Einzige….?

Nachdem ich eine Weile all die Mützen- und Hutpassanten beobachtet habe, drängt sich mir eine Theorie auf: hatte meine Mutter gar nicht Recht und denen ist allen gar nicht kalt?

Tragen die alle vielleicht nur etwas auf dem Kopf, weil sie genau wie ich dringend zum Frisör müssen und das vor der Kissenschlachtmeisterschaft nicht mehr geschafft haben?

Mit anderen Worten: haben sie alle etwas zu verbergen? Nämlich die schlechtsitzende Frisur?

Wenn das tatsächlich so wäre ….. bräuchte ich nie wieder Mütze oder Cap tragen. Ich müsste nur schnell auch alle anderen davon überzeugen, dass es viel zu warm ist und juckt am Kopf. Dann würden wir alle gleich bescheuert aussehen mit unserem Wuschelkopf. Aber es wäre egal, wir sind ja unter uns morgens kurz nach sieben.

Auf dem Weg nach Hause denke ich ernsthaft darüber nach, wie ich all die armen, bemützten Seelen überzeugen und „unter einen Hut bringen“ könnte – nämlich keine Mütze mehr zu tragen. Da kommt mir H. entgegen, der Grand Senior des Dorfes und seines Zeichens Frisörmeistermeister. NATÜRLICH ist er frisch frisiert und sieht aus, wie aus dem Ei gepellt. Zum Gruß lüfte ich mein Cap ein ganz klein wenig mehr als es nötig gewesen wäre.

Sein Blick: unbezahlbar!

Autor: Björn Pamperin (die-platzbesetzer.de)

Pirat, Autor, Freigeist, Chaot, Monk, kreativer Kopf, Wildfang .... stimmt alles gar nicht und irgendwie doch. Was ich am wenigsten mag, sind Schubladen. Dafür mag ich um so mehr Freiheit, Neugierde, Sonne, das Meer, meine Prinzessin, meine Kinder, das Unbekannte und gutes Essen. Kommt mit auf unsere Reise. Hier wird es bunt und launig, manchmal schräg und launisch. In jedem Fall aber echt und ehrlich. w www.die-platzbesetzer.de und die wohnen hier ww.dashausmitdemblauenzaun.de

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